... portraitiert Menschen aus Leipzig.
Es werden Leute in den verschiedenen Stadtvierteln interviewt und dazu Bildserien erstellt. Das Onlinemagazin schafft Transparenz der Leipziger und Leipzigerinnen gegenüber ihrer Meinung zur Stadt und zum Leben.

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Eric, Marie, Stephanie und Antje

Eine Regel, viele Ausnahmen

Eric, 27 Jahre, Student, aus Gotha, wohnt in Sellerhausen | Marie, 25 Jahre, Studentin aus Aschaffenburg, wohnt in Neustadt-Neuschönefeld | Stephanie, 27 Jahre, Studentin, aus Halberstadt, wohnt in Anger-Crottendorf | Antje, 42 Jahre, Studentin, aus Goslar, wohnt in Connewitz

Wir haben Eric, Marie, Stephanie und Antje getroffen. Die vier studieren Museologie und werden im Podcast über ihre Ausstellung  zum Thema „Eine Regel, viele Ausnahmen.“ sprechen und erzählen, wieso das Thema der Menstruation so wichtig ist. Die Ausstellung ist vom 17. – 27. Juli im Lipsiusbau der HTWK. *

 

 

Ihr kommt alle nicht aus Leipzig. Wie sah euer Weg nach Leipzig aus?

Antje: Buchstäblich? Ich hatte einfach einen Umzugswagen voll gepackt. Es ist erstaunlich, wie wenig Klamotten man hat, wenn man 40 Jahre alt ist und umzieht. Mein ganzes Leben hat in 25 Kisten gepasst. Das fand ich ein bisschen deprimierend. Was dann wieder in so einen Transporter gepasst hat mit dem ich fünf Stunden über die Autobahn gerauscht bin und nicht auf eine Autobahnraststätte gefahren bin, weil ich Angst hatte, nicht wieder runter auf die Autobahn runter zu kommen, weil ich so selten Auto fahre. Und das war meine Ankunft in Leipzig.

 

Wie hat sich das dann entwickelt?

Antje: Ich hatte von Hamburg aus nach WGs gesucht, die möglichst nah an der FH sind. Und es gibt ja immer  Altersbeschränkungen bei der WG-Suche, was sich dann meistensauf 21-29 jährige Studenten begrenzt. Wobei ich mir auch nicht sicher war, ob ich in eine WG mit drei 24 jährigen einziehen wollte. Deshalb hat das ganz gut gepasst mit meiner Mitbewohnerin. Die hat jemanden gesucht in ihrem Alter – die ist 45. Das war auch die einzige WG, die ich angeschrieben habe. Und dann haben wir relativ schnell miteinander telefoniert, 2 Stunden lang. Haben festgestellt: das läuft ganz gut. Ich bin einmal nach Leipzig gefahren, wir haben uns grandios betrunken und dann bin ich eingezogen. Und seitdem wohne ich in Connewitz, was ganz schön, aber speziell ist.

 

Ihr wohnt alle im Osten. Wie empfindet ihr denn den Osten?

Stephanie: Ich wohne seit 2009 hier und habe zwischendurch einmal die Wohnung gewechselt, bin aber trotzdem im Osten geblieben und es hat sich sehr viel verändert. Es werden sehr sehr viele Häuser renoviert, es gibt Unmengen an Baustellen mittlerweile. Aber trotzdem ist irgendwie ganz viel Leben auf der Straße. Also ich habe das Gefühl, viel mehr Leben als 2009, als ich hierher gekommen bin. Und vor allem auch auf der Eisenbahnstraße, wo wir ja jetzt gerade sitzen. Dass hier auch ganz ganz viel Schönes passiert ist.

Marie: Dass hier mehr los ist, das finde ich auf jeden Fall auch positiv. Ich habe vorher mal für knapp ein Jahr in der Südvorstadt gewohnt und, wenn man abseits der Karli entlang lief, hatte man das Gefühl, man sieht keinen Menschen. Und das gefällt mir hier eigentlich ganz gut. Dass man überall Leute sieht, die im Park sitzen. Oder im Sommer sind die Bürgersteige auch voll mit Leuten, die ihre Sofas nach draußen räumen. Das ist schön zu sehen.

Eric: Du kannst hier auch alleine weggehen. Ich habe hier schon so viele Leute kennengelernt, selbst wenn ich mal alleine irgendwo hingegangen bin. Du kannst hier echt richtig toll was erleben. Und es ist alles bezahlbar, das ist auch ziemlich wichtig.

