... portraitiert Menschen aus Leipzig.
Es werden Leute in den verschiedenen Stadtvierteln interviewt und dazu Bildserien erstellt. Das Onlinemagazin schafft Transparenz der Leipziger und Leipzigerinnen gegenüber ihrer Meinung zur Stadt und zum Leben.

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Kristin

Was macht ihr hier?

Kristin | 26 Jahre | Studentin | in Mölln aufgewachsen | wohnt in Stötteritz

Dieses Interview ist in Kooperation mit dem Leipziger Lichtfest entstanden. Das Lichtfest erinnert jedes Jahr am 9.Oktober an die friedliche Revolution von 1989.

Welche Geschichten über die DDR kennst du?

Ich kenne eigentlich nur gute Geschichten, muss ich sagen. Man muss es aber schon teilen. Wenn die Familie meiner Mutter etwas erzählt, dann sind das eher positive Geschichten über Zusammenhalt, dass sie Arbeit hatten und alles ordentlich war. Mein Vater sagt das zwar auch, er hatte allerdings mehr Probleme mit dem System. Ihn hatten sie etwas auf dem Kieker. Er hat die Öffnung der Mauer befürwortet und meint, dass sie das schon alle so wollten.

Kannst du uns mehr dazu sagen, inwiefern er im System angestoßen ist?

Mein Vater hat zweimal versucht zu flüchten, wurde aber gefangen und musste das aussitzen.

Wie war die Zeit im Gefängnis für ihn?

Da ging es schon ziemlich hart her. Er wurde dort schlecht behandelt. Wenn du in der DDR flüchten wolltest, warst du natürlich der Letzte, der da was zu sagen hatte. Mein Vater hatte damals viel mit Leuten zu tun, die Geld hatten. Er selbst hatte nicht so viel Geld. Dadurch hatte er allerdings viele ‚West-Vorteile‘ und konnte bspw. in den Intershop gehen. Die Sehnsucht nach dem Westen war schon ziemlich groß bei ihm.

Du hast ja von deinen Eltern viel über diese Zeit erfahren. Kannst du dir heute vorstellen, wie es für dich wäre in der DDR gelebt zu haben?

Das sehe ich auch eher geteilt. So ein sozialistisches System, wo Gemeinschaft und der Mensch im Vordergrund stehen, ist schon toll und wirkt von außen gesichert. Aber dieser Faktor von Meinungsfreiheit und, dass alles Andere verteufelt wird, damit könnte ein moderner Mensch heute gar nicht umgehen. Das wäre für mich das Schlimmste, wenn ich wüsste, ich bin jetzt hier auf Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen beschränkt und muss hier bleiben. Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie das damals gewesen sein muss, dass man aus der DDR nicht rauskam und nicht sagen konnte, was man denkt. Ich war natürlich nicht dabei, aber man fragt sich, ob es so war, wie es in den Filmen gezeigt wird. Dass Wände verwanzt und die Menschen abgehört wurden – ich kann mir das kaum vorstellen, dass es sowas gibt auf der Welt.

Zur Wende wurden ja oft Montagsdemonstrationen gemacht. Die Pegida-Demos sind auch immer montags. Denkst du, dass es da Parallelen gibt zwischen den Demos?

Die wollten schon auf den Zug aufspringen. Es gab ja die friedliche Revolution vor 1989, und auch Pegida möchte ganz klar eine Revolution. Wir kennen ja deren Ziele. Ich denke schon, dass sie zeigen möchten, wie toll das damals war und wie mutig die Bürger der DDR waren. Es war wahrscheinlich der erste Umbruch in der Geschichte, bei dem keine Gewalt vorkam. Und das Image wollen sie auch gern haben.

Es wurde lange dafür gekämpft, die Mauern niederzureißen und damit Reisefreiheit zu erlangen. Heute strebt man doch eher wieder nach Isolation. Was denkst du, motiviert die Leute dazu, die ‚Mauern‘ wieder aufzubauen, bspw. die Grenzkontrollen in Österreich?

