… portraitiert Menschen aus Leipzig.
Es werden Leute in den verschiedenen Stadtvierteln interviewt und dazu Bildserien erstellt. Viertelrausch ist das ehrenamtliche Projekt von Effektrausch – einem Büro für Employer Branding und Storytelling.

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Grünau & Rand

Anja

Glücklich in Grünau

Anja | Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin | 24 Jahre | aus Leipzig | wohnt in Grünau

Im Moment entwickelt sich Leipzig rasant und immer mehr Leute ziehen her. Denkst Du, das ist in Grünau genauso?

Ich denke, dass Grünau mittlerweile wieder im Kommen ist. Ich glaube, dass die Idylle, die Grünau hat, wieder neu entdeckt wird. Gerade wenn man darüber redet, wie es früher hier war: die Familien hatten ihre Innenhöfe und haben ihre Kinder runter geschickt  das kann man auch jetzt noch machen. Die Innenhöfe sind ähnlich wie früher aufgebaut und man hat innerhalb dieser einen Spielplatz und kann seine Kinder rausschicken. Ich denke, das ist für Familien einfach lukrativer. Und dadurch, dass Grünau auch eine sehr gute Infrastruktur hat, ist es gut.

Hat Grünau eine gewisse Mentalität?

Schwierige Frage. Ich denke, wenn man lange in Grünau wohnt, hat es irgendwann ein Feeling wie auf dem Dorf. Das erlebe ich bei mir selbst ganz oft, dass man sich untereinander kennt. Man ist zusammen zur Schule gegangen und wenn man sich nicht kennt, dann kennt man sich übereinander. Also über irgendwen.

Wie würdest Du die Menschen hier beschreiben? Was macht sie aus?

Das ist sehr unterschiedlich. Wir haben hier wirklich vom Single bis zur Familie alles da. Wir haben die Leute, die studieren und die Leute, die einen Ausbildungsberuf machen. Das ist sehr breit gefächert bei uns.

Und wie hast Du Dich dazu entschieden nicht wegzuziehen?

Ich sehe Grünau wirklich wie mein Zuhause. Das ist der Punkt, wo ich mich heimisch fühle. Ich kenne hier viele Leute. Man ist in diesem Netz einfach sehr verstrickt. Und ich habe auch einen ganz schlechten Orientierungssinn und da bietet es sich an, wenn man hier aufgewachsen ist. Klar sieht irgendwann alles gleich aus, aber man kann sich zumindest gut orientieren, wenn man hier aufgewachsen ist.

Wünschst Du Dir irgendetwas für Dein Stadtviertel?

Wir haben eigentlich relativ viel und spontan fällt mir auch nichts ein, was wir ganz dringlich brauchen. Oder was ich denke zu brauchen. Es ist gut so, wie es ist. Mir fällt auch manchmal auf, dass ich Grünau ein oder zwei Wochen gar nicht verlasse.

Du hast einen ganz besonderen Job. Wie kamst Du dazu?

Kinderkrankenpflege hat sich irgendwie ergeben. Ich habe schon immer viel im sozialen Bereich gemacht und Medizin hat mich sehr interessiert und dann ist es irgendwann die Kinderkrankenpflege geworden. Und damals in der Ausbildung hatten wir viele Kinder aus dem Wohnheim, in dem ich jetzt arbeite. Daher kannte ich schon sehr viele Kinder. Die Kinder und die Arbeit mochte ich immer so gern. Ich habe vorher schon in einem Behindertenheim, auch in Grünau, für Erwachsene gearbeitet. Für mich haben Menschen mit Behinderung etwas ganz Besonderes, weil sie auf eine andere Art ehrlich sind. Sie verstecken ihre Emotionen nicht. Und das ist das, was ich daran so gern habe.

Wie kann man sich das konkret vorstellen mit welchen Menschen hast Du zu tun und wie sieht Deine Arbeit aus?

Das sind sehr unterschiedliche Menschen. Wir haben Kinder von 0–18 Jahre dabei, aber nicht immer mit einer Behinderung. Wir haben Kinder, die eine körperliche Behinderung haben, Kinder mit geistiger Behinderung und manchmal ist auch beides kombiniert.

Du engagierst Dich auch in einem Verein gegen Aids. Warum ist das für Dich so ein wichtiges Thema?

In die Aids-Hilfe bin ich mehr oder weniger reingerutscht. Es ist ebenfalls ein Thema, wo Menschen diskriminiert werden. Und für mich ist es einfach schön, dort eine Arbeit machen zu können, um den Leuten die Angst zu nehmen. Ich denke, ein gewisser Teil der Diskriminierung entsteht, weil die Leute Angst davor haben. Und wenn ich ihnen die Angst davor nehmen kann, dann haben sie wahrscheinlich ein anderes Verständnis dafür.

Denkst Du, dass auch die Menschen mit Behinderung diskriminiert werden?