 

Was denkt ihr, wenn jemand 24 Stunden nach Leipzig kommt: Was darf derjenige nicht verpassen?

Marie: Ins Museum zu gehen – am besten in alle.

Stephanie: Einfach durch die Straßen schlendern. Also das ist auch das, was ich mache, wenn ich in andere Städte fahre. Ein kaltes Bier in die Hand nehmen und einfach losgehen und den Kopf nach oben halten und ein bisschen rumgucken. Ich würde mir glaube ich gar nicht so bestimmte Sachen angucken und empfehlen.

Eric: Kein Sightseeing, Spontan bleiben, offen. Ich bin hier schon so oft spontan auf irgendwelchen Parties im Hinterhof gelandet. Man erlebt auf die Weise am allermeisten.

 

Was ist für euch jetzt typisch Leipzig?

Marie: Sterni würde ich sagen.

Antje: Sächseln? Und leider in Connewitz die Hundescheiße auf dem Gehweg. Und Sofas. Also ich will nicht zu kleinkariert sein, aber das geht mir schon ein bisschen auf den Keks. Ansonsten finde ich das in anderen Stadtteilen gar nicht so schlimm, oder es ist mir da noch nicht so aufgefallen. Ich laufe in Connewitz halt auch sehr oft lang, deshalb sehe ich das so oft. Gibt es irgendwas, was typisch Leipzig ist, außer diese typischen Sachen, Leipziger Lärche und so. Was ich persönlich super gerne mag an Leipzig ist der Auwald, von dem ich nicht  weit weg wohne. Und dass dieser Wald  von Fußgängern und Radfahrern genutzt wird und Leuten, die sich die Wildschweine angucken. Und Kanu fahren auf den Kanälen. Das finde ich richtig richtig gut, dass es das gibt. Obwohl ich es immer noch nicht gemacht habe.

Stephanie: Für mich typisch Leipzig ist zum einen, dass man aus der Haustür fällt und einen Park in der Nähe hat. Und von den Menschen her ist es diese grummelige Offenheit. Dass sie Festen, wie dem WGT so offen gegenüberstehen zum Beispiel.

Antje: Ich finde die Menschen gar nicht so grummelig ehrlich gesagt. Hamburger sind fast noch verschlossener. Was ich eigentlich, seit ich hierher gezogen bin, ganz nett finde, ist, dass Leipziger ziemlich hilfsbereit sind. Sie mit anpacken, wenn irgendwas ist. Sogar selbst nachfragen – das habe ich festgestellt.

Stephanie: Das meinte ich damit auch. Ich habe immer so das Gefühl, sie tun so, als wären sie eigentlich reserviert, aber eigentlich sind sie das gar nicht.

 

Ihr plant jetzt eine Ausstellung in Leipzig. Worum geht es und wann findet diese statt?

Marie: Der Titel unserer Ausstellung ist „Eine Regel, viele Ausnahmen – vom Umgang mit der Menstruation“ wir wollen in der Ausstellung den individuellen Umgang mit der Menstruation zeigen, anhand von persönlichen Geschichten, von Fragen, die uns Frauen im Alter von 18-71 Jahren beantwortet haben. Wir haben verschiedene Abteilungen, in denen es  um die Aufklärung geht, welche Produkte verwendet werden und warum, was es vielleicht für Alternativen gibt und Welche Rituale verschiedene Frauen während ihrer Menstruation haben.

 

Wie schafft ihr es, neue Kraft zu schöpfen, wenn es euch mal nicht gut geht?

Marie: Ich glaube, ich habe nicht so die eine Sache, die mir immer hilft. Es kommt ganz darauf an, wie schlimm eine Sache ist und wie lange sie schlimm ist und dann gibt es verschiedene Strategien. Ich kann leider nicht irgendwas konkretes sagen.
Antje: Also mir hilft Yoga bei sowas tatsächlich. Einfach durch die ruhige Atmung. Und ich habe mal vor Jahren ein Zitat vom Dalai Lama gelesen, dass wenn dich ein Gedanke quält, lass ihn fallen. Und das heißt auf Englisch: „Drop the thought“. Und das sage ich mir relativ häufig. Ich war früher ein Grübler und jetzt lasse ich den Gedanken tatsächlich öfter fallen und das ist spitze. Danke, Dalai Lama.

