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Jens

Das Festival der Ausreisebewilligungen

Jens | 43 Jahre alt, zur Wende 15 Jahre alt | Geschäftsführer einer GmbH im Bereich Baufinanzierung | aus Colditz | wohnt in Altlindenau

Dieses Interview ist in Kooperation mit dem Leipziger Lichtfest entstanden. Das Lichtfest erinnert jedes Jahr am 9.Oktober an die friedliche Revolution von 1989.

Wie hat die DDR Eure Familie beeinflusst?

Bis zu dem Zeitpunkt, wo mein Vater auf dem Schiff gewesen und nicht mehr zurück gekommen ist, war die DDR für mich ein normales Heimatland. Ich hatte keine größeren Schwierigkeiten – weder gesellschaftlich noch politisch oder schulisch. Ich war für die nächst höhere Oberstufe qualifiziert. Eigentlich lief alles nach Plan. 
Bis ich 1987 im Februar die Nachricht von meiner Mutter erhalten habe, dass mein Vater nicht mehr nach Hause kommt. Mein Vater war früher in der Handelsmarine – das sind praktisch Containerschiffe. Dort ist er die Mittelmeer-Afrika-Route gefahren. 1987 ist er in Ahus vom Schiff abgestiegen und hat dann direkt den Weg in die Bundesrepublik Deutschland gesucht. Wie ich jetzt im Nachhinein erfahren habe, wusste meine Mutter davon. Zu der Zeit konnte sie mir das allerdings nicht sagen, weil wir sonst im Anschluss unter ständiger Beobachtung gewesen wären. Man kann sich das so vorstellen: Mein Vater fing 1980 an zur See zu fahren und bekam jeden Tag 10 westdeutsche Mark. Somit würde ich sagen, gehörte ich schon zu den privilegierten Kindern. Wenn er mal nach Hause kam, sind wir zum Intershop nach Leipzig gefahren um dort einzukaufen. Ich war ab 1986 im sogenannten Schulrat und dort als Agitator tätig – was für ein schöner sozialistischer Begriff. Wir hatten in der Schule eine große Wandzeitung, für die ich verantwortlich war.

Und als 1987 herauskam, dass mein Vater sozusagen abgehauen ist, bin ich sofort wieder aus diesem Schulrat entfernt worden. Der Rektor hat mich in sein Büro bestellt und mir mitgeteilt, dass ich ab morgen kein Mitlgied des Schulrates mehr bin. Das war das erste einschneidende Erlebnis, was ich mitbekommen habe. 
Ich habe zu der Zeit in einer Gegend mit Blöcken gewohnt. Das kann man sich ein bisschen vorstellen wie Grünau, nur etwas kleiner. Dort wohnten auch 30-40% meiner Klassenkameraden. Und genau da erfuhr ich die zweite Abweisung. Niemand wollte mehr mit mir reden oder spielen. Wenn ich bei meinen Klassenkameraden geklingelt habe, riefen die nur vom Balkon, dass sie nicht mehr mit mir spielen dürften. Das war das nächste einschneidende Ereignis für mich.

Meine Mutter hat zu der Zeit im Porzellanwerk gearbeitet. Das Werk war vor allem für sein Hotelporzellan bekannt. Sie war ca. zweimal im Jahr hier in Leipzig zur Frühjahrs- und Herbstmesse. Aber als sich das mit meinem Vater herumsprach, hat man ihr den Job gekündigt. Sie wurde daraufhin in eine andere Stelle versetzt. Bevor das alles anfing, war sie für den Außenhandel tätig. Meine Mutter war insbesondere für Europa und Nordamerika zuständig. Und dann ging es los mit den Repressalien. Eines Tages standen zwei Männer im Anzug vor unserer Tür – es war die Staatssicherheit. Sie hatten so eine tragbare Schreibmaschine dabei und haben meine Mutter und mich getrennt voneinander befragt. Ich wusste überhaupt nicht, was ich sagen sollte und hatte auch keine Möglichkeit mich vorher mit meiner Mutter abzustimmen. Sie sagte mir im Nachhinein, dass sie sich bewusst nicht mit mir abgesprochen hatte, da sie nicht wollte, dass ich als 13- oder 14-Jähriger etwas sage, dass zu noch größeren Schwierigkeiten führt. Ich dachte zu diesem Zeitpunkt, die Beziehung meiner Eltern wäre gescheitert. Meine Mutter machte mir aber schnell klar, dass wie versuchen würden, meinen Vater zu besuchen. Meine Mutter füllte einige Zeit später einen Ausreiseantrag aus. Das war eine relativ umfangreiche Angelegenheit. Beim zuständigen Amt in Grimme hat man uns nichts gesagt. Wir haben einfach den Antrag abgegeben und mussten danach wieder nach Hause und dort waren. Anfangs haben wir einfach versucht unser Leben so weiterzuführen wie bisher. Ich hatte mich quasi daran gewöhnt etwas Besonderes zu sein.