Vielleicht ist das eine Generationenfrage. Die Einreisen nehmen vielleicht überhand und das haben die sich einfach nicht so gedacht. Ich denke, wenn unsere Generation regieren würde, wäre das sicherlich anders, weil wir die Freiheit kennen und wollen. Und genau das ist in den ‚alten Köpfen‘ wohl etwas problematischer, dass hier jeder tun und lassen kann, was er will. Alle Länder machen dicht, nur Deutschland kann sich das aufgrund der Geschichte nicht erlauben eine Mauer hochzuziehen. Das geht aus verschiedenen Gründen einfach nicht mehr.

Das ist eine interessante Sichtweise. Denkst du, dass der Druck auf die Regierung dadurch immer stärker wächst?

Das ist ein bisschen wie mit der Präsidentenwahl in Amerika. Wir, als aufgeklärte Leute, haben einfach nicht damit gerechnet, dass so jemand gewählt wird. Aber die Masse dachte halt anders. Und so ist es hier auch. Wir denken, wir kriegen das alles hin und können alle integrieren, aber die Masse hat einfach Angst vor dieser Fremde und sieht das als Bedrohung. Da muss man jetzt aufklären und integrieren.

Denkst du, dass jeder Einzelne Verantwortung trägt, unser demokratisches System aufrecht zu erhalten, insbesondere in unserem digitalen Zeitalter?

Es herrscht ja schon eine krasse Überwachung, überall sind Kameras. Dabei sind Kameras noch das geringste Problem. Wenn ich nach einem Sportschuh auf Google suche, bekomme ich danach eine Woche lang nur Pop-Ups mit Sportschuhen. Vielleicht ist das auch gar nicht so schlimm, aber für mich ist das schlimm, weil ich einfach weiß, dass alles, was ich mache, registriert wird. Aber daran können wir, denke ich, nichts ändern. Ich weiß nicht, ob das in anderen europäischen Ländern anders ist, aber mich stört es schon sehr.

Hast du in der Hinsicht schon eine Schmerzgrenze bei dir entdeckt?

Ich habe zum Beispiel meinen Facebook-Account gelöscht, weil es für mich auch gar keinen Sinn ergeben hat, dort angemeldet zu sein. Ich muss nicht überall registriert sein, eigentlich ist es schlimm genug, dass ich ein Google-Konto habe. Da kommt man ja aber fast gar nicht drum herum. Google weiß immer, wo ich bin. Mir ist allerdings aufgefallen, dass ich das alles schlimmer fand, als es noch sehr neu war. Man gewöhnt sich leider schnell daran. Das hat sich anfangs viel befremdlicher angefühlt, dass immer ein Satellit nachvollziehen kann, wo du grad langgegangen bist. Man hat ja nichts zu verbergen, aber diese Überwachung ist trotzdem ganz schön krass.

Es gibt momentan eine Art Studie eines Instituts, das Leute nach ihrem Fitnessziel fragt und diese dann gezielt aufgrund von erhobenen gesundheitlichen Daten einer Tätigkeit zuordnen. Die Leute müssen während der Arbeit Fitnesstracker tragen und der Arbeitgeber hat volle Einsicht in diese Daten. Was hälst du davon, dass so etwas in unserer Zeit passiert?

Mein iPhone zählt sowieso meine Schritte und diese Daten bleiben wahrscheinlich nicht nur auf meinem Handy. Apple weiß also Bescheid und gibt das alles weiter. Ich nutze mein Handy auch, um zu überblicken, was ich esse und auch das wird wahrscheinlich weitergegeben. Allerdings entscheide ich mich dazu aus freien Stücken.

Denkst du, dass du von der Politik ernst genommen wirst?

Ich finde unsere Demokratie ist nicht so richtig eine Demokratie, weil nicht die Mehrheit sondern die kleine Masse entscheidet. Und ich bin nicht in dieser kleinen Masse, sondern eher ein kleiner Fisch. Deshalb fühle ich mich nicht richtig ernst genommen. Allerdings weiß ich auch gar nicht, was ich mir von der Politik erwarte.

Was bedeutet für dich das Wort Verantwortung?

Man trägt Verantwortung für das, was jetzt in der Gesellschaft passiert und für das, was ich möchte, das meine Kinder erleben. Also wenn mir das System im Hier und Jetzt nicht passt, müssen wir etwas machen und hoffen, dass es besser wird in der Zukunft.

Für meine Kinder wünsche ich mir eine Welt, in der man keine Angst haben muss in eine Armutssituation zu gelangen auch wenn man keine reichen Eltern hat. Ich wünschte, jeder hätte in seinem Leben immer einen gesicherten Grundstandard und nicht am 10. des Monats schon kein Geld mehr.

