... portraitiert Menschen aus Leipzig.
Es werden Leute in den verschiedenen Stadtvierteln interviewt und dazu Bildserien erstellt. Das Onlinemagazin schafft Transparenz der Leipziger und Leipzigerinnen gegenüber ihrer Meinung zur Stadt und zum Leben.

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Waldstraßenviertel Gohlis

Max, Julia, Jonas, Benny, Sebastian, Julian und Moritz

eine Schulklasse

Sebastian | 17 Jahre alt | 11. Klasse | wohnt in Delitzsch | geboren in Leipzig
Moritz | 17 Jahre alt | 11. Klasse | wohnt in Delitzsch | geboren in Leipzig
Max, 17 Jahre alt | wohnt in Hohenroda | geboren in Zschopau (Erzgebirgskreis)
Benny | 17 Jahre alt | 11. Klasse | wohnt in Schenkenberg | geboren in Dresden
Julia | 18 Jahre alt | wohnt in Zwochau | geboren in Leipzig
Julian | 18 Jahre alt | wohnt in Zschepen | geboren in Eilenburg
Jonas | 16 Jahre alt | 11. Klasse | wohnt in Zschortau | in Leipzig geboren

Dieses Interview ist in Kooperation mit dem Leipziger Lichtfest entstanden. Das Lichtfest erinnert jedes Jahr am 9.Oktober an die friedliche Revolution von 1989.

Kennt ihr Geschichten, die über die DDR erzählt werden?

Julia: Man kennt schon teilweise welche. Meistens kennt man zwei Seiten: die einen, die sich dort wohlgefühlt haben – das war eher die Arbeiterklasse, die keine Probleme hatte – und die anderen, die eher religiös waren oder nicht so frei leben konnten wie jetzt.

Benny: Ich stimme Julia zu. Andersdenkende wurden in der DDR teilweise nach Bautzen verschifft. Das verdeutlicht, dass die DDR mehrere Gesichter hatte. Für die Einen Rettung, für Andere der „Untergang“.

Max: Ich habe aus persönlichen Gesprächen festgestellt, dass viele positive Dinge über die DDR sagen. Und dass zum Beispiel diese Ausreise nach zweijährigem Warten und einem ganz normalen Antrag möglich war. Somit bestand das Problem dort gar nicht rauszukommen bei vielen gar nicht. Aus dem Familienkreis kenne ich Bekannte, die das gemacht haben müssen. Das stimmt nicht so ganz mit dem überein, was man heute in der Öffentlichkeit über die DDR hört.

Julia: Ich stimme Max da zu. Ich höre zwar schon ein paar negative Sachen, aber im Grundton ist es eher positiv. Das Negative kommt dann eher so um die Wende – nicht, dass die Wende schlecht war, nur dass die Umstellung und die Arbeitslosigkeit schwer war. Dass es ein Gefühl gab minderwertig zu sein gegenüber dem Westen. Und dann diese Spaltung, dieser Hass zwischen dem Osten und dem Westen, was aber in unserer Generation nicht mehr so sehr in den Köpfen ist.

Max: Ich habe mitbekommen, dass zu dieser Zeit sehr viel Unsicherheit herrschte, da man ja nicht wusste wie es weitergeht. Und besonders, wenn man gerade Kinder in die Welt gesetzt hatte, war es schwierig, da es diese Differenzen gab. Man hatte das komplette System aufgeben müssen, genauso wie das nach Hitler-Deutschland war. Da ging eine Ära für eine bestimmte Gruppe der Bevölkerung zu Ende.

Jetzt sind schon über 25 Jahre vergangen. Was denkt ihr, inwieweit hat sich dieses Gefühl der Unsicherheit bei den Menschen geändert?

Benny: Ich denke, dass es sich zum Positiven gewandt hat. Es gibt jetzt mehr Gleichheit, trotzdem ist noch immer eine Spaltung vorhanden, weil zum Beispiel die Rente oder das Gehalt noch nicht angeglichen sind. Da sind noch viele Schritte zu machen.

Käme es für euch in Frage in die westliche Region von Deutschland zu ziehen – zum Studieren zum Beispiel?

Jonas: Es gibt auf jeden Fall noch Unterschiede, auch wenn diese nicht mehr so groß sind. Ich habe letztens im Radio von Studenten gehört, die im Osten studieren, weil es hier günstiger ist, danach aber in den Westen gehen, weil man dort besser verdient. Das ist, denke ich, eine große Masse, die nur zum Studieren hier ist.

