... portraitiert Menschen aus Leipzig.
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Sylvia, Daniela und Silke

Die Fietzliesen

Sylvia |46 Jahre alt | Managerin einer Zahnarztpraxis, zur Wendezeit hat sie eine Ausbildung zur Datenverarbeiterin gemacht | in Renneritz aufgewachsen | wohnt in Renneritz
Daniela | 46 Jahre alt| Ausbildung zur Industriekauffrau, jetzt Erwerbsminderungsrentnerin | aus Ramsin | wohnt in Ramsin
Silke | 49 Jahre | Systemadministratorin | in Renneritz aufgewachsen | wohnt heute in Renneritz

Dieses Interview ist in Kooperation mit dem Leipziger Lichtfest entstanden. Das Lichtfest erinnert jedes Jahr am 9.Oktober an die friedliche Revolution von 1989.

Ihr seid zwei Schwestern und eine Freundin, und habt euch zu den Fietzliesen zusammengeschlossen. Erzählt uns doch etwas mehr davon.

Dani: Sylvia und ich sind zusammen in eine Klasse der Polytechnischen Oberschule gegangen und haben uns zu dieser Zeit auch angefreundet. Danach gab es eine Zeit, in der wir uns nicht so oft gesehen haben, weil jeder für sich auf seine Art erwachsen geworden ist. Jeder ist vorerst seinen eigenen Weg gegangen. Regelmäßig treffen wir uns seit ca. 10 Jahren mindestens einmal in der Woche um den neuesten Klatsch auszuwerten und seit 3 Jahren auch um uns an unserem gemeinsamen Hobby, dem Häkeln, zu erfreuen. Sylvia kam auf die Idee zu häkeln und zu stricken und ich habe mich ihr angeschlossen. Und so haben wir den Grundstein für die Fietzliesen gelegt. Später kam dann Silke noch dazu.

Wir häkeln kleine, niedliche Amigurumi-Figuren, also süße Tierchen, die wir einfach mit dem Herzen machen. Wir wollen etwas Anderes machen als Andere – etwas, woran wir uns erfreuen können und was uns Spaß macht.

Da wir erwachsene Kinder haben und leider noch keine eigenen Enkel, häkeln wir für andere große und kleine Kinder

Habt ihr das früher auch schon gemacht zu DDR-Zeiten?

Dani: Wir haben früher schon Sachen für uns selbst gestrickt. Das war zu der Zeit normal. Nur die Wolle gab es meist nicht in den Farben, die man gerne haben wollte. Dann gab es mal einen Stoß Wolle und aus dem wurde dann alles Mögliche gestrickt und gehäkelt, weil es dann eben nur diese eine Sorte gab. Da es in den Läden damals nicht so viele modischen Sachen gab, hat man sich dann selbst welche gehäkelt oder gestrickt. Also haben wir uns in Zeitungen oder im Westfernsehen die neuesten Sachen angeschaut und die dann selbst nachgestrickt.

Wie war eure Lebenssituation im Jahr 1989?

Sylvia: Zu der Zeit hatten wir frisch ausgelernt.

Dani und Silke: Wir haben schon gearbeitet.

Dani: Kinder hatten wir zu dieser Zeit aber noch nicht. Wir hatten unsere erste Zeit als Facharbeiter begonnen und das erste ‚große Geld‘ verdient. Aber die Familienplanung stand noch nicht im Vordergrund.

Habt ihr das mitbekommen in dem Jahr, dass es darauf hinausläuft, dass sich etwas tut?

Sylvia: Ja klar. Das hat man ja schon früh mitgekriegt durch die Montags-Demos und die Republikflüchtigen, die in Ungarn über die Grenze gegangen sind.

Dani: Ich war im September 1989 mit einer Reisegruppe über Jugendtourist (ehem. DDR-Jugendreisebüro) in Budapest, gerade zu der Zeit als die Botschaft der Bundesrepublik durch DDR-Bürger belagert wurde. Die Hälfte der Reisegruppe ist nicht wieder mit nach Hause gekommen.

Was hat dich als junger Mensch gestört in der DDR?

Dani: Dass wir wie Eingesperrte behandelt wurden und nicht sagen durften, was wir wollten. Dass man sich rechtfertigen musste, wenn man nicht in der FDJ war oder nicht der Partei beigetreten ist. Da wurde man dann schräg angeguckt und musste teilweise Begründungen schreiben, um überhaupt die Möglichkeit zu haben, da nicht hin zu müssen. Ich habe immer gesagt, ich fühle mich noch nicht reif genug dafür. Das wurde dann irgendwann akzeptiert. Aber man wurde schon zu Sachen gezwungen, die man vom Inneren her eigentlich nicht wollte und nicht brauchte.