Mein Onkel machte Ende 1987 oder Anfang 1988 eine Besuchsreise zu seinem Bruder und blieb dann einfach dort. Ich saß also sozusagen mit meiner Tante, Cousine und meiner Mutter in einem Boot. Meine Tante war allerdings vom Typ her etwas anders. Sie hat beim Amt auf den Tisch gehauen und durfte so ein Dreivierteljahr früher ausreisen als wir. Meine Mutter und ich durften erst ungefähr 2,5 Jahre nach Antragstellung ausreisen, im Sommer 1989. Mein Vater hat schnell versucht Kontakt aufzunehmen und hatte mit meiner Mutter Briefkontakt über Adressen, die sie ihm unter falschem Namen gegeben hatte. Eines Tages haben wir probiert uns in der Tschechien zu treffen. Wie sich herausstellte, ging mein Vater, nachdem er vom Schiff abgehauen war, zu unseren früheren Nachbarn. Die hatten ebenfalls einen Ausreiseantrag gestellt und sind schon 1985 ausgewandert. Der Ort hieß Bad Nauheim. Das ist vielleicht manchen noch ein Begriff, da Elvis Presley in Friedberg stationiert war und das direkt in der Nähe ist. Meine Nachbarn machten uns den Vorschlag nach Tschechien zu fahren und sie zu begleiten. Bis wir uns das erste Mal trafen, hat es aber ein gutes habes Jahr gedauert. Und es hat auch tatsächlich geklappt. Am Anfang war es nur ein Wochenendtrip und am Ende war es tatsächlich auch Urlaub. Wir haben uns dann in Tschechien getroffen und in der Hohen Tatra Urlaub gemacht.

Mein Vater blieb aber nicht untätig, sondern ging zu einer Menschenrechtsorganisation und hat mit denen gesprochen. Die DDR brauchte die Devisen und hatte politische Gefangene und die Bundesrepublik war quasi das Land, das die Gefangenen übernehmen sollte und dafür Geld gezahlt hat. 
Ich glaube 1987 war auch dieser spektakuläre Staatsbesuch von Erich Honecker in der Bundesrepublik und zu dem Zeitpunkt war mein Vater in Westberlin bei dieser Menschenrechtsorganisation. Die haben sich damals mit Plakaten vor die Botschaft gestellt. Und das hat dazu geführt, dass wir hier in der DDR zu Menschenrechtsorganisationen Kontakt bekamen. Die Wohnung sah in etwa genauso aus wie die hier, nur dass da wesentlich mehr Leute drin gewohnt haben. Das waren nicht nur so wie wir hier fünf oder sechs Leute, sondern da saßen dann 20-30 Leute und jeder hat versucht, die Gefühle, die man in den letzten Monaten hatte, zu erzählen. Und die Menschenrechtsorganisation hat versucht zu helfen. Natürlich ist man, wenn man eine Menschenrechtsorganisation in der DDR betreibt, sehr eingeschränkt, was Hilfe betrifft. Die Treffen fanden jedes Mal in einer anderen Wohnung statt. Es war in ganz Leipzig verteilt. Das waren auch Gegenden, in die man heute wahrscheinlich nachts nicht mehr fahren würde.

Dort gab man uns den Tipp, den Pfarrer der Nikoleikirche aufzusuchen, denn der organisiere wohl Auswanderungen. Wir sind Mitte 1988, glaube ich, das erste Mal dort hingegangen. Der Saal war relativ voll und der Pfarrer hat die Predigt immer damit angefangen, dass er Namen von Leuten vorgelesen hat, die die Ausreise genehmigt bekommen haben. Es war irgendwie wie ein Festival der Ausreisebewilligungen. Zu dem Zeitpunkt saßen aber auch noch viele Leute der Staatssicherheit in dieser Kirche. Die hat man daran erkannt, dass sie einen Stoffbeutel hatten und relativ gelangweilt in ihrer Bank saßen. Spätestens nach der Hälfte der Veranstaltung sind die eingeschlafen, weil es da letztendlich nichts zu tun gab für die.