Max: Die Generation unserer Eltern trägt den Konflikt immer noch ein bisschen in sich. Dieser Ost-West-Gegensatz ist noch nicht überwunden und wird auch ein Stück mit in unsere Generation getragen. Von Ost und West gibt es ein Gefälle der Gehälter, was es aber auch von Nord und Süd gibt. Das ist besonders für unsere Generation, die hier Arbeit sucht und in der Region bleiben möchte, nicht unbedeutend.

Jonas: Gerade in der älteren Generation ist man dem Westen gegenüber noch eher negativ eingestellt.

Benny: Ich ziehe es durchaus in Betracht im Westen zu studieren, aber dann auch in einer Gegend, die mir persönlich gefällt. Genauso würde ich nicht überall im Osten studieren wollen. Es muss mir dort einfach gefallen und die Universität muss gut sein.

Max: Grundsätzlich kann ich mir das Vorstellen im Westen zu studieren, aber ich habe das nicht vor. Ich weiß nicht warum, aber so viele westliche Bundesländer habe ich auch noch gar nicht bereist. Das ist schon ziemlich komisch, aber durch die Eltern und Großeltern ein wenig mitgetragen. Obwohl das nicht heißt, dass ich noch nie in Westdeutschland war (alle lachen) Aber ich denke, dass viele Leute aus dem Gebiet Nordrhein-Westfalen auch noch nie Sachsen oder Sachsen-Anhalt gesehen haben.

Moritz: Ich kann es mir auch vorstellen, aber bevorzuge es im Osten zu bleiben, da ich die Städte hier einfach schöner finde. Die Städte hier sind nicht so architektonisch verhunzt und der Menschenschlag ist ein anderer. Hier geht es manchmal bodenständiger zu, hier spricht und lebt man anders. Ich finde es schön, wenn man in einer Gegend bleibt, die einem persönlich ähnlich ist.

Julia: Ich war schon ein paar Mal in Westdeutschland und finde nicht, dass die Menschen dort sehr anders sind. Es gibt auf beiden Seiten Leute, bei denen ich mit der Mentalität überhaupt nicht zurecht komme. Ich war zwar auch nicht so sensibel darauf bedacht, aber trotzdem konnte ich keine gravierenden Unterschiede zwischen den Menschen in Ost und West feststellen. Ich habe eher einen Unterschied zwischen Norden und Süden gemerkt. Aber das kommt vielleicht auch darauf an, wie lange man dort ist. Ich war nur als Touristin in den Städten.

Max: Ich habe unterschiedliche Menschen aus den westlichen Gebieten kennengelernt. Darunter waren einige Leute unsympathisch, andere so wie ich es von hier kenne. Es gibt vielleicht den kleinen Unterschied, dass man im Westen ein wenig profitorientierter ist. Das muss aber nicht sein.

Was macht für euch die Menschen hier in Delitzsch aus?

Benny: Naja, Delitzsch ist vielleicht ein schlechtes Beispiel. Ich würde eher so nach Dresden oder Leipzig in die Großstädte gehen. Da sehe ich kaum einen Unterschied zu Westdeutschland. Ich war auch schon in vielen Städten im Westen. Aber überall gibt es profitorientierte Leute, es gibt überall Menschen, die weniger aus ihrem Leben machen und wiederum Leute, die zur Arbeit gehen.

Sebastian: Ich stimme Benni zu. In Leipzig und Dresden vollzieht sich zur Zeit ein Wandel hin zu Universitätsstädten. Da kommen viele junge Menschen aus ganz Deutschland. Durch diese bunte Mischung sehe ich gar keinen Unterschied mehr zum Westen.

Max: Ich denke, die Großstädte ähneln sich sehr. Das muss nicht unbedingt gut sein. Vieles ist europäisch geworden, Konzerne lassen sich in den Großstädten nieder. Leipzig und Dresden sind die einzigen Regionen in Sachsen, die da etwas aufstreben. Der Unterschied zwischen Stadt und Land ist, dass nach der Wende Lehrer oder leitende Positionen der DDR-Bevölkerung aufgelöst wurden und durch Leute aus Westdeutschland ersetzt wurden. Der Begriff „Wessi“ stand für manche auch stellvertretend dafür, dass ein neuer Vorgesetzter plötzlich aus einem anderen Gebiet, des neuen vereinigten Deutschlands kam. Das war für viele schwierig und geht auch noch in die Zeit hinein, in der wir jetzt leben.

