... portraitiert Menschen aus Leipzig.
Es werden Leute in den verschiedenen Stadtvierteln interviewt und dazu Bildserien erstellt. Das Onlinemagazin schafft Transparenz der Leipziger und Leipzigerinnen gegenüber ihrer Meinung zur Stadt und zum Leben.

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Anne

Wo sind all die Hipster?

Anne | Marketingleiterin bei Laviu | 30 Jahre | aus der Nähe von Chemnitz | wohnt in Lindenau

Frohes neues Jahr – wir haben 2017. Was sind Deine neuen Vorsätze?


Ich habe eigentlich keine neuen Vorsätze. Mein neues Jahr begann quasi schon vor vier Monaten, als wir von Berlin nach Leipzig gezogen sind. Das war für meinen Mann, meinen Sohn  und für mich eine Phase des totalen Umschwungs und damit ein komplett neuer Lebensabschnitt. Das war schon so ein „Hard Break“, wo alles anders ist – die Wohnung, die Arbeit, die Umgebung, die Freunde. Die letzten Monate waren also schon so viel Veränderung, dass wir die nächsten eher zum Ausgleich nutzen wollen und ein bisschen Balance finden, Wurzeln schlagen.

Wie plant Ihr das, Eure Balance besser zu finden?


Durch Yoga [lacht] … Es ist schwer zu beantworten. Ich mache jetzt zum Beispiel Home-Office. Früher dachte ich immer: „Geil, Home-Office ist ja mega entspannt.“ – Jetzt merke ich, dass das auch eine Herausforderung ist. Ich muss jetzt mehr auf Arbeitszeiten achten, dass ich irgendwann wieder vom Schreibtisch weggehe, eine Pause und eben so was wie Yoga mache. Ich versuche auch einmal die Woche in die Sauna ins Stadtbad zu gehen. Wir haben ein kleines Kind zu Hause; mit Vollzeitjob, Hund und Haushalt ist es einfach wichtig seine Balance zu halten und auf sich zu achten.

Wie ist es denn in Leipzig mit Kind? Wie schätzt Du das ein?

Ich schätze es sehr gut ein. Ich war überrascht, wie viele junge Familien es hier gibt und finde es gut, wie natürlich und entspannt damit umgegangen wird. Generell gibt es gefühlt eine hohe Akzeptanz von Familien mit kleinen Kindern – viele haben Fahrradanhänger und Hunde dabei, manchmal ein Kind, manchmal zwei, drei. In allen Cafes und Restaurants, in denen wir waren, war das nie ein Thema das Kind mitzubringen. Was ich allerdings ein bisschen vermisse, speziell hier im Westen, ist ein Kinder-Cafe – aber vielleicht bin ich auch noch zu neu und kenne es nur noch nicht. Wo man gezielt hingeht, andere Eltern trifft, das Kind einfach macht und mit anderen spielen kann.

War das in Berlin anders?


Es gibt in Berlin ein breites Angebot von allem und eben auch für Eltern, Kindercafés gab es zum Beispiel einige. Es gab aber auch einige Restaurants oder Galerien, wo Kinder eher nicht erwünscht waren – und das habe ich hier so noch nicht erlebt. Im Gegenteil: Diese Nachbarschaftsgärten, die hier in den Seitenstraßen sind, finde ich super. Du gehst dahin, schmeißt dich in eine Ecke und die Kids können einfach machen. So etwas gibt’s in Berlin Mitte eher weniger. Vielleicht irgendwo in Neukölln, aber in Mitte hatten wir das eigentlich nicht.

Anne

Was hast Du in Leipzig in den letzten Monaten schon richtig lieb gewonnen?

Die Karl-Heine-Straße, weil wir hier direkt wohnen. Ich habe gestern noch zu meinem Mann gesagt, wie krass ich es finde, dass wir hier in der Straße einfach gerade alles bekommen, was wir brauchen. Man bekommt hier Essen, man hat Cafes, den Kanal und Parks, Spätis und kleine Läden, man kann ins Kino gehen, Yoga oder Party machen, in die Sauna – das ist gerade so unsere kleine Welt hier.



Ihr hattet den Entschluss nach Leipzig zu ziehen. Was hattest Du bis dahin mit der Stadt verbunden?