Wann war für euch der Punkt, wo ihr erkannt habt, dass ihr das nicht wollt?

Sylvia & Silke: Das ging schon in der Schulzeit los.

Sylvia: Man wurde schon früh darauf hingewiesen: Erzähle dies nicht, erzähle das nicht. Die Westverwandtschaft musste man verheimlichen, damit man eine Lehrstelle bekam.

Silke: Bei meinem Bewerbungsgespräch wurde ich gefragt, ob ich Westverwandtschaft habe, ich habe dann gesagt: Ja, aber wir haben keinen Kontakt mehr. Da sagte er, ich hätte doch aber vor drei Wochen eine Postkarte von denen gekriegt. Das war schlimm, dass da jeder über jeden Bescheid wusste.

Sylvia: Wir waren ja im Rechenzentrum vom ganzen Chemiekombinat, da gab es auch bestimmte Leute, bei denen du wusstest, die haben ihren Geheimrechner.

Silke: Es gab auf einmal im Chemiekombinat einen ganz geheimen Rechner, zu dem nur bestimmte Leute Zugang hatten. Das waren auch alles Leute, die in der Partei waren. Das war ganz geheim – und wir waren jung und neugierig. Und wir haben uns dann in einen winzigen Fahrstuhl gehockt und sind da runter gefahren, um uns den Rechner anzugucken. Da hätten wir uns wirklich nicht erwischen lassen dürfen, das wäre gefährlich geworden. Da hatte man schon Herzklopfen.

Was glaubt ihr, was passiert wäre, hätte man euch dabei erwischt?

Sylvia: Ich nehme mal an, sofort ab in den Knast.

Woran erinnert ihr euch richtig gern zurück?

Dani: An ehrliche Freunde, ans Ferienlager, den Ostsee-Urlaub und natürlich an unsere Dorfdisko. An die kleinen und großen Abenteuer mit Freunden.

Silke: Selbst in den ländlichen Gegenden kennt heute nicht mehr jeder jeden. Das war früher anders. Da konnte man mal beim Nachbarn fragen, ob er das und das hat und hat ihm im Tausch dafür etwas Anderes gegeben. Das war schon besser.

Dani: Außerdem waren wir Experten im Improvisieren. Es wurde aus Nichts noch Irgendwas gemacht. Also ich persönlich hatte keine schlechte Kindheit.

Könnt ihr euch noch an den Tag erinnern, an dem bekannt gegeben wurde, dass die Grenzen geöffnet werden?

Silke: Ich hatte Spätschicht und kam nach Hause und da hat mein Freund gesagt: „Die Grenzen sind auf.“. Und ich: „Du spinnst doch.“. Man hat sich das dann den ganzen Abend im Fernsehen angesehen, immer wieder das Gleiche, weil man es einfach nicht begriffen hat. Manche sind auch gleich in den Zug gestiegen und losgefahren nach Berlin.

Sylvia: Wir haben es im Fernsehen verfolgt. Durch die Arbeit haben wir es ja später erst erfahren, da konnte man ja nicht direkt losfahren. Aber wir haben dann fasziniert vor dem Fernseher gesessen. Da fragte der Eine dann in der Sendung, ab wann das gilt mit der offenen Grenze und der Andere meinte: „Soweit ich das sehe, ab jetzt.“.

Dani: Ich lag mit Migräne auf der Couch, kam grad vom Arzt zurück und hatte das dann so im Halbschlaf gehört und dachte, das kann nicht wahr sein. Aber als ich es nochmal und nochmal gesehen habe, habe ich es langsam realisiert und mich riesig darüber gefreut. Viele meiner damaligen Freunde sind im September 1989 über Ungarn in die BRD geflüchtet. Damals dachte ich, dass ich sie nie wiedersehen werde und plötzlich war alles möglich. Die Jahreswende 1989 zu 1990 haben wir alle zusammen im „Westen“ gefeiert.

Was waren die ersten Gespräche, die man geführt hat in den ersten Tagen danach?

Sylvia: Man war halt erstmal nur verblüfft, weil man das gar nicht begreifen konnte. Und dann hat man es in den Nachrichten verfolgt, aber wollte dann natürlich auch rüber. Das erste Mal sind wir im Dezember in den Westen gefahren um zu gucken und um das Begrüßungsgeld von 100DM abzuholen. Das hat sich angefühlt wie Almosen. Man kam sich persönlich einfach blöd vor sich in eine Schlange zu stellen wegen 100DM. Dann sind wir erstmal in den Aldi gegangen, haben uns die Bananen angeguckt, aber gekauft haben wir nichts. Ich habe mein erstes Geld dann für Turnschuhe ausgegeben. Die gabs damals für 29DM. Ich trage sie heute noch manchmal. Und sie halten immer noch. Den Rest habe ich gespart. Man wollte ja nicht gleich alles rausschmeißen.