Benny: Ich möchte noch ergänzen, dass Chemnitz auch aufstrebt. Ich würde sagen, es gibt in ganz Deutschland einen Unterschied zwischen dem Stadt- und Landleben. Es gibt auch im Westen zahlreiche Dörfer oder ländliche Gegenden, die noch nicht so hoch entwickelt sind wie die Städte. Die Infrastruktur ist dort beispielsweise noch nicht so gut ausgebaut. In Schleswig-Holstein zum Beispiel haben die Themen Infrastruktur und Bildung die Wahl beeinflusst und somit den Wahlausgang beeinträchtigt.

Max: Ich denke, es ist gut, wenn manches nicht so eng miteinander verknüpft ist. Globalisierung ist gut und auch, dass die Großstädte miteinander vernetzt sind, aber ich finde es schön, wenn es auf dem Land ruhig ist. Natürlich ist es schade, wenn es Orte gibt ohne Internet oder, wo der Bus nur einmal am Tag fährt, aber das sind gleichzeitig Orte, an denen man sich zurückziehen kann.

Sebastian: Zur Zeit geht der Trend ja dahin, dass junge Menschen wieder aufs Land ziehen. Mein großer Bruder ist von Delitzsch raus aufs Land gezogen, weil er es dort einfach ruhiger und schöner fand. Gerade jetzt, wo wieder mehr Leute aufs Land ziehen, muss Infrastruktur nachgeliefert werden, seien es Ärzte oder Schulen. Im Moment ist es aber eher so, dass viele Ärzte nicht in die ländliche Gegend wollen und Schulen dort geschlossen werden.

Denkt ihr, dass es auf dem Land Ängste gibt, dass es hektischer wird?

Benny: Ich denke, dass die Dörfer, die im näheren Umkreis von Städten liegen, eher an die Städte angeschlossen werden. Das sieht man auch in Brandenburg mit dem Speckgürtel von Berlin, dass diese kleineren Städte dort an Bevölkerung zugenommen haben, eben durch die Verbindung zu Berlin. Besonders Familien mit Kinder suchen ruhige Orte, möchten aber trotzdem nicht zu weit bis in die Innenstadt brauchen. Dafür sind Vororte von Städten am besten geeignet.

Jonas: Ich lebe in so einem Vorort – in Zschortau. Wir haben eine Zugverbindung und sind daher gut angeschlossen an Leipzig. Das merkt man auch an den steigenden Grundstückspreisen. Zur Zeit wird sehr viel verkauft. Aber es wird nicht hektischer, die Idylle des Landes bleibt erhalten. Diese wird nur kombiniert mit der Möglichkeit schnell in die Großstadt zu fahren.

Max: Ich würde diese Hektik gar nicht nur auf Stadt-Land beziehen. Die Generation unserer Eltern, besonders im Osten, hat, denke ich, ein größeres Problem mit der Aufnahme und Integration von Flüchtlingen, da die Wende für sie noch nicht so lange her ist. Man hat Angst, dass man das, was man sich die letzten Jahre aufgebaut hat, wieder verliert. Dadurch, dass man im Osten über viele Jahre ziemlich eingekesselt war, kennt man das Fremde nicht so gut. Diese Hektik entsteht dann dadurch, dass alles global gedacht wird.

Moritz: Ich sehe das eigentlich nicht so. Das scheint mir ein Vorurteil zu sein, dass es im Osten eher hinterwäldlerisch zugeht. Es ist ja mittlerweile gute 30 Jahre her, dass es die Grenze gab. Und auch im Osten kannte man das, was sich außerhalb der Grenze befand, auch wenn man dort nicht so leicht hinreisen konnte. Man hat ja nicht wie im Mittelalter nur in seinem Dorf gelebt, sondern mitbekommen, was in der Welt passiert. Ich denke, es gibt andere Gründe dafür, dass der Osten in dieser Frage eine kritischere Einstellung als der Westen hat. Grundsätzlich hat der Osten, denke ich, kein Problem mit der Globalisierung. Ich glaube, dass man hier eher bereit ist, zu sagen, dass Globalisierung nicht immer etwas mit Einwanderung oder gar Asyl zu tun hat. Aus dieser Mentalität entstehen dann eben Konflikte, aber das hat weniger mit einer irrationalen Angst zu tun, sondern damit, dass man sieht, wie es woanders in Deutschland und in der Welt zugeht. Man ist zufrieden so wie es ist und möchte deshalb nichts ändern.

Jonas: Aber, dass alles so bleibt wie es ist, spricht doch gegen die Globalisierung?

