... portraitiert Menschen aus Leipzig.
Es werden Leute in den verschiedenen Stadtvierteln interviewt und dazu Bildserien erstellt. Das Onlinemagazin schafft Transparenz der Leipziger und Leipzigerinnen gegenüber ihrer Meinung zur Stadt und zum Leben.

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Dea

Über Zukunft, Trauer und die Angst vor dem Tod

Dea | arbeitet für den Internationalen Bund im Planungsraummanagement für Kinder- und Jugendhilfe und in der Rumpelkammer | 34 Jahre | aus Gräfendorf in Thüringen | wohnt in Volkmarsdorf

Du wohnst seit 15 Jahren in Leipzig. Wie konntest Du Dich in dieser Zeit in das Stadtgeschehen einbringen?

Das mache ich erst, seitdem ich in Volkmarsdorf wohne. Vorher habe ich mich gar nicht so für Stadtteile interessiert. Da sich der Leipziger Osten so schnell verändert, versuche ich mich tatsächlich hier ein wenig einzubringen, indem ich das etwas steuern kann. Damit das nicht zu schnell geht und zu viel auf einmal passiert. Ich möchte bei den Menschen etwas auf die Bremse drücken und zeigen, dass es schon welche gibt, die aktiv etwas machen und etwas auf die Beine stellen – und das sehr gut machen. Gerade beim Thema Verfügungsfond. Es gibt ein Budget, welches die Stadt über das Amt für Stadtentwicklung und Wohnungsbau zur Verfügung stellt. Auf diesen Fonds kann man sich mit Projekten bewerben. Es gibt ein Team, welches sich aus verschiedenen Menschen zusammensetzt, die lokal im Leipziger Osten verortet sind und sich gut auskennen. Wir sitzen drei- oder viermal im Jahr zusammen und bearbeiten diese Anträge und bewerten diese nach Nachhaltigkeit. Ich habe gemerkt, wie sich diese Anträge in den letzten Jahren verändert haben. Es wird kaum noch geschaut, was schon alles an Projekten und Einrichtungen da ist und wie viele Menschen beispielsweise schon sehr gute sozialpädagogische Arbeit leisten, welche in diesem Stadtviertel sehr wichtig ist. Vielen, die neu dazukommen, sind diese Strukturen und Netzwerke nicht bekannt. Das würde ich gern ein bisschen ändern.

In welche Richtung werden diese neuen Anträge gestellt und wie unterscheiden sich diese zu den vorherigen?

Wie ich gerade schon sagte, wird sich kaum damit auseinander gesetzt, was es schon in dem Stadtteil gibt. Es gibt zum Beispiel Leute, die etwas Gutes aufmachen wollen, Initiative zeigen und etwa Nachhilfe für Migranten geben möchten. Das gibt es alles schon. Der Leipziger Osten hat den Ruf, dass es hier noch Möglichkeiten gibt ganz viel zu machen. Und das lockt natürlich an. Es ist schön, wenn viele etwas machen möchten, aber man sollte mit denen zusammen arbeiten, die schon länger hier sind, die Strukturen mit aufgebaute haben und sich auskennen.

Dea

Über den Leipziger Osten wird in unterschiedlichen Tönen gesprochen – Was denkst Du, welcher Ruf dem Osten am nächsten kommt?

Ich habe bis 2008 in Reudnitz gewohnt. Da hieß der Lene-Voigt-Park noch Eilenburger Park. Ich habe den Leipziger Osten schon immer als außen stehend wahrgenommen. Der wurde immer vergessen. Und das fand ich sehr angenehm, da ich auf Partymeilen oder „In“viertel wie die Südvorstadt oder auch Connewitz keine Lust hatte. Gleichzeitig hast du hier alles. Der Ruf, dass man trotz der Nähe zum Zentrum super günstige Wohnungen bekommt, stimmt leider nicht mehr ganz so. Der Stadtteil soll sehr viel Potential haben, was auch durchaus richtig ist. Das macht jedoch gleichzeitig Angst, weil die Leute wie Heuschrecken kommen. Das kann ich natürlich verstehen. Dass es so ein gewalttätiger Stadtteil ist, nehme ich persönlich nicht so wahr.