Dani: Wir haben ja gedacht, die Grenze wird vielleicht wieder zugemacht. Deshalb war man erstmal vorsichtig.

Wie lange hat das bei euch gedauert, bis sich ein Gefühl von Sicherheit eingestellt hat, dass alles offen bleibt?

Sylvia: Es war einfach eine komische Zeit. Das hat ja jeder zum ersten Mal erlebt. Wir hatten auch schon so viel mit der Stasi erlebt, da wusste man nie.

Habt ihr da ein bestimmtes Szenario im Kopf mit der Stasi?

Silke: In jeder Jugendtouristreisegruppe war jemand von der Stasi dabei, der das alles ausspioniert hat. ‚Horch und Guck‘ hat man das damals genannt. Auch bei unserer Arbeit im Chemiekombinat war garantiert in jeder Schicht einer aus der Stasi dabei. Bei den Montags-Demos war das ja immer so, dass jemand weggelaufen ist und heimlich am Telefon gemeldet hat, wer zur Schicht erschienen ist und wer zur Demo gegangen ist.

Konntet ihr damals in eurem Bekanntenkreis mit Bestimmtheit sagen, wer von der Stasi war und wer nicht?

Sylvia: Arbeitsmäßig hat man es vielleicht erahnt…

Silke: … aber privat wird man vielleicht sogar heutzutage noch enttäuscht, wenn das rauskommt, das derjenige auch bei der Stasi war.

Dani: Ich hatte jemanden im Bekanntenkreis, der bei der Stasi war, allerdings als offizieller Mitarbeiter. Das war ein ganz netter Mann, mit dem wir uns gut verstanden haben. Er hat auch ganz offen darüber gesprochen. Und trotz dem ich wusste, dass er bei der Stasi war, war er für mich kein schlechter Mensch. Ob von unseren Gesprächen etwas an die übergeordneten Stellen weitergeleitet wurde, weiß ich nicht.

Es herrschte damals schon ein gewisser Druck auf manche Leute zur Stasi gehen zu müssen, oder?

Dani: Insbesondere bei Jugendlichen, die etwas auf dem Kerbholz hatten, wie bspw. Vandalismus, Körperverletzung oder Diebstahl. Solche Vergehen egal welcher Schaden entstanden ist, wurde gern als Druckmittel genutzt, um diese zu rekrutieren und ihnen dafür das Gefängnis oder eine Geldstrafe zu ersparen. Selbst während der Schulzeit und in der Ausbildung wurden wir mit, für damalige Verhältnisse, tollen Angeboten gelockt, um den Dienst bei der Nationalen Volksarmee oder einen weiterführenden Dienst bei der Staatssicherheit abzuleisten. So wäre es leichter möglich gewesen das Abitur abzulegen, die Facharbeiterausbildung vorzeitig zu beenden, viel Geld zu verdienen und eine schicke neue Wohnung zu bekommen, was damals nicht selbstverständlich bzw. nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich war.

Denkt ihr, dass ihr Nachteile hattet dadurch, dass ihr nicht in der Partei oder Stasi ward?

Silke: Ja. Dadurch, dass ich nicht in der Partei war, habe ich mein Studium nicht bekommen. Ich wollte damals Informatik studieren. Ich habe es zweimal versucht, aber auch jedes Mal gesagt, dass ich nicht in die Partei eintreten werde. Dass ich mich nicht reif dazu fühlte, hat aber damals nicht als Ausrede gezählt. Ich wurde zweimal abgelehnt. Sie wollten mich schon dazu überreden, aber ich war damals stur. Wenn mich jemand überreden wollte, habe ich es erst recht nicht gemacht. Da wollte ich mir lieber selbst treu bleiben.

Kann man sich das vorstellen wie zwei Lager, die in der Partei und die, die es nicht sind?

Silke: Viele waren auch nur in der Partei um beruflich weiterzukommen, aber eigentlich gar nicht die Einstellung zur Partei hatten.

Dani: Mein Vater zum Beispiel wäre nie Meister geworden, ohne die Parteizugehörigkeit.

Würde euch eure Stasi-Akte interessieren?

Dani: Damals habe ich es lieber gelassen. Heute würde es mich aber doch interessieren. Dennoch sollte man irgendwann mit diesem Kapitel der DDR Zeit abschließen.