Max: Ich spreche auch nicht von einer Angst vor Neuem, sondern davon, dass man jahrelang isoliert war davon und genau das für eine weniger euphorische Haltung sorgt. Das ist ein Unterschied zum Westen. Wenn man in das Ruhrgebiet schaut, sieht man, dass sich die Deutsch-Türken, die dort im Zuge einer Arbeiterbewegung hingezogen sind, integriert haben. Ich kenne keine ostdeutsche Großstadt, die in der Form eine solche Zuwanderung erlebt hat. Und das ist die Differenz, die zwischen Ost und West herrscht.

Julia: Ich denke auch, dass das von der Isolierung her rührt. Wenn ich im Bus unterwegs bin, höre ich schon eine gewisse Angst vor Globalisierung bei Gesprächen heraus. Das wird immer rassistischer. Die Flüchtlinge müssen beispielsweise im Bus immer ihre Buskarte zeigen. Das muss ich nie. Wenn sie Fragen haben, werden sie unfreundlich behandelt, fragt aber ein Deutscher, wird sofort geantwortet. Manchmal werden die Flüchtlinge auch bei Fragen ignoriert.

Benny: Als ich letztens mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Leipzig gefahren bin, waren dort zwei aus dem Nahen Osten stammende Flüchtlinge. Diese wurden vom Personal nicht so behandelt, wie man es von einem Servicepersonal erwarten kann. Da musste ich denen dann helfen, damit sie überhaupt wussten, wie sie nach Leipzig kommen. Da kann man von einem hochentwickelten Land wie Deutschland doch eigentlich mehr erwarten.

Julia: Wenn ich so etwas erlebe, kommt diese Ablehnung meistens eher von Älteren.

Benny: Nein, es gibt auch junge Leute, die durchaus gegen Flüchtlinge hetzen. Man sieht das an den Bewegungen, die gegen Flüchtlinge gehen, dass auch junge Menschen da mitmachen.

Wie fühlt ihr euch in Situationen, in denen ihr so etwas beobachtet?

Julia: Ich fühle mich schon schlecht, aber was soll ich machen, wenn ich ganz hinten im Bus sitze? Ich versuche ihnen dann zuzulächeln und einen Platz anzubieten, besonders wenn es junge Frauen sind, die vom Busfahrer angemotzt werden.

Julian: Ich spiele Fußball und wir haben gegen International Leipzig gespielt, wo sehr viele Flüchtlinge integriert werden. Da ist der Anteil an Deutschen weit unter zehn Prozent. Wir hatten ein Testspiel gegen die Mannschaft vereinbart. Den Ausländern wird ja oft eine Gewaltbereitschaft zugeschrieben und das hat sich in dem Moment auch bewahrheitet, denn sie hätten verloren. Das Spiel wurde aber vorzeitig abgebrochen, da sie sich mit dem Schiri geschlagen haben. In unserer Mannschaft haben wir einen Syrer integriert, der aber eher zurückhaltend ist. Man kann so etwas nie verallgemeinern.

Jonas: Es war noch nie gut das Verhalten von Bevölkerungsgruppe zu verallgemeinern. Wenn ich solche Situationen erlebe, ist das für mich ein sehr unangenehmes Gefühl. Aber so richtig etwas dagegen machen kann man ja auch nicht. Natürlich könnte man sagen ‚So geht das aber nicht‘, aber diese Courage hat man nur selten, weil das meistens zu nichts führt sich auf eine Diskussion einzulassen. Aber ich sehe es auch schwierig, wie Bus- und Zugpersonal mit ausländisch Aussehenden umgeht.

Julia: Aus meinem Familienkreis kenne ich aus dem Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge aus Schlesien, die hier ja dann auch fremd waren. Sie wurden als Neger beschimpft, weil sie etwas dunkler waren. Was ich nicht verstehen kann, ist, dass aus eben diesen Familien jetzt einige gegen Flüchtlinge sind. Aber vielleicht liegt das in der DDR begründet. Man gehörte irgendwann endlich dazu und möchte nicht wieder etwas Fremdes. Aber verstehen kann ich es nicht, wenn man doch selbst Flüchtling war und jetzt trotzdem gegen Flüchtlinge ist.

Jonas: Das waren ganz andere Dimensionen damals. Da sind gigantische Massen an Menschen nach Deutschland gekommen. Sie hatten ähnliche Kulturen und konnten die Sprache.

Benny: Das waren ja sozusagen Deutsche, die aber vertrieben wurden, weil Gebietsabtretungen stattfanden.

