… portraitiert Menschen aus Leipzig.
Es werden Leute in den verschiedenen Stadtvierteln interviewt und dazu Bildserien erstellt. Viertelrausch ist das ehrenamtliche Projekt von Effektrausch – einem Büro für Employer Branding und Storytelling.

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Südvorstadt Connewitz

Andreas

Über sein Leben im Zirkus, Krisen und Vergebung

Andreas | Gastwirt | 64 Jahre | aus dem Süßharz | wohnt in Connewitz

Du wohnst schon 25 Jahre in Leipzig. Wie hat sich Leipzig in dieser Zeit verändert?

Auf jeden Fall, dass alle von der Stadt begeistert sind. Die Jugend strömt in die Stadt. Das Eigentliche, was Leipzig ausgemacht hat, ist der Handel und die Kultur. Das ist völlig untergegangen. Leipzig war mal eine Buchstadt. Wir hatten das grafische Viertel und davon ist nichts mehr übrig. Mitte der Neunziger ist man auf die Idee gekommen, das Haus des Buches zu bauen. Ich finde das völlig inhaltslos. Auf das Wesentliche hat man sich nie besonnen. Das Buch und der Buchdruck waren wichtige Dinge. Doch man baut eine neue Messe für nichts. Es war klar, dass Leipzig mit der Wende nie wieder so eine hochgradige Messestadt wird, weil der gesamte Ostblock weggebrochen ist. Wir haben so ein wunderbares altes Messegelände und da ist gar nichts gemacht worden. Mit einer Sanierung hätte man daraus eine großartige Geschichte machen können. Und das finde ich ganz schön traurig. Da habe ich das Gefühl, dass es keine Wertstellung mehr gibt. Ich komme in die Stadt, studiere hier und kann mich austoben. In Connewitz merkt man das besonders zum Beispiel an den Graffiti und dem Schmutz überall.

Was würdest Du Dir von den Menschen wünschen, die jetzt in Leipzig wohnen?

Sich mehr zu engagieren. Die Leute, die zuziehen, sollten sich etwas mehr einbringen, finde ich. Das heißt, wenn Wahlen sind, sollte jeder zur Wahl gehen und eine Wende herbeiführen, um wieder etwas neue Kreativität hereinzubekommen. Wir bieten immer die Superlative – zum Teil brauchen wir diese aber nicht. Wir brauchen das Einfache.

Andreas

Hast Du einen Lieblingsplatz in Leipzig?

Plagwitz finde ich spannend. Das ist so eine alternative Geschichte geworden, die irgendwann auch wieder weiterwandern wird.

Was ist denn der Unterschied zwischen Plagwitz und Connewitz?

Plagwitz ist das Viertel der Industrie. Mit der Wende gab es einen Verein aus Frauen, der sich dafür eingesetzt hat, gesamt Plagwitz unter europäischen Denkmalschutz zu stellen. Plagwitz ist in Europa auf dieser kleinen Fläche einmalig – mit den Fabriken, den Wohnhäusern und den Villen der Fabrikbesitzer. Das heißt, es wäre alles stehengeblieben, es wären Gelder geflossen und man hätte nichts abreißen müssen. Es wäre eine riesige Chance gewesen, die wieder vertan wurde.
Connewitz ist hingegen das Ganovenviertel gewesen. Connewitz war ein Dorf – die Bornaische Straße gabs so nicht. Hier wurde damals noch Pferdehandel betrieben. Mit der Zeit entwickelte sich das – es gab legendäre Kneipen. Zum Beispiel in der Biedermannstraße haben sich bestimmte Berufsgruppen wie Polen- oder Stahlarbeiter in verschiedenen Kneipen getroffen. Davon ist nichts übrig geblieben. Wir hatten noch das Schorschel, das war eine Tanzbar, wo man nur mit Schlips und Kragen oder Kleid rein kam. Das war hier also eine bunte Mischung, weil keine Industrie ansässig war.

Was würdest Du Deinem jungen Ich für einen Ratschlag für das Leben geben?

Auf jeden Fall mich mit der Stadt, in der ich lebe, auseinanderzusetzen – auch wenn ich nur eine kurze Zeit da bin. Einfach Engagement zeigen. Man muss nicht unbedingt jeden Montag auf einer Demonstration sein, aber wenn man schon kleine Dinge tut und sich für eine Sache einbringt, ein bisschen aktiv wird, bringt das viel.