Denkt ihr, dass gewisse Sachen, die früher gang und gäbe waren, unserer heutigen Gesellschaft gut tun würden?

Dani: Ja, die Menschen sollten wieder lernen mehr miteinander zu reden und sich mehr Zeit für die Familie und Freunde nehmen. Ich bin im Dorf aufgewachsen, da kannte früher jeder jeden, man hat sich gegenseitig geholfen und unterstützt, zusammen gelacht und geweint, heute weiß man nicht mal, wer sein unmittelbarer Nachbar ist. Man ist sich fremd …

Silke: ….und zeitlich getrieben, finde ich.

Fühlt ihr euch jetzt politisch mehr gehört in unserer heutigen Zeit?

Alle: Nee.

Dani: Man könnte von sich aus jetzt vielleicht mehr tun, aber in dieser Hinsicht lasse ich mich wahrscheinlich eher fremd bestimmen.

Silke: Ich habe da immer so ein Mißtrauen. Das kommt vielleicht auch von früher. Man stellt grundsätzlich erst einmal alles in Frage und hat anfangs eine gewisse Abwehr.

Dani: Man ist erstmal skeptisch allem gegenüber, weil man schon enttäuscht worden ist – auch von der Politik in der Bundesrepublik.

Ich stelle mir das schwierig vor in einem Bauern- und Arbeiterstaat, wie die DDR auch genannt wurde, aufgewachsen zu sein und heute in einem hochkapitalistischen Land des Stresses zu leben. Wie ist das für euch?

Dani: Damit komme ich persönlich nicht so gut klar. Ich bin wohlbehütet aufgewachsen. Alles ist seinen Gang gegangen und plötzlich war alles anders. Es ist schwieriger für uns, die ganzen Gesetzlichkeiten und Vorschriften aufzunehmen und danach zu handeln, weil wir anders aufgewachsen sind. Deine Richtung war damals immer vorgegeben und den Weg bist du dann wohl oder übel gegangen.

Das Motto des Lichtfestes ist dieses Jahr ‚Aufbruch, Offenheit und Verantwortung‘. Zum Thema Offenheit geht es ja heute oft um die Flüchtlingsfrage. Häufig hört man Sätze wie: „Warum regen sich die Leute aus dem Osten denn auf, die müssen es doch noch am Besten kennen“. Wo seht ihr Parallelen und wo Unterschiede zwischen diesen beiden Situationen?

Silke: Die jetzigen Flüchtlinge haben ja einen viel schlimmeren Weg hinter sich als wir es damals hatten. Bei uns war ja kein Krieg.

Dani: Ich finde den Vergleich ein bisschen merkwürdig. Klar gab es bei uns teilweise Flüchtlinge, die ein offeneres, freieres Leben wollten, aber die Hintergründe waren völlig anders. Es war eine andere Konstellation und andere Voraussetzungen. Das, was die Flüchtlinge jetzt durchgemacht haben, ist damit überhaupt nicht zu vergleichen.

Denkt ihr, dass es für euch schwieriger ist offen für Neues zu bleiben?

Silke: Nein. Die ersten Jahre war man vielleicht eher gehemmt, aber irgendwann baut man das ab. Man bringt sich ja in die neue Gesellschaft ein und jetzt ist man mittendrin. Ich denke, die Generation vor uns, also unsere Eltern, die hatten da mehr zu kämpfen. Also ich fühle mich angekommen.

Fühlt ihr euch, als wäre euch ein Teil genommen worden?

Sylvia: Wenn man DDR-Spiele spielt, ist es schon schön sich an diese Zeiten zu erinnern.

Silke: Da kommen Erinnerungen hoch, wo man freudige Erlebnisse hatte.

Dani: Jeder hat seine Erinnerungen, aber mit dem Staat DDR haben wir trotzdem abgeschlossen. Aber es war eine schöne Zeit.

Dani: Ich finde es gut, dass man jetzt offen seine Meinung sagen kann. Ich fühle mich freier. Früher durfte man nicht sagen, was man dachte oder nur hinter vorgehaltener Hand. Man traut sich heute mehr. Ich kann meine Meinung sagen, ob nun im Freundeskreis oder über Plattformen wie Facebook.

Denkst du, dass du dabei ein Stück Verantwortung übernimmst dafür, dass es nicht noch einmal zu einer solchen Staatsform kommt?

Dani: Dagegen würde ich schon kämpfen. Das müssen unsere Kinder und Kindeskinder nicht nochmal erleben. Es war ganz schön krass, was man teilweise auch im Nachhinein erst durch die Medien gehört hat.