Julia: Sie wurden aber trotzdem nicht als Deutsche angesehen, als sie kamen.

Moritz: Dafür gibt es ja viele Beispiele. Aber ich denke, das hat eher damit etwas zu tun, dass das kurz nach dem Krieg war und man nicht noch mehr Notleidende versorgen wollte.

Julia: Sie haben hier einfach diese Abneigung als Flüchtlinge gespürt und sollten umso mehr nachvollziehen können wie es den jetzigen Flüchtigen geht.

Moritz: Vielleicht sollte man den Begriff des Flüchtlings aber nicht von Schlesiern auf die Syrer oder andere Asylbewerber übertragen, sondern die Motivation und Gründe der Flucht genauer betrachten. Denn die unterscheiden sich in dem Falle gravierend. Das hat ja beides gar nichts miteinander zu tun.

Benny: Das Problem damals war ja, dass die Männer im Krieg gefallen waren und die Leute Frauen und Kindern auf ihren Höfen aufnehmen sollten, die aber nicht so viel mithelfen konnten wie es Männer hätten tun können. Deshalb war man diesen Menschen gegenüber wahrscheinlich etwas geschlossener, weil man keine weiteren Mitesser brauchte.

Welche Social-Media-Kanäle nutzt ihr?

Alle: WhatsApp, Instagram, und Snapchat. Facebook schon eher weniger, einige nutzen noch Twitter.

Wie stellt ihr euch das vor, wie es damals gelaufen ist mit der ganzen Stasi-Sache?

Benny: Es war so, dass die Menschen sich gegenseitig überwacht haben. Es gab Spitzel, die gezielt in der Bevölkerung eingesetzt wurden. Und wenn ein Spitzel mitbekommen hatte, dass jemand etwas Anstößiges gesagt hatte, wurde das an die Stasi-Zentrale weitergeleitet und verfolgt.

Moritz: Es gab schon viele Spitzel, die Zahl 200.000 hab ich da noch im Kopf, aber es wurde nicht jede anstößige Äußerung gemeldet. Ich denke, dass man sich da auf oppositionelle Gruppen konzentriert hat, beispielsweise die Kirche. Im normalen Kreis hat man davon eher weniger mitbekommen, aber aus meinem Familienkreis weiß ich, dass die Angst vor Mithörern immer da war. Man hat damals aufgepasst, was man zu wem sagt. Aber nordkoreanische Verhältnisse hat es nicht gegeben.

Sebastian: Über die Jahre ist viel zum Mythos geworden, zum Beispiel, dass wirklich alles Anstößige gleich gemeldet wurde. Klar kam es vor, dass man von eigenen Kameraden an die Stasi-Zentrale verraten wurde. Das war nicht gut. Aber ich denke, das war eher die Ausnahme.

Jonas: Ich stelle mir das allgemein sehr furchtbar vor. Allein die Tatsache, dass es möglich war, dass jemand etwas meldet, finde ich furchtbar. Man hatte in den Staat kein Vertrauen. Man könnte ja permanent Angst haben, grundlos von der Polizei weggesperrt zu werden. Ich bin froh, dass ich damit nicht aufwachsen musste.

 

Könnt ihr euch vorstellen, dass das noch einmal passiert?

Moritz: Vorstellbar ist alles. Man weiß ja nie was kommt. Die Überwachungstechniken werden immer ausgefeilter und mächtiger und wenn sich da irgendwann eine Regierung findet, die das durchsetzt, kann ich mir das schon vorstellen. Aber die Beseitigung dieses neuen Regimes wäre weitaus schwieriger als noch 1989.

Max: Ich habe eine Reportage gesehen über die Stasi-Akten unter anderem von Gerhard Schröder. In seinen Akten stand sogar, dass er Bier gern aus großen Gläsern trinkt. Das erscheint doch ziemlich unwichtig und lächerlich, aber auch so etwas wurde überwacht. Ich denke, in der Form kann sich das nicht mehr wiederholen, aber man muss etwas relativieren. In unserer heutigen Zeit funktioniert Überwachung ganz anders. Niemand observiert mehr und schreibt alles mit, sondern in erster Linie funktioniert das über unsere Daten. Mit diesen Daten geht man viel zu sorglos um, aber vielleicht kann man damit auch nicht bewusster umgehen, weil unsere Zeit einfach so ist und unsere Daten im Netz verteilt sind. Man gibt generell sehr viel über sich preis. Man sieht das bei Hacker-Angriffen, an Datensammlungen, sogar im US-Wahlkampf. 51% der Internetmitteilungen von Trump wurden von Bots erstellt, aber auch ein ähnlich hoher Anteil bei Hilary Clinton.