Du hast also keine Angst, wenn Du auf die Straße gehst?

Nein, gar nicht. Ich bekomme das meistens gar nicht mit und lese solche Vorfälle nur in der Zeitung. Ich sehe zwar mehr Polizei herumfahren, das ist aber normal in einem Sondergefahrengebiet. Mich hat noch niemand in den letzten 6 Jahren bedroht oder angegriffen. Ich persönlich kann diesen Ruf also nicht bestätigen.

Was ist Dein Lieblingsort in Leipzig?

Die ganzen Wege entlang der Parthe im Mariannen – und Abtnaundorfer Park. Und so ein kleiner Wald neben dem Stadion am Elstebecken und der Nahle. Da war ich früher viel mit meinem Hund. Meinen Hinterhof mit der Hollywoodschaukel mag ich auch sehr gern.

Dea

Was wünschst Du Dir für Leipzig in der Zukunft?

Realistisch gesehen würde ich mir wünschen, dass für diesen ganzen Zuzug von Menschen mehr Arbeitsplätze geschaffen werden. Dass es nicht bei so einem Ungleichgewicht bleibt. Bei einem unrealistischen Wunsch würde ich Leipzig gern in eine Blase setzen – es geht gerade alles so schnell und dieser Hype ist erschreckend.

Stell Dir vor Du hättest alle Möglichkeiten der Welt und Du müsstest keine Konsequenzen für Dein Handeln tragen. Was würde dann für Dich das größte Glück bedeuten?

Ich würde gerne sichergehen, dass mein Tumor, an dem ich vor fünf Jahren erkrankt bin, nicht wiederkommt. Das ist ein Wunsch, der mich seitdem sehr begleitet. Für die Gesellschaft würde ich mir wünschen, dass das bedingungslose Grundeinkommen gesichert wird, freie Bildung für alle Menschen möglich ist und dass die zentrale Präsenz von Geschlecht für zuviele Dinge im Alltag nicht mehr so wichtig ist.

Du hattest gesagt, dass du an Krebs erkrankt bist. Das ist eine sehr stressige Zeit für Dich, Deinen Körper und Deine Seele – Wie bist Du da wieder rausgekommen?

Durch Freunde. Das war anfangs nicht so einfach und ging nur Stück für Stück. Einem wird bewusst, wie unglaublich schnell es vorbei sein könnte und wie wichtig Kleinigkeiten sind. Menschen, mit denen ich immer reden kann und die wissen, dass ich für meine Gedanken Raum brauche. Dafür bin ich sehr vielen dankbar, dass sie das mitgemacht haben und immer noch mitmachen. Meine Familie war sehr wichtig. Es ist in meinem Leben mittlerweile vor allem zentral, dass ich mir bewusst bin, was ich alles habe und wie glücklich man mit so vielen kleinen Dingen sein kann. Das ist ein unglaublich befriedigender Gedanke, aus dem ich viel Kraft schöpfe und Projekte auf die Beine stellen kann. Es ist traurig zu sehen, dass man das den Menschen so schwer beibringen kann. Wir haben es doch eigentlich so gut.

Kannst Du Dich an eine Sache erinnern, die Dich während Deiner Therapiezeit zusätzlich belastet hat?

Ich war damals in einer Beziehung und wir hatten unsere Wohnung ausgebaut. Das hat mich körperlich sehr belastet. Gleichzeitig musste ich mich damit auseinandersetzen, dass eine Familienplanung für die nächsten Jahre bzw. für immer nicht möglich ist. Das war insofern schwer, da wir gerade mitten in der Planung steckten und ich immer Kinder haben wollte. Meine Großmutter und eine Freundin hat die Info über meine Krebserkrankung sehr mitgenommen – diese Traurigkeit, die nachvollziehbar ist, hat mich natürlich ganz schön runtergezogen.

Was würdest Du Dir von unserer Gesellschaft wünschen?