Nicht so viel Positives ehrlich gesagt. In Berlin entwickelt sich schnell so eine gewisse Arroganz gegenüber den Städten im Osten. Wir haben öfter mit dem Gedanken gespielt, nach Leipzig zu ziehen um näher an unserer Ursprungsfamile in Chemnitz zu sein. Wir dachten aber immer, dass wir hier nie einen Job finden und die Stadt nicht so viel zu bieten hat. Dann waren wir letztes Jahr in einer airbnb-Wohnung in Schleußig, um Leipzig kennenzulernen und haben uns umgeschaut. Da waren wir positiv überrascht, was hier alles steht und entsteht und es war echt nett. Uns hat es jedenfalls überzeugt. Ich finde es in vielerlei Hinsicht innovativer, aber auch bodenständiger und gelöster als in Berlin. Die Leute sind viel nahbarer. Was es hier meiner Wahrnehmung nach aber nicht so gibt, sind die Hipster. In Berlin Mitte hast du überall, wo es „in“ ist, diesen Hipster-Typ. Das ist hier nicht so – das war fast schon irritierend, das hat fast gefehlt.

Kannst Du Dich an einen Moment erinnern, an dem Du richtig glücklich warst?


Das mag jetzt vielleicht blöd klingen, aber ich habe seit einem halben Jahr fast nur solche Momente. Ich bin echt zufrieden mit meinem neuen Job hier, unserer Wohnung, den Nachbarn, der Umgebung. Hier fühle ich mich gerade ziemlich glücklich, so wie es ist. 


Stell Dir vor du hättest alle Ressourcen der Welt.

Welchen Wunsch würdest Du Dir oder der Allgemeinheit erfüllen?

Frieden auf Erden. Das wäre mein Wunsch für die Welt und die Allgemeinheit, wenn ich einfach mit dem Zauberstab rühren könnte.
Ehrlich gesagt bin ich ansonsten schon ziemlich nah dran an dem, was ich gern machen möchte und an dem was ich gern hätte. Ich wollte schon immer eine Familie haben und die habe ich jetzt auch. Die wird bestimmt auch noch einmal wachsen.

Anne

Was würdest Du an unserer Gesellschaft ändern, wenn Du es könntest?

Ich würde gerne mehr Mitgefühl erreichen. Es wäre schon, wenn man mehr miteinander fühlt – egal ob im Stadtviertel, oder mit Nachbarn. Das aufeinander Rücksicht nehmen ist wichtig. So kann man das Neue oder Andere auch besser verstehen. Das ist für mich als Zugezogene ein Thema. Das ist aber auch ein Thema mit der ganzen Flüchtlingsthematik. Oder auch ein grundsätzliches Thema für Unternehmen. Ich denke, dass es dort, wo viele neue Einflüsse zusammenkommen, ganz tolle Ideen und Sachen entstehen können. Dazu würde ich der Gesellschaft mehr verhelfen.



Du meintest, dass Du schon nah an dem dran bist, was Du in Deinem Leben möchtest. Wie erreichst Du Ziele? 



Durch ständige, tiefe und erschöpfende Selbstreflektion. [lacht] Mein erster Indikator ist immer mein Bauch. Wenn ich in einer bestimmten Situation bin, schau ich immer – wie fühlt sich das an? Wenn es sich gut anfühlt mache ich erstmal weiter. Irgendwann merke ich vielleicht, dass etwas nicht mehr passt und dann fange ich sofort an zu überlegen, was es sein könnte. Ich überlege mir Alternativen und überlege dann „Okay, wo führt mein Bauch mich hin.“ Auch der Umzug nach Leipzig – wir haben nach acht Jahren Berlin gemerkt, dass es sich gerade erschöpft. Dann war ganz viel im Gespräch, Städte wie beispielsweise Stockholm, Amsterdam oder Zürich. Aber irgendwie hatte das nicht so richtig gepasst. Ich gehe mit einem solchen Gedanken schwanger und schaue dann nach ein paar Tagen, ob das passt oder nicht passt. Ich habe ein gutes Vorstellungsvermögen. Ich bin aber auch ein Typ, der Fehler selber machen muss. Ich habe zum Beispiel vor zwei Jahren eine Coachingausbildung angefangen. Ich dachte, dass das total mein Ding wäre Life-Coach zu sein. Das war auch eine tolle Ausbildung und hat viel Spaß gemacht. Ich habe auch super Feedback bekommen und hätte das auch sicher machen können, aber mein Bauch hat gesagt – so ganz allein in einer Coachingpraxis sitzen? Lieber doch nicht. Ich reflektiere also viel, aber probiere auch schnell aus, ob das passt oder nicht.



Vervollständige bitte die Satzanfänge:

  1. 


Auf Arbeit …  geht es total heiß her und das finde ich super. 


  2. Mein zu Hause … ist meine absolute Schutzhöle. 


  3. In fünf Jahren … bin ich kinderreich, beruflich erfolgreich und dick.
  4. 

In Leipzig … sind wir jetzt und schauen was kommt. 


  5. Mein Leben … ist klasse.