Sebastian: Weil wir gerade bei Social Media waren, wollte ich sagen, dass eine Überwachung kaum noch notwendig ist, weil wir selbst schon so viel von uns preisgeben – und das sogar freiwillig. Aber an Dingen wie dem NSA-Skandal sieht man, dass soetwas gar nicht so unwahrscheinlich ist. Heutzutage lassen wir das sogar noch leichter zu.

Julia: Ich finde das erschreckend. Der Gedanke daran abgehört zu werden, ist für uns unangenehm. Da fragt man sich, wie die das damals ausgehalten haben. Aber eigentlich passiert gerade genau das Gleiche mit uns und wir erlauben den Apps sogar den Zugriff auf unsere Kontakte, Bilder und so weiter. Wenn jemand jetzt etwas über mich herausfinden will, ist das nicht schwer.

Jonas: Ganz genau, die Bereitschaft ist da. Es gibt durchaus Möglichkeiten das zu verhindern und trotzdem noch die Vorzüge zu genießen, aber das wäre etwas mehr Aufwand. Dazu bin ich und sind viele andere Leute einfach nicht bereit. Aber es stört auch irgendwie keinen.

Benny: Ich bin im Internet vorsichtig, welche Daten ich von mir preisgebe und welche Bilder ich ins Netz stelle, aber trotzdem gelingt es einem nicht sich unsichtbar für die digitale Welt zu machen. Fast jeder hat heutzutage ein Handy und kommuniziert darüber mit anderen Leuten.

Jonas: Du bist zwar vorsichtig mit dem, was du postest, aber du postest ja trotzdem etwas.

Benny: Ja, weil man sich nicht ausschließen möchte.

Max: Apropos Handy, das Handy von der Kanzlerin wurde ja auch abgehört. Die Staatssicherheit hat ihre eigene Bevölkerung kontrolliert und die Amerikaner kontrollieren unsere Kanzlerin und das kann niemand in der deutschen Bevölkerung verhindern.

Benny: Wenn nicht einmal das mächtigste Staatsorgan in unserem Land das verhindern kann, wie soll das einem einfachen Bürger gelingen?

Moritz: Das Schlimme ist ja eigentlich gar nicht die Tatsache, dass sie überwacht wird, sondern dass sie dagegen gar nichts unternehmen möchte. Es wird nicht dagegen vorgegangen, dass die USA das unterlassen soll. Das ist der Skandal daran.

Max: Ich denke, Spionage gehört zum guten Ton. Das ist etwas öffentlich ziemlich Bekanntes, dass man sich gegenseitig abhört. Aber natürlich ist es eine Blamage, wenn Frau Merkel sagt, dass Abhören unter Freunden gar nicht geht, aber nichts dagegen tut. Die andere Frage ist, was kann sie dagegen überhaupt machen und was machen die Deutschen? Vielleicht hören die Deutschen auch die Amerikaner ab.

Sebastian: Es kam ja noch raus, dass Amerika über Deutschland andere europäische Staaten wie Frankreich abgehört hat. Aber so etwas geht schnell unter. Der NSA-Skandal war 2-3 Wochen in den Nachrichten und dann war das wieder vergessen.

Moritz: Aber das hat wenig mit dem NSA-Skandal an sich zu tun, das liegt einfach an der Presse. Nach zwei Wochen interessiert es die große Masse nicht mehr so stark und dann wird etwas Anderes gebracht.

Max: Das, was die breite Masse interessiert und das, worüber öffentlich berichtet und debattiert wird, kann unter Umständen weit auseinander gehen.

Wir haben jetzt festgestellt, dass Dienste viele unserer Daten sammeln. Was denkt ihr, wann wäre der Punkt erreicht, wo es zu viel wird?

Sebastian: Thomas de Maizière fordert gerade das Recht, dass man WhatsApp-Nachrichten genau so überwachen dürfen soll wie Nachrichten per SMS. Das ist schon ein Schritt mehr in Richtung Überwachung. Ich glaube, wir befinden uns bereits an einem Punkt, wo das mit der Überwachung nicht mehr gut ist. Wir kriegen es nur nicht mit. Eigentlich fehlt im Vergleich zur Stasi-Zeit nur noch, dass man willkürlich eingesperrt wird für etwas, das man gesagt hat. Ich glaube, die Überwachung, wie sie damals war, ist schon längst da.

