… portraitiert Menschen aus Leipzig.
Es werden Leute in den verschiedenen Stadtvierteln interviewt und dazu Bildserien erstellt. Viertelrausch ist das ehrenamtliche Projekt von Effektrausch – einem Büro für Employer Branding und Storytelling.

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Annegret

Gestaltet politisch mit

Annegret | Studentin, Mitglied und Jugendbeiratsvorsitzende des Jugendparlamentes | 22 Jahre | aus Leipzig | wohnt in Lindenau

Dieses Interview ist in Kooperation mit dem Leipziger Lichtfest im Lichtstudio im Museum der bildenden Künste entstanden. Das Lichtfest erinnert jedes Jahr am 9. Oktober an die Friedliche Revolution von 1989.

 

Das Motto eines Lichtraumes ist ‚Jetzt oder nie – Demokratie‘. Dieses Motto lebt Ihr sicher auch im Jugendparlament, oder?

Genau, das ist im Prinzip das, was wir leben, denn wir sind die demokratisch gewählte Vertretung aller Jugendlichen. Alle zwei Jahre gibt es eine Wahl, die via Internet stattfindet, um das Ganze attraktiver und einfacher für die Jugend zu gestalten.

 

Was steht auf Eurer Agenda?

Wir möchten die Jugend in Leipzig vertreten und in den Stadtrat hineinbringen. Gerade ältere Mitglieder des Rates bedenken nicht immer unbedingt die jüngere Generation, weshalb es sehr sinnvoll ist, dass wir dort unsere eigene Vertretung und unsere eigene Stimme haben. Fahrradfahren ist für uns ein sehr wichtiges Thema, da das Rad für viele Jugendliche – von Schüler*in bis zum/r Student*in das Hauptverkehrsmittel ist. Ein zweiter Schwerpunkt ist, dass wir Jugendbeteiligung sehr viel populärer machen möchten. Es ist uns wichtig, Leipzig attraktiver für Jugendliche zu machen. Und innerhalb der Leipziger Jugend möchten wir erreichen, dass jede*r weiß, dass es eine Jugendvertretung gibt und dass jede*r mitmachen kann. Ideen, egal welchen Bereiches, sollen nicht einfach verpuffen, sondern finden bei uns Gehör. Zusammen mit Fridays for Future haben wir beispielsweise einen Antrag gestellt, dass Leipzig den Klimanotstand ausrufen soll.

 

 

Was hat Dich persönlich dazu bewegt, Dich als Kandidatin für das Jugendparlament aufstellen zu lassen?

Während meines Freiwilligen Ökologischen Jahres (FÖJ) habe ich damals beschlossen, mich für das Jugendparlament aufstellen zu lassen. Daraufhin bin ich Bundesdelegierte geworden. Mir hat das sehr viel Freude bereitet, mit anderen Meinungen auszutauschen. Als ich auf den damaligen Jugendbeiratsvorsitzenden Leipzigs getroffen bin, hat er mich davon überzeugt, Mitglied zu werden. Und so bin ich stellvertretende Vorsitzende geworden. Als die Stelle des Beiratsvorsitzes frei wurde, habe ich mich bereit erklärt und darin meine Aufgabe gefunden.

 

Welche Gedanken hast Du zum Thema Mauerfall?

Als Erstes fällt mir immer die Geschichte meiner Mama ein, die damals zusammen mit einer Freundin irgendwann um den 10. November herum nach Berlin gefahren ist. Meine Oma war damals völlig schockiert deswegen, weil sie Angst hatte, dass die beiden nicht mehr zurückkommen, denn damals war ja nicht ganz klar, ob die Grenze wirklich offen bleibt.

 

War der Mauerfall in Deiner Familie immer schon präsent?

Nicht wirklich, aber ich habe angefangen, ganz bewusst nachzufragen. Meine Familie hat von sich aus nicht offen darüber geredet, aber wenn ich nachgefragt habe, haben sie immer viel erzählt.

 

Inwiefern haben Dich die Geschichten Deiner Familie geprägt?

