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Georg

Die Wende hätte ruhig eher kommen können

Georg | gelernter Restaurantfachmann, heute Erzieher in einer Kita | 49 Jahre, zur Wende 21 Jahre alt | aus Ramsin | wohnt in Renneritz

Dieses Interview ist in Kooperation mit dem Leipziger Lichtfest entstanden. Das Lichtfest erinnert jedes Jahr am 9.Oktober an die friedliche Revolution von 1989.

In welcher Situation hast du dich befunden, als die Grenzen geöffnet wurden?
Ich hatte gerade meinen Grundwehrdienst abgeleistet und bin nach Hause gekommen. Ich wurde nach 18 Monaten Grundwehrdienst Ende Oktober entlassen. Ich war der Glückliche, einer der Letzten, der noch 18 Monate voll machen durfte bei der Armee.

Das war jetzt wahrscheinlich ironisch gesprochen, oder?
Das war sehr ironisch, ja. Einen Monat, oder zwei Monate später wurden dort alle entlassen. Auch die, die erst ein halbes Jahr da waren.

Also hast du die Situation aus einer anderen Perspektive wahrgenommen, oder wahrnehmen können

Wahrnehmen müssen, ja. Ich habe die Situation eigentlich ständig nur hinter Kasernenmauern wahrgenommen. Ich wurde sehr selten beurlaubt oder habe Urlaub bekommen und konnte nur sehr selten nach Hause fahren, obwohl ich gar nicht so weit weg war. Also 30 km oder 40 km weg. Ich war hier in Leipzig kaserniert. In der Schuhmannstraße war eine Riesen-Kaserne. Das war übrigens damals oder ist heute noch die längste Kaserne Europas. Hat mir damals aber auch nicht viel gebracht.
 Ja, ich habe das alles hinter den Mauern da verfolgt. Da hat man es nur vom Hören-Sagen mitbekommen. Im Prinzip habe ich am intensivsten die Montagsdemos mitbekommen. Akustisch mitbekommen, weil ich dort in dem Objekt in Schichten sehr viel Wache schieben musste und die Geräuschkulisse war doch sehr enorm, als die Massen an Leuten durch die Stadt gezogen sind. Und es wurde von Woche zu Woche auch immer lauter. Also man hat gemerkt, dass sich da etwas zusammenbraut. Dass es immer mehr Leute werden. Das fing glaube ich im Sommer 1989 an, als die Demos starteten. Zuerst immer nur vor der Nikolaikirche, glaube ich. Dort war dann immer so eine kleine Zusammenkunft und das wurde immer größer, bis dann so ein Riesen Pulk jeden Montag durch Leipzig zog.

Aber ihr ward selber als Soldaten nicht dabei?

Nein, wir waren nicht dabei. Aber so ziemlich kurz davor, weil die Demos abgesichert wurden, abgeschottet, durch die Polizei, die Bereitschaftspolizei. Das war damals eine kasernierte Polizei, also halb im militärischen Stil. Hatte aber nichts mit der Armee zu tun. Die hatten jeden Montag immer mehr zu tun und dann hieß es auch, wenn sie das nicht mehr schaffen, oder falls die Demos ausarten sollten, oder es zu Ausschreitungen kommen sollte, dann hätte man die Armee dazu gezogen.

Aber so weit ist es nicht gekommen?



So weit ist es nicht gekommen. Aber es hat sich innerhalb der Kasernenmauern schon zugespitzt, weil unsere Offiziere, unter deren Befehlsgewalt lagen, die haben richtig Schiss bekommen. Unberechtigt, wo wir gedacht haben: was denkt ihr eigentlich, was jetzt passiert? Die haben immer mehr Angst bekommen, weil die ja auch mitbekommen haben, was da draußen los ist auf den Straßen. Und die dachten wirklich, irgendwann stürzt das Volk sich auf alle öffentlichen Gebäude oder Staatsapparate, Polizei, Kasernen oder dass vielleicht das Militär gestürzt wird. So weit hat man schon gedacht. Wir hatten jede Woche unsere Politstunde – da gab es einen Politoffizier, der uns über Politik informiert hatte und erzählt hat, wie toll alles mit unserer Partei ist. Der hat uns dann auch immer gefragt: „Also Leute, wenn das jetzt wirklich so weit ist und wir als Soldaten ausrücken müssen, würde auch der Schießbefehl erteilt werden.“ Und jeder hat gesagt: „Niemals. Das geht gar nicht. Da unten ist unsere Familie.“ Dann haben sie noch mehr Angst bekommen und gemeint, wir müssen doch unser Land verteidigen. Es ist aber nicht weit gekommen. Es ist aber so, dass wir auch hätten schießen müssen.