Jonas: Ich denke, dass das noch solange gut geht bis der Mensch konkrete Nachteile aus der Überwachung hat wie bspw. die Angst vor Verhaftungen. Dann würde ich diese Dienste auch meiden.

Benny: Es hat aber auch positive Seiten wie die innere Sicherung eines Landes, besonders in Zeiten des Terrors.

Moritz: Noch kann man dem Staat, denke ich, vertrauen. Der Staat sollte schon ein Recht dazu haben Personen zu überwachen. Eine Wohnungsdurchsuchung kann man ja auch nicht einfach ablehnen, weil man das als Eingriff in die Privatsphäre empfindet. Kritisch sehe ich es aber, dass man grundlos die breite Masse überwacht. Wenn ein Richter die Überwachung einzelner Leute anordnet, die sich bereits als gefährlich erwiesen haben, finde ich das gerechtfertigt. Aber die NSA, die alles über jeden sammelt, finde ich nicht gut. Wenn Google etwas mit meinen Daten anfangen könnte, was größere gefährliche Ausmaße hätte, dann würde ich mich davon abwenden.

Sebastian: Es gibt einfach immer mehr Geräte, die Daten von uns sammeln: Smart-Home, Drucker etc.. Das ist erschreckend, wenn einem das bewusst wird.

Moritz: Wenn schon Autos und Küchengeräte Daten weiterleiten, dann sind wir bald alle komplett durchsichtig. Das wäre dann schon gefährlich, wenn wirklich alles verknüpft ist. Das Einzelne ist nicht so gefährlich, aber was insgesamt von einem erstellt werden kann, ist die große Gefahr.

Die nächste Instanz wäre da vielleicht der Arbeitgeber. Es gibt Arbeitgeber, die Fitnesstracker für ihre Mitarbeit benutzen und deren Daten abgreifen. Könntet ihr euch vorstellen für so jemanden zu arbeiten?

Max: Wenn man sich das bewusst macht, ist das natürlich nicht schön. Aber es gibt durchaus jetzt schon Arbeitgeber, die vor der Einstellung des Personals, Firmen engagieren, die deren Social-Media-Aktivitäten durchleuchten.

Benny: Ich finde das geht gar nicht, dass die Arbeitgeber so Informationen über meinen gesundheitlichen Zustand bekommen. Das ist ein No-Go. Da würde ich sofort kündigen. Wenn die Krankenkassen daraus auch noch Profit schlagen, ist das schon krank.

Den Mitarbeitern dort wird das natürlich ganz anders verkauft. Da werden positive Aspekte wie Gesundheitsvorsorge etc. hervorgehoben.

Sebastian: Den Zwang dazu finde ich nicht gut. Das müsste freiwillig sein. Ich glaube, dass es auch heute ein Problem ist, dass beispielweise Apple-Watches nur mit den Argumenten des fitter werdens verkauft werden, aber niemand hinter die Fassade schaut. Da müsste allgemein mehr Aufklärung betrieben werden.

Moritz: Ich würde nicht für sie arbeiten wollen. Ich denke, dass es schwierig für den Staat wäre solche technischen Entwicklungen zu verbieten, wenn man beispielsweise sein Auto nur noch mit so einem Armband öffnen könnte.

Benny: Man wäre dann auch noch extremer gefährdet für Hacker-Angriffe. Da muss man schon aufpassen, dass das nicht in die falschen Hände gelangt, wenn man wie Moritz sagte, sein Haus oder Auto nur noch mit Hilfe eines Armbands öffnen könnte.

Julia: Es gibt viele Menschen, die sich nicht gut mit Technik auskennen und besonders da ist Aufklärung wichtig.

Sebastian: Wie Moritz schon sagte, ein Eingriff durch den Staat ist schwierig. Das müsste von der Bevölkerung ausgehen. Aber man hat natürlich auch Angst davor abgehängt zu werden. Man möchte dazugehören.

Benny: Solange der Hype um ein neues Produkt da ist, besteht die Gefahr, dass man weiter überwacht wird.

Die drei Schlagworte des Lichtfestes für dieses Jahr sind Verantwortung, Aufbruch und Offenheit. Welche Verantwortung seht ihr für euch selbst, damit wir nicht in der totalen Überwachung enden?

Sebastian: Im kleinen Rahmen würde schon die bessere Aufklärung helfen.