 

Wie schaffst du das? Also, wie stellt man sich das vor?

Antje: Du sagst einfach: „Drop the thought.“ Und zack ist es weg. Das dauert ein bisschen, bis man sich  konditioniert hat, aber ich schaffe das. Das ist super. Aber ganz oft bringt es ja nichts, sich über Sachen Gedanken zu machen. Also wenn man zum Beispiel schon Schiss vor irgendwas hat – vor einer Prüfung oder vor einem Interview – wenn man nicht weiß, wie es abläuft. Ich habe mich früher zerfleischt wegen solcher Sachen und mir Gedanken gemacht ohne Ende. Mittlerweile ist es wirklich so, dass ich es zumindest versuche. Bei Prüfungen ist es immer noch grenzwertig, aber dass ich versuche, es aus dem Kopf fallen zu lassen, bis es dann präsent ist.

 

Du hast vorhin gesagt, dass du ortsunabhängig bist. Wie schaffst du es, die Flexibilität in deinem Leben zu halten? Oder warum ist das so?

Antje: Ich habe mir da auch schonmal Gedanken drüber gemacht. Ich kenne halt super viele Leute in meinem Alter, die gesettled sind. Familie, Kind, Haus, Hund – das volle Programm. Und ich habe bis jetzt einfach nicht das Gefühl, dass ich das haben muss. Vielleicht kommt das aber auch irgendwann in 10-15 Jahren, dass ich denke, ich habe etwas verpasst und bin zu viel durch die Gegend gezogen. Aber im Moment ist es gut so.

 

Stellt euch vor ihr hättet alle Möglichkeiten und alle Ressourcen der Welt. Was würdet ihr machen?

Antje: Ich persönlich säße dann schon auf einem Boot in der Südsee mit einem Drink in der Hand. Ich würde bis an mein Lebensende über die Weltmeere segeln und mir Länder angucken.

Marie: Vielleicht sehr erwartbar und eigentlich auch  blöd, dass jetzt zu sagen, aber es gibt noch super viele Museen, die ich gerne sehen würde. Ich würde total gerne das Guggenheim-Museum in New York sehen.

Eric: Ich weiß nicht. Ich glaube du kannst das nicht eingrenzen auf irgendwas spezielles, sondern es sind tausend Sachen, die dich immer mal reizen. Ich bin zum Beispiel neulich auf Turkmenistan gestoßen und habe das Tor zur Hölle gefunden. Da dachte ich mir: Geil, da musst du mal hin. Und ich glaube, solche Sachen werden es dann. Wenn man wirklich alle Ressourcen zur Verfügung hätte, hätte ich in dem Moment gesagt: Na klar, geil. Ich fliege jetzt sofort weg. Was ich halt machen würde: sämtliche Optionen offenhalten. Aber das kannst du ja nicht. Das ist pure Utopie. Was spezielles fällt mir nicht ein. Ich würde auch mal gerne nach Moskau. Vielleicht kommt Antje mit.

Antje: Ich bin dann ja vielleicht schon da.

Eric: Oder im Mariannengraben tauchen und die tausend verrückten Sachen, die du dir dann halt ausmalst. Also es gibt bestimmt auch was, was ich in Leipzig dann machen würde. Ich müsste jetzt nicht zwangsweise weg.

Marie: Ich würde gern nach Mexiko und das Haus von Frida Kahlo besichtigen.

Antje: Und Graceland.

Stephanie: Ich würde mich irgendwem von euch anschließen.

Antje: Wir können ja zusammen um die Welt reisen und uns Museen angucken.

 

Vervollständigt die Sätze.

  1. Mein Lieblingsmuseum ist noch unbestimmt. (Erik)
  2. Für die Ausstellung wünsche ich mir …  ganz viele Leute, die uns besuchen und dann hoffentlich auch zufrieden sind, mit dem was wir da gemacht haben. (Marie)
  3. Der Sommer in Leipzig …  ist mir auf jeden Fall zu warm, aber Abends am schönsten. (Stefanie)
  4. Wenn ich Leipzig den Rücken kehre … drehe ich mich vielleicht nicht nochmal um. (Antje)
  5. In Leipzig … kann ich mich nicht satt sehen. 
  6. Unser Leben … ist bis jetzt unterschiedlich lang.

 

* Im Interview sind von Frauen und Menstruationen die Rede. Nicht alle Frauen menstruieren und nicht alle menstruierenden Menschen sind Frauen.