Und was assoziierst du mit dem Wort Aufbruch?

Aufbruch bedeutet für mich weg von dem Alten hin zu Neuem. Als ich mich entschieden habe hier zu studieren, war das eine Aufbruchsituation für mich. Das war ein sehr plötzlicher Entschluss, aber es war auch ein Gefühl von Freiheit einfach Fahrrad und Rucksack zu schnappen und aufzubrechen ohne vorher groß zu planen. Trotzdem hält es mich hier, denn ich habe selten so nette Leute kennengelernt und ich mag die Stadt. Ich fühle mich wohl und habe meine Familie hier. Trotzdem überlege ich manchmal wegzugehen. Aber hier ist einfach noch ganz viel möglich und das findet man so schnell nicht wieder.

Empfindest du Leipzig in einer Aufbruchsituation?

Jetzt grad eigentlich nicht. Ich fand Leipzig schon mal etwas lebendiger, als es jetzt ist. Jetzt findet man noch Oasen, wo man sagt: Hier ist noch alles möglich, hier können alle Menschen so sein, wie sie sind und alles machen.

Was ist Offenheit für dich?

Ohne Vorurteile auf jemanden oder etwas Neues zugehen zu können. Ich wünsche mir, dass ich das selbst immer kann und die Leute auch auf mich so zugehen. In Situationen, wo man sich selbst unsicher ist, fällt mir das allerdings manchmal etwas schwerer. Aber wenn ich auf der Straße angesprochen werde, bin ich grundsätzlich erstmal offen und höre zu.

Deine Eltern kommen ja aus Sachsen, ihr seid aber 1997 nach Schleswig-Holstein gegangen. Hast du dort Geschichten mitbekommen, die über die DDR erzählt wurden, außerhalb deiner Familie?

Was total in den Köpfen ist, ist dass nur ein Land abgeschafft wurde – und das war die DDR. Die BRD bleibt bestehen und für sie ändert sich nichts, sondern sie gibt sich „weltoffen“ und lässt die Bürger aus dem Osten mit rein. Aber dass es ein komplett neues Land ist, habe ich so nie empfunden. Das war dort schon immer ein Thema, über das gesprochen wurde. Als ich in die Schule kam, wurde ich aufgrund meines sächsischen Dialekts geärgert. Dann habe ich mir das natürlich ganz schnell abgewöhnt. Aber ich erinnere mich an eine Situation, da kam meine Mama weinend nach Hause, weil sie auch aufgrund ihres Dialekts geärgert wurde und man sie mit ‚Ossi-Beleidigungen‘ beschimpft hatte. Sie wurde regelrecht diskriminiert nach dem Motto ‚Was macht ihr hier?‘. Es ist also definitiv bis heute ein Thema. Und wenn jemand von woanders kommt, wird schon zugeordnet, ob derjenige aus dem Osten oder Westen kommt.

Mölln, wo ich herkomme, liegt ziemlich an der Grenze, deshalb waren die Leute damals auch stark involviert und haben die einreisenden Menschen begrüßt. Aber diese Euphorie ebbte dann doch schnell ab. Als die ‚Ossis‘ dann kamen, waren die Läden erstmal leergekauft. So etwas erzählt man da.

Wie war das für dich als Kind nach Mölln zu ziehen und dort nicht ganz so offen aufgenommen zu werden?

Man wusste schon, dass es Ost/West gibt. Aber ich habe da auch heute noch ein totales Identitätsproblem. Auf der einen Seite habe ich Ost-Eltern mit Ost-Grundsätzen, aber ich denke, dass Kinder, die hier aufwachsen, noch immer mit einem sozialistischen Einfluss aufwachsen. Es ist vielleicht ein wenig ‚Schubladen-Denken‘, aber ich habe es so oft erlebt, dass die Mütter aus dem Westen nicht arbeiten gehen müssen. Das war bei uns anders. Leute, die im Osten großgeworden sind, haben einfach ein ganz anderes Ordnungsbewusstsein und Verantwortungsgefühl. Das kann man natürlich nicht generalisieren.