Moritz: Man sollte sich seiner Freiheit bewusst sein, denn nur dann kann man diese nutzen. Das bedeutet auch, Dinge mal nicht zu verknüpfen, sondern Geräte einzeln zu betreiben. Hauptsache, man entscheidet selbst und überlässt das nicht anderen. Das Schwierige daran ist die eigene Faulheit zu überwinden, weil es leichter ist, wenn etwas von Programmen gesteuert wird. Manche sehen es sicherlich als Vorteil, Entscheidungen abzugeben und nicht mehr selbst nachdenken zu müssen. Generell sollten Freiheit und Selbstverantwortung, nicht nur im digitalen Bereich, als höchstes Gut des Menschen gesehen werden. Das sollte auch durch die Schule vermittelt werden.

Sebastian: Man sollte selbst ein Interesse daran haben, Dinge weiterzuverfolgen und nicht wie die Presse nach zwei Wochen ein neues Thema einschlagen.

Max: Es gibt einige große Gebiete der Welt, die technisch nicht so erschlossen sind. Man hat, denke ich, nicht nur Verantwortung für das, was man unmittelbar sieht, sondern auch für Länder, die deutlich ärmer sind und wo es diese Diskussionen überhaupt nicht geben kann, weil dort ganz andere Probleme herrschen. Es grenzt schon manchmal an Dekadenz, wenn man hier über so etwas diskutiert, wo in anderen Ländern Krieg und Hunger an der Tagesordnung stehen.

Sebastian: Wir leben vielleicht in unserer eigenen Wohlstandsblase und schauen gar nicht mehr, was drumherum geschieht. Wir müssen uns unserer Umwelt bewusster werden.

Moritz: Ich sehe das ein bisschen anders. Ich denke, Entwicklungen, die Bestand haben wollen, müssen immer aus sich selbst entstehen. Das wäre eine unnatürliche Entwicklung, wenn wir in anderen Ländern versuchen würden etwas zu beeinflussen. Man kann Hilfestellungen geben, aber die Hauptimpulse sollten in dem entsprechenden Gebiet entstehen, weil das sonst keinen Bestand haben kann.

Sebastian: Ich stimme dir mit den Hilfestellungen zu. Natürlich kann man nicht einfach dort hingehen und alles umkrempeln. Aber ich denke wir könnten trotzdem mehr tun.

Benny: Zwar soll und will man seine eigenen Probleme lösen, aber wenn es in anderen Regionen viel größere Probleme gibt, die mehr Menschen betreffen sollte man sich fragen, ob es wirklich gerechtfertigt ist sich über eine Kleinigkeit aufzuregen, die nur sich selbst betrifft. Es geht den meisten Menschen in unserem Land ausgesprochen gut, jedoch weiß man das durch unseren Standard gar nicht mehr zu schätzen und ich muss ehrlich zugeben, dass es mir manchmal gleich geht.

Max: Unterstützung hat für mich immer zwei Seiten. Die Unterstützung wird natürlich nicht ganz uneigennützig gegeben. Unterstützung ist immer ein guter menschlicher Gedanke, aber es hat immer noch eine andere Seite. Auch die Integration der Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt kann für deutsche Geringverdiener eine größere Konkurrenz bedeuten.

Bitte vervollständigt die Satzanfänge:

  1. Sebastian: Für mich bedeutet Verantwortung … sich selbst und seiner Umwelt bewusst zu sein, aber auch den Möglichkeiten seiner Umwelt zu helfen und nach diesen zu handeln.
  2. Moritz: Wenn ich an das Wort Aufbruch denke, … denke ich vor allem an neue Ideen, neue Gedanken und an ein entschlossenes Herangehen an den Aufbruch.
  3. Max: Für mich bedeutet Offenheit … Ehrlichkeit und auch mal nicht für alles offen zu sein.
  4. Benny: In dreißig Jahren … stelle ich mir Leipzig mit einer besseren Technik, mehr Einwohnern und multikultureller vor, Leipzig wird mit der Zeit mitgehen, da Leipzig schon heute eine aufgeschlossene Stadt ist.
  5. Julia: Wenn ich einen Flüchtling sehe, … bin ich mir unsicher, da ich mich dann frage, wie ich als Flüchtling begrüßt werden wollen würde. Diese Unsicherheit ärgert mich selbst.
  6. Julian: In Leipzig … sehe ich ein sehr multikulturelles Zentrum, was auf bildende Künste spezialisiert ist.
  7. Jonas:  Mein Leben … spielt sich in einer Gesellschaft ab, in der Weltoffentheit, Multikulturalität und ein offenes Miteinander sehr wichtig sind.

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