Wie hast du das erlebt? Du konntest die Leute, die dort auf die Demos gegangen sind sicherlich verstehen und gleichzeitig hast du so unter Druck gestanden durch das System.

Ich habe das wenig wahrgenommen, weil wir nur durch wenig Medien beeinflusst wurden, wenn man nur in der Kaserne drinnen hängt. Wir wussten zwar schon, wofür die Leute auf die Straße gehen, aber persönlich konnte man nicht eingreifen. Es wäre ja ein Unding gewesen, wären wir da selber hingegangen. Wir haben zu der Zeit auch keinen Ausgang bekommen. Ausgang bei der Bundeswehr heute heißt, jeder kann nach Feierabend nach Hause fahren. Bei uns hieß Ausgang, man muss ihn beantragen, dass ich einmal in der Woche abends mit meinen Kumpels in die Stadt durfte. Natürlich in Uniform. Das gab es montags gar nicht. Da herrschte sowieso Ausnahmezustand und erhöhte Bereitschaft bei uns. Man war schon sehr eingesperrt da drinnen. Und das war für uns trotzdem alle komisch, weil wir mitten in der Stadt waren, wo um einen drum herum so viel passiert. Zumal wir es auch noch akustisch mitbekommen haben, dass es immer lauter wurde dort.

Wie war das für dich, als die Durchsage kam oder als du es mitbekommen hattest, dass die Mauer gefallen ist?

Ungläubig. Man hat das nicht richtig für voll genommen. Dachte: „Ach, na klar, die machen mal kurz auf, lassen uns mal schnuppern, mal schnell rüber und gucken wie es ist und dann wieder zurück und so.“ Das, wie man es sich heute vorstellt, die Mauer wurde aufgemacht – das ist ja eigentlich ein Begriff: „die Mauer fiel“ – das war zu dem Zeitpunkt noch gar nicht. Da wurde eine Schranke aufgemacht und die Leute konnten durch. Das hieß noch lange nicht, die Mauer ist weg und es ist für alle offen. Das war alles noch ein mulmiges Gefühl. Alle Leute wollten nicht gleich in den Westen oder abhauen, weg oder wie auch immer. Das war zu dem Zeitpunkt noch nicht. Es war alles noch unwirklich. Ich war gerade noch zu Hause, nachdem ich entlassen wurde bei der Armee. Wir waren zu Hause, haben es übers Fernsehen mitbekommen. Es war noch nicht wie so ein Befreiungsschlag. Es war alles noch unwirklich. Das hat sich erst nach und nach alles so entwickelt, und man hat immer fester daran geglaubt.

Wann ist das für dich dann real geworden?