Was hat euch am meisten schockiert?

Dani: Die Stasi mit den Gefängnissen. Dass Frauen eingesperrt wurden, Zwangsadoption, dass Kinder misshandelt wurden und so weiter. Ich finde das schlimm. Vor allem, dass Kinder den Eltern weggenommen wurden, nur weil diese etwas Anderes wollten, als das, was das System für sie vorgesehen hatte. Völlig daneben fand ich diese staatlich vorgeschriebenen Veranstaltungen wie den politisch motivierten Umzug zum 1. Mai, bei denen Erscheinen Pflicht war. Ich habe an diesem Tag Geburtstag und hätte lieber mit meinen Freunden gefeiert, als an einer sinnlosen Demonstration teilzunehmen.

Sylvia: Na und einmal haben wir das geschwänzt und deinen Geburtstag gefeiert. Da gab es gleich einen Eintrag ins Mitteilungsheft, dass wir nicht am Umzug teilgenommen hatten.

Habt ihr es direkt nach der Wende als Aufbruchstimmung empfunden?

Dani: Ich fand das war eine gute Zeit. Da war jeden Tag etwas Neues los. Das war eine Zeit zwischen lachen und weinen. Jeder Tag war aufregend – das hat circa ein halbes Jahr angehalten. Es war großartig so einen Höhepunkt in der deutschen Geschichte mitzuerleben.

Sylvia, für dich war es ja eine besonders aufregende Zeit, weil du zudem noch schwanger warst. Wie war das für dich?

Sylvia: Vor allem wusste man ja nicht, wie es mit der Arbeit weitergeht. Aber zu der Zeit hatte ich dann das Babyjahr, das lief im Westen weiter. Aber man musste natürlich viele Behördengänge machen.

Wie empfindet ihr die Stimmung jetzt?

Dani: Wir kommen ja aus Sachsen-Anhalt. Dort ist, finde ich, eine ganz bedrückte Stimmung im Moment. Wenn ich hier nach Leipzig komme, sind die Leute viel freundlicher, fröhlicher und lockerer. Bei uns gucken alle mürrischer, ob im Shop oder im Amt.

Was wünscht ihr euch für die Gesellschaft in den nächsten 10 Jahren? Was würdet ihr ändern?

Dani: Ich würde die Welt viel freundlicher machen, viel bunter und schöner. Ich würde mir Ruhe wünschen und, dass die Leute nicht mehr so hektisch sind. In ruhigen Bahnen lebt es sich einfach viel besser.

Seid ihr früher häufiger in Leipzig gewesen?

Dani: Eher selten, weil wir ja mit dem Zug fahren mussten und Züge nicht so häufig gefahren sind.

Silke: Zum Ketchup holen sind wir nach Leipzig gefahren.

Sylvia: Die kleine Flasche Ketchup hat man sich dann gut eingeteilt.

Dani: Und die wurde noch gestreckt.

Sylvia: Aber wir haben damals auch stundenlang Ketchup selbst eingekocht. Das fand ich schön, dass man vieles noch selbst gemacht hat.

Wie riecht denn ein West-Paket?

Alle: Ein West-Paket riecht nach Seife, nach Alkohol, Kaugummi, Kaffee, Schokolade…alles zusammen. Das kann man nicht beschreiben.

Und welche Erinnerungen kommen dann in euch hoch, wenn ihr so etwas heute riecht?

Sylvia: Kaffee, Kaugummi, Schokolade, meistens ein Osterhase, der kaputt ankam.

Silke: Die Dose Ananas, die dann drei Jahre aufgehoben wurde für den Besuch.

Durfte der Besuch aus dem Westen euch eigentlich etwas mitbringen?

Dani: Nur bestimmte Sachen.

Sylvia: Die Pakete wurden auch kontrolliert. Die wurden immer geöffnet.

Dani: Und diverse Sachen waren verschwunden. Selbst der Karton hat einmal gefehlt, da durfte ich den restlichen Inhalt im verplombten Postsack abholen.

Bitte vervollständigt die Sätze:

  1. Dani & Sylvia: Wenn ich an die DDR denke, … denke ich an meine Kindheit.
  2. Silke: Die Wende … war aufregend und spannend.
  3. Dani: Als ich das erste Mal in den Westen gefahren bin, … stand ich 10h im Stau auf der Autobahn im Nebel und es war eiskalt. Danach habe ich von meinem ersten Geld Apfelsinen gekauft.
  4. Silke: In Leipzig … gibt es das bunteste Leben.
  5. Alle: Unser Leben … ist glücklich. Wir sind angekommen.

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