Ich bin ganz klar ein ‚Ossi‘. Meine Mama war schon immer Christin, aber trotzdem haben meine Großeltern sie damals nicht gezwungen, an einer Konfirmation teilzunehmen, sondern sie durfte eine Jugendweihe feiern, um nicht ausgegrenzt zu werden. Weil sich meine Mama letztendlich aber doch für die Konformation entschieden hat, durfte sie nicht an einer Klassenfahrt teilnehmen. Das finde ich sehr beeindruckend, dass sie in einem so jungen Alter gegen den Strom geschwommen ist. Sie hat damals schon im Chor des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) gesungen und ich denke, dass ich dadurch auch das Scheinwerferlicht der Bühne für mich entdeckt habe. Von meinem Vater habe ich das kritische Hinterfragen und das politische Interesse.

 

Wie ist es für Dich von diesem System zu hören, das wir uns wahrscheinlich gar nicht vorstellen können?

Für mich ist das wirklich unvorstellbar, denn ich habe bisher nur in Deutschland gewohnt und kenne daher keine anderen Systeme. Für mich sind das alles nur Geschichten, die ich versuche zu würdigen. Ich freue mich einfach darüber, wie wir jetzt leben können und kämpfe dafür, dass es so bleibt und dass wir weiterhin eine Demokratie erhalten können. Ich finde, ein System hat nie ausgelernt, deshalb sollten möglichst alle ihre Ideen mit einbringen, sodass die Demokratie vielleicht irgendwann sogar meiner Utopie entspricht.

 

Wie sieht deine Utopie aus?

Meine Utopie ist, dass wir alle klar, präzise und ehrlich unsere Anliegen vortragen können. Ich merke das im Stadtrat manchmal, dass alle viel und schön reden können. Das ist zwar grundsätzlich eine gute Sache, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass wir zu sehr um den heißen Brei herumreden. Ich wünsche mir außerdem, dass es weniger Berufspolitiker*innen gibt und diese nicht nur durch ihre Worte versuchen, ihre Position zu halten oder welche zu erlangen, sondern dass sie wirklich etwas bewegen wollen. Ich sehe die repräsentative Demokratie in der Hinsicht etwas kritisch, dass manches relativ schnell abgetan wird und nicht allem Gehör geschenkt wird. Ich bin der Meinung, man sollte sich auch Ansichten von Leuten anhören, deren Standpunkte man selbst im ersten Moment nicht vertritt, denn es ist wichtig auch diese wahrzunehmen und für sich zu reflektieren.

 

Fühlst Du Dich in der heutigen Zeit in irgendeiner Weise eingeschränkt?

Da gibt es von mir ein klares Ja und Nein. Ich finde, in der heutigen Zeit ist man oft mit den vielen Möglichkeiten überfordert. Andererseits hat man aber unter anderem aufgrund der Friedlichen Revolution von damals natürlich diese Möglichkeiten erst und wir können bspw. frei reisen oder über das Internet unglaublich schnell an Informationen gelangen. 

 

 

 

Möchtest Du noch etwas ansprechen?

Ich finde es schade, dass Jugendbeteiligung ein Privileg ist und somit nicht für jeden Jugendlichen möglich ist. Ich selbst kann das alles nur machen, weil ich von meinen Eltern mitfinanziert werde und deshalb nicht neben dem Studium arbeiten gehen muss. Nur dadurch habe ich die Möglichkeit, meine Zeit damit zu verbringen, im Rathaus für die Jugend einzustehen. Das muss sich ändern, damit alle Schüler*innen, Auszubildenden und Student*innen die Chance haben, daran teilzunehmen.

 

Vervollständige bitte folgende Sätze:

  1. Dieses Jahr … brauche ich mal eine Pause.
  2. Demokratie bedeutet für mich … Mitbestimmung, Beteiligung, meine Meinung sagen.
  3. Dieses Jahr zum Lichtfest … darf ich mit zum Festakt im Gewandhaus und ich bin sehr aufgeregt, weil ich den Bundespräsidenten dort treffen werde.
  4. Wenn ich alt bin … möchte ich, dass meine Kinder und Enkel immer noch in einer Demokratie leben, in der sie sich für alles entscheiden können, was sie möchten, in der sie alles machen können, was sie möchten und in der Mitbestimmung kein Privileg, sondern Normalität für alle ist und jedem etwas bedeutet.
  5. Meine Mama … ist die beste Mama für mich und ihre Leistungen beeindrucken mich.
  6. In Leipzig … lässt es sich unglaublich schön leben, ist es sehr schön grün und wir haben hier so viele Chancen, die wir ergreifen und umsetzen können.
  7. Mein Leben … bringt hoffentlich auch anderen irgendetwas.