Und zum Ende hin war der Pfarrer so mutig und hat die Staatssicherheitsleute begrüßt. Aber er hat das so sprachlich so geschickt hinbekommen, dass man als Staatssicherheitsmann nicht eingeschnappt war, sondern man einfach wusste: ja ok, wir sind gemeint. Nach der Veranstaltung mussten wir alle durch eine Tür gehen. Das war nicht der Haupteingang, sondern am Seitenschiff. Die Volkspolizei sperrte damals den ganzen Raum ab. Die standen nicht in unmittelbarer Nähe der Kirche, sondern zum Beispiel an den jeweiligen Straßenzügen. Da haben die aber alles komplett abgesperrt, sodass man, wenn man da raus gekommen ist, immer in eine bestimmte Richtung laufen musste. Am Fenster standen Volkspolizisten, die gefilmt oder fotografiert haben und wir mussten genau dort vorbeilaufen. So fing das damals dann mit den Montagsdemonstrationen an. Anfangs war das noch eher zurückhaltend, wurde aber immer stärker. Meine Mutter ist mit 1,56m relativ zierlich und daher eher abwartend, außerdem hatte sie ja noch mich. Trotzdem sind wir am Ende jeden Montag zur Demo gefahren. Das war wie eine Art Volksfest. Man kannte sich irgendwann untereinander und hat gefragt, wer schon seine Ausreise bekommen hat.

Ab Ende 1988 hat man immer geschaut, ob die Volkspolizisten da sind. Die haben sich einzelne Leute aus der Menge herausgezogen und in ihren Transporter zum Gespräch geholt. Es ging das Gerücht herum, dass die ausgewählten Leute direkt abgeschoben wurden. Aber wir haben es leider nie da rein geschafft. Dafür waren wir noch zu konservativ. Das ging bis Mitte 1989 so weiter und im Mai haben wir dann endlich die Ausreise bekommen. Man bekommt einen Laufzettel, auf dem steht, wo man sich überall abmelden muss. Das geht sogar so weit, dass Gutachter die Gegenstände der Wohnung auf ihren Wert schätzen und entscheiden, was man mitnehmen darf und was nicht. So etwas kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass der Gutachter offizielles Mitglied der Staatssicherheit war. Aber wenn man in dem System nichts Aufregendes anstellt, bekommt man von diesen Leuten nicht viel mit. Erst wenn man sich außerhalb des Systems bewegt, kommen sie auf einen zu. Das mit den Behörden hat sich ungefähr zwei Monate hingezogen.

Danach wird einem sogar der Personalausweis abgenommen. Dafür bekommt man ein Übergangspapier und ist somit bis zur Anmeldung in der Bundesrepublik quasi staatenlos. Am 27. Juli wurden wir in Leizig zum Zug gebracht. Dort wurde mir von Bekannten gesagt, ich könnte studieren. Allerdings, wenn man als Mann studieren wollte, musste man sich drei Jahre für die Armee verpflichten. Das war alles sehr grotesk. Als sie dann merkten, dass wir auf das Angebot nicht ansprangen, haben sie von uns abgelassen. Da hat sich schon angedeutet, was in Leipzig und anderen ostdeutschen Städten im August/September passierte. Wir waren die, die mit maximal 100 Leuten in der Kirche saßen und eine Art Umzug machen wollten. Aber der Umzug ging maximal bis zum Parkplatz, dem heutigen Augustusplatz. Dann durfte man in sein Auto steigen und nach Hause fahren. Als ich im Juli 1989 in Frankfurt am Main ankam, war ich wieder etwas Besonderes, wie auch schon die Jahre davor.

Für die Bewohner Westdeutschlands hat es die DDR quasi gar nicht gegeben. Die Grenze war zwar da, aber mit der DDR konnten sie gar nichts anfangen. Da hatten die Leute, die aus der Türkei oder Jugoslawien kamen einen höhren Stellenwert als wir aus der DDR. Aber wir konnten mit den Westdeutschen genauso wenig anfangen wie die mit uns. Man hat sich dann Leute gesucht, die ebenfalls aus der DDR kamen und so setzte die Grüppchenbildung ein. Um mein Abitur machen zu dürfen, brauchte ich eine zweite Fremdsprache. Ich konnte allerdings nur Russisch und das wurde an der Schule dort gar nicht angeboten. Ich ging auf die Schule in Bad Filbe, einem Vorort von Frankfurt am Main. Und nur um Russisch zu lernen, bin ich dann auf das Gymnasium in Frankfurt gegangen. Und schon ist man wieder ein bisschen ein Aussätziger. Ich habe mich immer wieder versucht zu integrieren. Das gelang mir letztendlich zwei Jahre später, als ich für ein Jahr in England war. Zu DDR-Zeiten war mein Englisch grottig, damit hätte ich keine Prüfung bestanden. Statt jedes Mal einen Nachhilfelehrer zu engagieren, habe ich lieber dort die Sprache gelernt, wo man sie auch spricht. Nach meinem Englandaufenthalt war es dann besser mit meinem Englisch.