Real war es auch noch nicht, als ich das erste Mal mit dem Zug Richtung Westen gefahren bin. Real ist es geworden durch meine Arbeit. Ich habe früher im Hotel gearbeitet und wir hatten früher immer schon viele internationale Gäste. Immer fester und immer wahrer wurde die Sache für mich, als immer mehr Gäste aus dem Westen in das Hotel kamen, um hier im Osten Geschäfte zu machen. Früher hatten wir viele Gäste, die nur zur Messezeit kamen, wenn in Leipzig Messe war. Wenn Frühjahrs- und Herbstmesse war, dann wurden die Interhotels deklariert als Hotels nur für Gäste aus dem kapitalistischen Ausland. Zu der Zeit wurden natürlich auch die Preise verdoppelt und alles in D-Mark umgerechnet. Und das war zu DDR-Zeiten eigentlich jedes Jahr schon so. Aber nach der Wende kamen immer mehr Gäste aus dem Weste, die hier richtig Geschäfte gemacht haben. Das waren größtenteils Autohändler, Versicherungsleute und Immobilienmakler, die hier unter sich Goldgräberstimmung verbreitet haben. Und so wie sich das entwickelte, dachte man, das wird jetzt langsam immer fester, da kann keine Grenze mehr zugemacht werden, weil das alles so langsam zusammenwächst. So hat einen das überrannt und dann hat man auch langsam dran geglaubt. An meiner Arbeit selber hat sich überhaupt nichts geändert. Ich habe das Gleiche wie vorher gemacht. Zehn Jahre, Fünfzehn Jahre später kamen immer noch Gäste aus dem Westen, die mich fragten: und, wie ist es für sie nach der Wende so? Mit dem Hintergedanken: Da haben wir doch was Tolles für euch gemacht hier. Wie empfindet ihr das denn? Jetzt geht es euch doch bestimmt besser. Und ich dachte: Mensch, nach so vielen Jahren müsst ihr immer noch so einen Mist erzählen. Wer hat die Wende herbeigeführt, ihr oder wir oder woher kommt das alles. Das fand ich sehr arrogant. Das waren nicht alle, aber es waren viele. Und die Goldgräber der ersten Stunde waren auch schnell wieder verschwunden, als alles abgegrast war. Jeder hat ein Auto in der Zwischenzeit gehabt, jeder eine Versicherung. Eigentumsfragen waren auch geklärt.

Wie war das denn: während der Messezeit sind schon Leute aus dem Westen gekommen. Hattest du damals auch schon Infos, die noch kein anderer hatte?

Nein, das waren mehr private Sachen, die zwischen Gast und Kellner ausgetauscht wurden. Selbst das war überhaupt nicht gern gesehen, denn mindestens an einem Nachbartisch saß jemand von der Stasi. Das Hotel war zu solchen Zeiten wie der Messe extrem Stasi-verseucht. Dort waren mehr Leute aus der Staatssicherheit, als Gäste.

Musstest du dich dann immer einschränken, was du mit denen erzählst?

Ja. Die haben auch manchmal kleine Geschenke mitgebracht, weil viele Stammgäste da waren. Und wenn es einfach nur ein Kuli war, war das schon was Tolles für uns aus dem Osten. Oder sie haben eine Thermoskanne mitgebracht, also so Kleinigkeiten. Und man musste schon sehr aufpassen, ob man das überhaupt annimmt. Noch schlimmer war eigentlich der Umgang mit dem Geld, mit Trinkgeld. Ich musste wirklich jeden Pfennig und jede D-Mark, die ich bekommen habe, ordentlich abrechnen. Selbst das Trinkgeld musste ich abrechnen und wehe ich habe irgendwas unterschlagen, dann wurden irgendwelche drakonischen Strafen auferlegt. Das Trinkgeld habe ich natürlich wiederbekommen am Monatsende in Form von Forumschecks. Die konnte ich nur im Intershop einlösen. Das war so die DDR-interne D-Mark.

Was konnte man sich da kaufen?

Alles aus dem Intershop. Der Intershop war damals eine Geschäftskette, wo Artikel aus dem Westen verkauft wurden. Meistens an Autobahnraststätten und in jeder größeren Stadt gab es mindestens einen Intershop. Da gab es alle möglichen Artikel: Lebensmittel, Schokolade, Kaffee, Waschmittel, vielleicht Fernseher zu üblichen Preisen in D-Mark. Im Intershop konnte man nur mit D-Mark bezahlen oder mit meinen umgerechneten Forumschecks. Ich konnte für DDR-Geld keine Westartikel kaufen. Ich habe auch noch tolle Beispiele, was Musik betriff. Ich habe als Jugendlicher schon viel Musik mit meinem Kumpel zusammen gemacht. Und als Musiker war es damals extrem schwer, vernünftiges Equipment oder Instrumente zu bekommen. Man konnte sich aus irgendwelchen Fachzeitschriften oder wenn man im Fernsehen eine Band gesehen hat, die Nase platt drücken – an irgendwelchen Sachen, die aus dem Westen kamen – Instrumente, Keyboards, Gitarren, Verstärker. So etwas hat man hier überhaupt nicht bekommen. Und das hat mich damals schon geärgert, dass solche Sachen von großen Bands, die im Westen gespielt haben, hier zum Teil zum Kurs von 1:10 verkauft wurden. Also ich weiß heute noch ganz genau, so ein moderner Synthesizer, der damals rauskam, hat im Westen 2.400 Mark gekostet. Den hätte ich mir hier für 24.000 DDR-Mark kaufen können.