Dein Vater ist ja immer hier geblieben. Deine Mutter wohnt mittlerweile aber auch wieder in Sachsen. Was denkst du, hat deine Mutter dazu bewegt?

Ich glaube, meine Mutter ist einer Illusion nachgerannt und dachte hier wäre noch 1997 und hier würde noch alles langsam rollen. Sie wollte einfach ihrer alten Arbeit wieder nachgehen und war auch in der DDR schon sehr glücklich in ihrem Beruf. Doch natürlich hat sich auch etwas geändert. Das ist hier eine große Stadt mit einer bunten Gesellschaft geworden. Da war sie schon überrascht zu sehen, wie Leipzig heute ist.

Meine Oma sagt heute oft, sie bereut es in den Westen gegangen zu sein. Meine Großeltern sind noch vor dem Mauerfall über Ungarn über die Grenze gegangen. Sie wohnt immernoch in Mölln und würde gern wieder zurück nach Leipzig, traut sich aber aufgrund ihres Alters nicht mehr. Sie meint, im Osten war einfach alles viel besser. Auch wenn sie nicht alles hatten, hatten sie viele Bekanntschaften und alle waren nett zueinandern.

Du sagst ja, es ist schwierig für dich, dich selbst einzuordnen. Wenn wir aber jetzt eine Momentaufnahme machen, wie würdest du dich selbst beschreiben? Als wer siehst du dich selbst?

Ich fühle mich überhaupt nicht so, als würde ich von hier kommen. Das macht es auch immer so schwer, weil ich genau weiß, dass meine gesamte Familie von hier kommt. Ich fühle mich so, als wäre ich in Schleswig-Holstein aufgewachsen, was ja auch so ist. Allerdings schäme ich mich dafür immer etwas, weil ich das Gefühl habe, es müsste anders sein. Das Gefühl zuhause zu sein, habe ich einfach in Schleswig-Holstein eher als hier.

Denkst du, dass es dich in deinem Leben noch einmal dorthin zurückziehen wird?

Ja, ich würde schon gern wieder zurück. Ich weiß nicht einmal einen richtigen Grund, weil ich hier meine Familie habe, aber ich möchte hier nicht alt werden.

Gibt es für dich einen Ort in Leipzig, mit dem du etwas Besonderes verbindest?

Das ist aber schwer, da jetzt nur einen Ort zu nennen. Aber ich würde sagen der Richard-Wagner-Hain, weil das mein Lieblingspark ist und ich dort gern Zeit verbringe. Ich war dort früher schon mit meinem Papa schon zum Fußball spielen. Aber ich habe sehr viele Orte, an denen ich als Kind schon war und es ist komisch, diese als Erwachsener wiederzusehen. Komisch insofern, als dass für mich damals mit unserem Umzug nach Mölln ein neues Kapitel begonnen hatte und das Buch Leipzig somit für mich geschlossen war. Ich habe auch in der Zeit, in der ich im Norden gewohnt habe, wenig mit Leipzig zu tun gehabt und sich dann wieder an einem Ort hier zu ertappen, an dem Kindheitserinnerungen aufkommen, ist eben ein merkwürdiges Gefühl.

Du sagtest ja, du hast noch immer ein kleines Problem damit, deine Identität zuzuordnen. Aber welche deiner Eigenschaften würdest du eher deinen Erfahrungen in Mölln und welche Leipzig zuordnen?

Wenn ich mich manchmal selbst spießig und langweilig finde, und mir mein Landhaus wünsche, dann gehöre ich in den Norden. Da ist alles sicher, da hat man Wälder und seine Ruhe. Aber wenn ich an mein junges Leben denke, dann will ich etwas erleben und da habe ich im Osten einfach mehr Möglichkeiten. Einige Dinge, die hier passieren, sind da oben überhaupt nicht möglich.

Vervollständige bitte die Satzanfänge:

  1. Als ich nach Leipzig kam, … war ich überrascht wie das Leben auch sein kann.
  2. Für meine Zukunft wünsche ich mir, … dass ich irgendwann einmal weiß, wo ich zuhause bin.
  3. Für meine Familie … war die Wende nicht unbedingt nur glückbringend.
  4. In Leipzig … habe ich auf jeden Fall eine gute Zeit meines Lebens verbracht.
  5. Mein Leben … wird hoffentlich in den nächsten Jahren mal klarer sein.

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