Hast du gemerkt, dass dein Vater sich von dir verabschiedet hat oder hat er dich mehr in den Arm genommen?

Für meinen Vater war das ausschlaggebende Ereignis, dass mein Opa 1986 gestorben ist. Mein Opa lebte damals in der DDR, es gab aber die Möglichkeit für ihn im Westen zu arbeiten. Also ist er nach Essen gegangen. Was er dort gemacht hat, kann ich aber nicht mehr sagen. Meine Oma hatte damals meinen Vater und noch weitere vier Kinder und bat meinen Opa zurückzukommen, da die Erziehung von fünf Kindern allein schwer zu bewältigen war. Mein Opa kehrte daraufhin zurück. Mein Vater erzählte mir im Nachhinein, dass Opa immer sagte, dass er für seine Kinder möchte, dass es ihnen einmal besser geht als ihm. Deshalb hat mein Vater sich zu diesem radikalen Schritt entschlossen. Wenn man auf einem ostdeutschen Schiff arbeitete und Landgang hatte, hatte man den in einer Gruppe von etwa zehn Leuten. Jeder hatte die Aufgabe auf die anderen aufzupassen. Man konnte einkaufen gehen oder ins Kino, aber danach wurde durchgezählt wie bei einem Schulausflug. Mein Vater hat es aber trotzdem geschafft abzuhauen, indem er sagte, er müsse mal auf die Toilette und dann auf schnellstem Weg zum Bahnhof ging. Er hatte schon Herzrasen, denn wenn man ihn erwischt hätte, wäre er direkt ins Gefängnis gegangen. Und man hätte ihn nicht in irgendein Gefängnis gebracht, sondern nach Bautzen. Viele der Gafangenen dort wurden psychisch labil, weil man sie dort massiv unter Druck setzte. Das wollte mein Vater auf keinen Fall am eigenen Leib erfahren. In Ahus, wo mein Vater angelegt hatte, sind die Häfen normalerweise weit draußen von der Stadt und er musste mit Hilfe einer Karte nun den schnellsten Weg zum Bahnhof finden und von diesem dann nach Flensburg kommen. Bis zur Deutsch-Dänischen-Grenze hat er sich ständig nur umgeschaut, da er Angst hatte, dass ihn jemand gefunden hat oder ihm nachläuft. Wirklich veranschiedet hat er sich damals nicht von mir, da sich meine Eltern abgestimmt hatten. Meine Mutter wusste, was mein Vater vorhatte und wollte mich damit nicht belasten. Hätte er sich auf besondere Weise von mir verabschiedet, wäre mir das sicher komisch vorgekommen.

Kannst du noch etwas zu der Kommunikation sagen? Du hast vorhin angedeutet, dass deine Mutter Orte gesucht hat, wo er Briefe hinschreiben konnte. Und ihr hattet euch dann in Tschechien wieder getroffen. Wie habt ihr das kommuniziert, wann ihr euch wo seht?

Das ging hauptsächlich am Telefon. Mein Vater hat meine Mutter immer unter einem falschen Namen angerufen. Für das erste Treffen war es natürlich schwierig Pseudonyme zu verwenden. Da hat letztendlich unser ehemaliger Nachbar bei meiner Mutter angerufen und ihr gesagt, dass sie sich ganz gerne mal mit uns treffen wollen.
 Als wir uns das erste Mal getroffen haben, gab es dann immer Synonyme für irgendwelche Themen. Meinen Vater nannten wir, glaube ich, Herr Schneider. Die Treffen wurden über Telefonate vereinbart, da Briefe damals definitiv immer alle geöffnet wurden. Insofern konnte man in diese Briefe immer nur Alltägliches reinschreiben.

Wie war für dich das erste Treffen?