Wie viele Jahresgehälter waren das?



Dafür habe ich auch locker ein Auto bekommen. Ich weiß nicht, was damals ein Trabi gekostet hat – vielleicht 15.000 DDR-Mark. Ja, also solche Relationen waren das. Geld spielte damals eigentlich nicht so die Rolle. Was mich mehr geärgert hat, dass ich mir für mein Geld nichts kaufen konnte. Ich war damals sehr technikinteressiert. Alles, was so neu rauskam, hat man mitverfolgt. Ob das nun HIFI-Elektronik oder Musikelektronik war – das habe ich einfach nicht bekommen.

Was ist denn eine Sache, die du auf dem Schwarzmarkt bekommen hast?

Ich bin mal mit einem Kumpel zusammen nach Dresden gefahren. Ich wollte mir für meine neue Stereoanlage, das war ein Turm, der aus einzelnen Racks bestand, ein fehlendes Teil besorgen. Weil es dort ein großes Musikfachgeschäft gab, wollte ich es mir dort kaufen und habe es aber nicht bekommen. Jetzt hatte ich schon mal so viel Kohle eingesteckt und bin an einem Musikgeschäft vorbeigekommen, bei dem ein uralter Synthesizer für 6.800 Mark stand. Ich bin rein und habe den gekauft. Und das war für mich das allergrößte.

Wir hatten vorhin schon über die Wende-Situation überhaupt gesprochen. Was bedeuten die Worte Aufbruch, Verantwortung und Offenheit für dich, wenn du an den Mauerfall denkst?

Zu der Zeit: Aufbruch zu neuen Erfahrungen und Dimensionen, die sich uns jetzt erschließen. Was für mich in meiner Situation gar nicht so war, weil irgendwohin aufbrechen wollte ich nicht. Ich hatte eine schöne Arbeit, habe gutes Geld verdient. Aufbruch gab es für mich in dem Sinne nicht. Verantwortung auf jeden Fall, weil uns viele Sachen dann weggenommen wurden. Ich musste viel Verantwortung für mich selbst übernehmen, was früher der Staat eigentlich gemacht hat. Das heißt nicht, dass ich extrem bevormundet war, zum Teil schon, aber es wurde sich auch viel um die Bevölkerung gekümmert. Das war die stabile Rente, das Sozialversicherungssystem hat alles funktioniert. Bildung von Klein an, Ausbildung, Arbeitsplatz. Das gab es dann alles nicht mehr. Da hatte man dann auch ein bisschen Angst. Wovor viele zur Wendezeit Angst hatten war, dass man früher durch Filme oder das Westfernsehen dachte, dass jeder im Westen einen Revolver einstecken hat. Man kann dort Schusswaffen kaufen, das war hier unmöglich und gab es gar nicht. Genau dadurch hat man sich sehr sicher gefühlt, weil solche Sachen nicht passiert sind, dass ich auf der Straße mit einer Pistole bedroht wurde. Man war dann auch ein bisschen leichtgläubig, dass man dachte: Mensch, wenn sich jetzt die Mauer öffnet, dann gibt’s das hier auch alles. Jeder kauft sich vielleicht eine Knarre und man ist um seine Sicherheit ein bisschen besorgter und dass sich jetzt viel öffnet, auch für Kriminelle. Also wenn ich früher ein Messer hatte, dann war ich schon schwer bewaffnet. 
Für Offenheit war ich früher schon immer, bin ich heute erst recht oder immer noch. Offen konnte man selbst früher nicht sein. Man konnte nicht mit jedem über alles sprechen, wie man wollte. Und ich war froh, dass sich das dann so aufgelöst hat. Meinungsfreiheit zum Beispiel ist auch Offenheit für mich.

Gibt es noch etwas, wenn du an die drei Worte denkst, was du dir für unsere Zukunft in der jetzigen Zeit wünschst?