Andreas

Wie tust Du Dir im Leben etwas Gutes?

Momentan tue ich mir gar nichts Gutes. Ich sehe meine Sachen immer als Projekt. Das ist gerade meine Kneipe, die Vergebung, und diese weiter zu führen. Was anderes habe ich zurzeit nicht.

Was ist für Dich ein gutes Leben?

Das kann ich nicht beantworten. Ich denke, wenn man sagt, man übernimmt für sich Eigenverantwortung. Wenn ich Arbeit habe und das Geld nicht reicht – was heute nun mal so ist – dann finde ich das völlig in Ordnung soziale Ansprüche anzunehmen. Jedoch von Anfang an zu sagen „Es gibt eh keine Arbeit“ und nicht bereit zu sein, das finde ich nicht so schön.

Wie bist Du aus Krisen herausgekommen?

Einfach nur rumheulen und nach dem Fluchen versuchen eine Richtung zu finden. Schauen, wo es Möglichkeiten gibt weiterzumachen. Man kann tief fallen und sich in seinem Leid suhlen – das ist völlig in Ordnung. Man sollte aber immer versuchen Stück für Stück da rauszukommen. Das geht.

Andreas
Du hast früher im Zirkus gearbeitet. Kannst Du mir von Deiner Reise etwas erzählen?

Das ist sehr lange her. Ich versuche mich mal an den Stationen. Meine reguläre Schulpflicht war mit 14 zu Ende. Meine familiären Verhältnisse zwangen mich schon mit 14 von zuhause wegzugehen. Ich bin dann zum Zirkus gekommen. Das war eine andere Zeit als heute. Heute geht es nur ums Überleben und es geht darum, die Familie zu halten. Wenn heute die Tierschützer sagen, dass so ein Zirkus nicht mehr geht, sage ich a) Das ist richtig, aber b) Was macht man mit den Menschen? Wenn eine Familie reist, nimmt man denen die Grundlage weg. Ich rede nicht davon, wo ganz klar misshandelt wird. In meiner Zeit sind wir losgezogen mit 200 Wägen und 200 Tieren, einem 5000-Mann-Zelt und knapp 220 Menschen. Ohne Internet, ohne Telefon und sonstiges. Das Prinzip war immer: erst die Tiere, dann die Maschinen, die Chefin und die Artisten. Und dann das niedrige Volk, was wir waren. Ich habe die Pferde betreut während der Transport- und Ruhephasen. Ich bin ausgestiegen und wollte etwas Bürgerliches machen. Ich habe dann den Sozialarbeiter gelernt. Damals verpflichtete man sich mit seinem Arbeitsvertrag, immer versetzbar zu sein. Ich habe daraufhin in den verschiedenen Einrichtungen Projekte gemacht – unter anderem ein großes Familienprojekt in Göppingen, Drogenarbeit in Frankfurt, Knastarbeit im Westerwald.

Vervollständige bitte folgenden Sätze:

  1. Als ich nach Leipzig kam, … sprudelte es vor Kreativität. Jeder nahm etwas in die Hand und alles versank im kreativen Chaos.
  2. Wenn ich morgens aufstehe, … bin ich noch gar nicht wach und brauche einen Kaffee.
  3. Vor 40 Jahren … beschloss ich ins ordentliche Berufsleben einzusteigen, weil ich bis dahin im Zirkus gearbeitet hatte.
  4. In Leipzig … ist es wunderbar, dass die ,Vergebung‘ von den Gästen und Jugendlichen so angenommen wird. Es reicht um weiter zu existieren. Es soll nicht für Reichtum dienen, aber mit meinen Gästen kann die Sache weiter bewegt werden.
  5. Mein Leben … ist frei von Reue. Viele Dinge sind geschehen und haben mich ziemlich niedergeschlagen. Ein bisschen traurig bin ich darüber, dass ich so tief gefallen bin und mein Kopf trotzdem nie gestreikt hat. Ich konnte daher nie eine Therapie oder einen Psychologen aufsuchen, weil der Kopf immer weitergemacht hat. Wenn ich immer höre, dass Leute Mitte 40 sagen, es geht nicht mehr, bin ich ein bisschen neidisch.