Auf jeden Fall. Ich denke, dass gerade Behinderte sehr isoliert in unserer Gesellschaft sind. Man muss einfach nur in seinem Umkreis mal fragen: Viele haben in ihrem ganzen Leben noch nie mit einem Behinderten zu tun gehabt und wenn ja, ist es immer nur diese Vorstellung von einem sabbernden Menschen, der komische Geräusche von sich gibt. Das ist auch immer die Reaktion, wenn ich sage, wo ich arbeite. Ganz oft höre ich: „Oh, das könnte ich nicht“ oder „Das ist ja traurig“. Im Gegenteil. Das ist es überhaupt nicht. Gerade behinderte Menschen sind oft Leute, die zwar auch sehr traurig sein können, aber auch sehr emotional und sehr fröhlich sind. Und das ist der Unterschied. Ich finde es auch sehr schön dort arbeiten zu können, denn selbst in Kliniken merkt man manchmal, dass Schwestern dort nicht sehr gerne mit Behinderten arbeiten. Ich habe zum Beispiel ein Mädchen bei mir, die im Wachkoma liegt und wenn so etwas in einer Klinik vorkommt, fehlt oft das Verständnis. Und diesen Leuten möchte ich gerne zeigen, dass auch diese Menschen noch Reaktionen zeigen, wenn zum Beispiel die Mutti von ihr anruft und man das Telefon an ihr Ohr legt  was da in ihrem Gesicht passiert, das kann man nicht mit tausend schönen Worten beschreiben. Und man merkt einfach, dass definitiv noch eine Reaktion vorhanden ist und man mit ihnen noch sehr viel machen kann. Es ist eben nur eine andere Art von Kommunikation, die einige nicht verstehen.

Wie hast Du für Dich das Feingefühl dafür gefunden?

Ich denke, dass viele, die einmal in der sozialen Arbeit arbeiten würden, das für sich entdecken können. Auch ich habe am Anfang Berührungsängste gehabt. Mittlerweile, das ist ganz merkwürdig, habe ich auch ganz die Relation verloren, wie ein normales Kind ist. Ich sehe immer unsere Kinder und denke „Oh toll, jetzt kann es sitzen oder kann nach etwas greifen.“ Und ich habe aber total die Relation verloren, dass das überhaupt nicht dem Alter entspricht. Ich habe deswegen auch eine ganz andere Freude entwickelt für die Sachen, die sie jetzt können.

Noch einmal zu dem Aids-Thema. Welche Themen werden da im Moment besprochen?

Also erstmal vorweg: ich engagiere mich bei einem Präventionsteam. Unsere Aufgabe ist es, die Leute dahingehend aufzuklären und sie eher dazu zu bewegen Verantwortung für sich selber zu übernehmen und sich testen zu lassen. Das ist eigentlich das Primäre, was wir machen. Momentan ist es eher unsere Aufgabe, die Angst zu nehmen. Gerade Aids ist nicht mehr das Thema. Es ist eher die Frage, wie lebe ich mit HIV-positiv oder wie bleibe ich sehr lange HIV-negativ. Das sind die vordergründigen Sachen. Die Deutsche AIDS-Hilfe hat jetzt zum Beispiel ausgerufen, dass bis 2020 keiner mehr aidskrank ist. Und ich hoffe, dass ich dazu ein Stück weit etwas beitragen kann. Weil, wenn die Leute die Risikofaktoren kennen, gehen sie anders mit sich selber um und gehen sich vielleicht auch testen lassen. Die Medikationen sind mittlerweile auch sehr gut und die Möglichkeiten sich testen zu lassen. Wir sind einfach nicht mehr im Jahr 1980.

Kannst Du Dich an eine ganz besonders schöne Geschichte während Deiner Arbeit mit den Kindern oder der Aids-Hilfe erinnern, die Dir widerfahren ist?

Die Geschichte, die ich vorhin schon erzählt habe: das Mädchen zu sehen, wenn es mit ihrer Mutter telefoniert. Ansonsten sind es keine großen Geschichten, bei denen die Leute ihre Augen aufreißen, sondern eher kleine Sachen. Bei den Kindern, wo ich es erlebe, wie sie groß werden und wir uns einen Ast abfreuen, wenn sie auf einmal „Hallo“ sagen können oder sich irgendwie äußern können. Das ist schon ein ganz tolles Erfolgserlebnis für uns. Wir freuen uns, wenn wir mit den Kindern mal in den Zoo gehen können und es ist einfach schön, wenn man sieht, dass sie am normalen Leben teilnehmen können.

Warum leben die Kinder bei euch und nicht zu Hause?

Zum einen, weil sie kein Elternhaus mehr haben, weil die Eltern Abstand nehmen. Wir haben sehr viele familiengelöste Kinder. Und wir haben natürlich auch die Kinder, von denen die Eltern sagen, die Pflege ist so aufwendig, dass es zu Hause nicht gestemmt werden kann und dass das Kind eine 24-Stunden-Krankenpflege braucht, bei der einfach jemand da ist, der handeln kann. Wir sind wirklich das ganze Jahr für die Kinder da und haben auch ganz andere Möglichkeiten. Nicht jeder kann bei sich zu Hause einen Fahrstuhl einbauen. Wir haben Therapeuten im Haus und auch der ganze Papierkram, den man stemmen muss, ist sehr aufwändig und wir helfen den Familien einfach dabei.

Was macht Dich jeden Tag glücklich?

Es ist nichts Spezielles eigentlich. Es ist auch ziemlich schwierig zu sagen, was mich jeden Tag glücklich macht. Ich glaube, es ist eher, dass man sich öfter ins Gedächtnis rufen sollte, was einen glücklich macht. Ich habe immer das Gefühl, man lebt so einfach in den Alltag hinein und absolviert seine Aufgaben und macht und tut. Aber was mich speziell glücklich macht, ist eine Frage, worüber ich tatsächlich nachdenken muss.

Vervollständige bitte folgende Sätze:

  1. Wenn ich von der Arbeit komme, … dann falle ich erstmal auf die Couch.
  2. Wenn ich Zeit für mich habe, … höre ich Musik.
  3. Vor fünf Jahren … war ich noch ein Stückchen kleiner.
  4. Ich bin … nur 1,50 m groß und als erwachsene Frau ist das schon sehr klein.
  5. In Leipzig …  fühle ich mich wohl und zuhause.
  6. Mein Leben …  ist manchmal sehr anstrengend.