Ich kann mir für mich persönlich nicht mehr wünschen, weil ich momentan sehr glücklich bin. Was gibt es da mehr hinzuzufügen. Politisch bin ich eigentlich so gut wie gar nicht interessiert. Das heißt nicht, dass mich das kalt lässt, was alles passiert, aber politisch habe ich kein Interesse. Ich hatte früher kein tolles Erlebnis mit der Partei. Ich wurde vor der Wende mindestens alle 14 Tage, wenn nicht sogar jede Woche von meinem Chef ins Büro zitiert mit der Bitte, ich möchte doch in die Partei eintreten. Und das fing immer mit dem Satz an: „Sie möchten sich doch sicherlich beruflich weiterentwickeln. Es würde ihrer Karriere natürlich nicht schaden, wenn sie in die Partei eintreten würden, man könnte viel mehr möglich machen.“ Und ich habe dann immer gesagt, dass ich sehr glücklich bin. Ich will mich nicht weiterentwickeln, ich bin mit meiner Arbeit zufrieden, ich verdiene gutes Geld. Warum soll ich das? Und zähneknirschend musste mich mein Chef dann wieder entlassen. Und das wurde dann aber immer schlimmer, bis ich dann frustriert in eine andere Partei eingetreten bin. Das war die NDPD. Das war eigentlich damals eine rechtsausgelegte Partei. Ich wusste gar nicht, wem ich beitrete. Das war nur aus Frust, damit ich nicht in die SED eintreten muss. Als das mein Chef gehört hat, hat er dann endlich von mir gelassen. Und damit war das Thema für mich vom Tisch. Ich möchte auch gar nicht wissen, wie sich die Stasi damals dann vielleicht intensiver um mich gekümmert oder mich beobachtet hat – das war mir alles egal. Und meine Stasi-Akte hat mich auch nie interessiert. Da gibt es sicherlich eine, weil ich viel Kontakt mit Leuten von der Staatssicherheit durch meinen Beruf hatte. Die haben mir sehr auf die Finger geschaut. Aber man hat den Leuten auch angesehen, wo sie herkamen – sie blieben nicht verborgen.  
Ein noch schlimmeres Erlebnis nach der Wende war, als eine lokale Zeitung, Listen veröffentlicht hat mit allen, die früher bei der Stasi gearbeitet haben. Da stand jeden Tag oder einmal in der Woche kilometerlange Listen mit Namen, wo sie vorher gearbeitet haben, mit Decknamen und allem. Die wurden richtig veröffentlicht. Und da kam raus, dass viele unserer Kollegen bei der Stasi waren, die uns dann öfter verpfiffen haben.

Zu den Leuten hast du jetzt keinen Kontakt mehr, oder?

Es hat sich schon viel erledigt, dadurch, dass viele nach der Wende aus den Betrieben entlassen wurden, um sie auch einfach wirtschaftlicher zu machen. Es wurden fast 50% der Belegschaft auf einen Schlag entlassen, da waren dann auch viele dabei. Manche hatten es schwer nach der Veröffentlichung, woanders wieder Fuß zu fassen. Aber ich sage mal je höher der Posten war, wo du vorher gearbeitet hattest, umso einfacher war es. Beziehungen spielten da einfach eine große Rolle.

Möchtest du noch etwas ansprechen?

Zum Thema Wende: die hätte ruhig noch früher kommen können. Für einige, mit denen ich heute zusammen arbeite auf musikalischer Basis, für die kam die Wende eigentlich viel zu früh oder überhaupt hätte die nicht kommen müssen. Weil es gewisse Berufsgruppen gab, die sind nach der Wende sofort arbeitslos geworden. Für die kam die Wende überhaupt nicht passend. Die trauern der DDR heute immer noch hinterher, aber es ist nun mal wie es kam und ich bin bis heute damit sehr zufrieden und glücklich.

Vervollständige bitte die Satzanfänge:

  1. 1989 war für mich … das erlösendste Jahr.
  2. Von meinem Begrüßungsgeld habe ich …  mir ein kleines elektronisches Musikinstrument gekauft.
  3. Heute … kann es mir nicht besser gehen.
  4. In Leipzig … habe ich zu DDR-Zeiten mehr elektronische Bauelemente bekommen, als in Halle.
  5. Mein Leben … hätte bisher nicht besser verlaufen können.

 

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