Das ist ein sehr spannendes Thema. Ich würde mir wünschen, dass es nicht so vorgepresste Schemata gibt. Dass es nur einen Weg gibt, wie so eine Krebsbehandlung funktionieren sollte. Ich hatte zwischendrin das Gefühl, dass diese ganzen Wartezimmer und Krankenhäuser wie so eine Maschinerie sind und es sehr schwer ist, seinen eigenen Weg zu behalten und für sich zu entscheiden, was gut ist. Nicht alles, was Ärzte sagen, ist richtig. Gerade, wenn man mit 29 Jahren, also vergleichsweise jung erkrankt und die meisten Mitpatienten mindestens 20 oder 30 Jahre älter sind. Da gibt es ganz andere Bedürfnisse, Hoffnungen, Ängste und Erwartungen. Zumindest hab ich das so für mich wahrgenommen, dass ich da oft nicht so richtig reingepasst habe. Die Ärzte geben einem manchmal nicht die Zeit, um seinen eigenen Rhythmus wiederzufinden und sich einzugliedern. Ich würde meine Erfahrungen gern weitergeben, dass Menschen den Raum und die Zeit bekommen, wie sie es wollen und brauchen. Deswegen möchte ich anfangen, eine Hospiz-Begleiter-Ausbildung zu machen. Um eben diese Erkenntnis weiterzuleben und weiterzugeben. Jede Erkrankung, Behandlung und jeder Mensch ist so unterschiedlich – man kann nie pauschal sagen, was für diese Person das Beste ist. Ich hatte oft das Gefühl, nicht mit einbezogen zu werden. Was natürlich verständlich ist, weil mir das Fachwissen fehlt und ich nicht weiß, was man mit so einem Tumor machen kann. Trotzdem weiß ich, wie ich mich am besten erholen kann. Das wurde oft abgewunken.

Dea

Warum hast Du für Dich beschlossen diese Ausbildung im Hospiz zu machen?

Weil das Thema Tod tatsächlich ganz präsent ist und ich mich ganz lang nicht getraut habe, mich damit auseinander zu setzen. Ich habe jedoch immer viel geschrieben, um die Erfahrungen und die Veränderungen zu verarbeiten. Dann ist eine gute Freundin vor eineinhalb Jahren an Krebs gestorben, was noch einmal ein ganz anderer Auslöser war. Ich bin der Meinung, Zeit für die Trauer den Menschen ganz individuell geben zu müssen. So ein Trauerprozess kann 10 Jahre dauern, oder nur einen Monat. Vielleicht ist das auch eine Selbstheilung für mich, um nicht mehr so viel Angst vor meinem eigenen Tod zu haben. Wenn ich sehe, dass es auch während des Sterbens immer wieder schöne Momente gibt und Menschen, die einem beistehen und die diesen Prozess mit gestalten, ist das beruhigend und das würde ich mir für mich dann auch wünschen. Ich fange damit jetzt erst an und hoffe natürlich, dass das klappt und ich entspannter meinem möglichen Tod entgegensehe.

Was macht Dich jeden Tag glücklich, wenn du aufstehst?

Das sind ganz viele kleine Sachen: Wörter, die ich lese, meine Katzen, die Quatsch machen und mich zur Weißglut treiben, ein gutes Essen mit Freunden, schöne Musik, meine eigene Wohnung, Menschen, die mir sehr nahe stehen und mich in meinem Leben begleiten und mit denen ich gemeinsam Erinnerungen schaffe. Eigentlich ganz banale Sachen und das Bewusstsein darüber.

Was würdest Du Deinem 16-Jährigen Ich raten?

Ich würde wahrscheinlich sagen: „Versuch Dich nicht anzupassen und hab keine Angst Du selbst zu sein. Und wenn Du Angst hast, schau, warum das so ist.“ Angst ist ein ganz normaler Prozess, der nicht unterdrückt werden sollte.

Vervollständige den Satz.

  1. In zehn Jahren lebe ich hoffentlich noch.
  2. Meine Katzen schnurren viel zu wenig.
  3. Wenn ich aufwache sollte man mich nicht vor dem ersten Kaffee ansprechen.
  4. In Leipzig fühle ich mich sehr zu Hause.
  5. Mein Leben ist sehr, sehr wertvoll und zerbrechlich.