Das erste Treffen war komisch, weil er sich ein bisschen verändert hatte. Ich hatte den Eindruck, obwohl man das als Kind gar nicht so richtig mitkriegt, er sei erwachsener geworden. Als ich zur Welt kam, waren meine Eltern beide 19 Jahre alt und damit noch sehr jung. Die Ereignisse sind damals nicht spurlos an meinem Vater vorbeigezogen, denn er wusste nicht wie seine Zukunft aussieht und wann und wie er uns wiedersieht. Durch dieses ständige Sorgen machen und die wachsende Verantwortung, wurde er automatisch erwachsener. Am Anfang gab es Kommunikationsschwierigkeiten. Ich brauchte eine gewisse Zeit um ihn wieder als meinen Vater zu akzeptieren. Er war zwar da, aber dieses Vater-Sohn-Verhältnis wieder aufzubauen, brauchte eine gewisse Zeit. Meine Mutter war zu der Zeit der Mittelpunkt von uns beiden. Wenn mein Vater mir etwas sagen wollte, sagte er es vorher meiner Mutter und fragte sie um Rat. Das war alles ein wenig kompliziert, aber jetzt ist wieder alles gut zwischen uns.

Denkst du, deine Erlebnisse nehmen Einfluss auf dein jetziges Handeln?

Das glaube ich nicht. Das alles ist schon fast 30 Jahre her und wir leben nicht mehr in diesem geteilten Deutschland. Ich glaube auch, das sind einfach Kindheitserlebnisse, die man irgendwo ganz weit hinten im Kopf abspeichert hat. Die haben jetzt weder einen negativen noch einen positiven Einfluss hinterlassen.

Was bedeuten für dich die Wörter: Verantwortung, Offenheit und Aufbruch?

Das sind alles Schlagwörter, die es zu DDR-Zeiten nicht gab. Mit Propagandasprüchen wurde das zwar versucht zu vertuschen, aber letztendlich hat nichts davon stattgefunden. Margot Honecker wurde einmal viele Jahre nachdem sie in Chile gelebt hatte, interviewt, und hatte bis dahin immer noch nicht verstanden, dass der Fehler damals bei ihr und nicht bei irgendwelchen Konterrevolutionären lag. Und genau das ist der Punkt: diese Aufbereitung fand nach dem Ende der DDR nicht statt und somit auch nicht in unseren Köpfen. 
Der Vergleich hinkt vielleicht ein bisschen, aber die, die im Dritten Reich gelebt haben, verdrängen das teilweise bis heute. Für mich und wahrscheinlich viele andere Menschen ist dieses Interview das erste Mal, dass ich so offen über die Geschehnisse von damals spreche. Und genauso findet das wahrscheinlich in der gesamten Bevölkerung statt. Letztendlich hat jeder seine Geschichte zu dem Thema zu erzählen. Einige waren ganz mutig und sind nach Leipzig gefahren, Andere wollten nicht begreifen, dass die DDR nicht mehr existiert oder in der Auflösung ist. Ich finde genau da muss man einfach noch ein bisschen mehr Aufbereitung betreiben. Man muss für sich einen offenen Umgang mit dem Thema finden. Und wie schon gesagt, wenn man in dem System gelebt hat ohne links und rechts anzuecken, hat man in der DDR gut gelebt. Natürlich gab es nicht diese Vielfalt an Essen oder Kleidung, aber ich habe die auch ehrlich gesagt nicht gebraucht. Und die Tendenz gibt uns heute Recht, dass wir unser Konsumverhalten gerade wieder einschränken. Das ist das Paradoxe. Ich bin der Meinung, wenn man den Menschen einfach die Chance gibt sich selbst zu entwickeln, entwickeln sie sich von allein in die Richtung, was Kommunismus und Sozialismus vom Ursprungsgedanken eigentlich bedeutet. Das beginnt mit kleineren Wohnungen, weniger Konsum und lauter solcher Geschichten. Das wurde uns zwar damals immer alles vorgegeben, weil die Läden leer waren, aber wie gesagt: es hat uns an nichts gemangelt.

Vervollstädnige bitte die Satzanfänge:

  1. Ich wünsche mir für die Zukunft,  … dass wir Menschen wieder mehr selbst entscheiden können.

  2. Die Wende … war für mich mein Anfang.

  3. In der DDR … bin ich aufgewachsen, aber da ist nichts mehr hängen geblieben. 

  4. Mein Leben in Leipzig … gestaltet sich durchaus positiv. Leipzig ist auch wirklich eine hervorragende Stadt, die sich toll entwickelt.
  5. Mein Leben … würde ich wieder so leben.#

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BurkhardDie Fietzliesen – Georg – Kristin – Eine Schulklasse