… portraitiert Menschen aus Leipzig.
Es werden Leute in den verschiedenen Stadtvierteln interviewt und dazu Bildserien erstellt. Viertelrausch ist das ehrenamtliche Projekt von Effektrausch – einem Büro für Employer Branding und Storytelling.

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Claudia

#goodlife

Claudia | Studentin | 23 Jahre | aus der Nähe von Dresden | wohnt in Reudnitz

Bei Dir hat das Schicksal zugeschlagen und Dir den Begleiter Krebs beschert. Welche Form von Krebs hast Du?

Ich habe eine sehr seltene Form – ein Ganglioneuroblastom. Das ist eigentlich ein Tumor, der nur bei kleinen Kindern auftritt. Bei Erwachsenen ist das eher eine Seltenheit.

Kannst Du mir den Verlauf der Therapien erklären?

Meine Krankheit wurde im März 2013 diagnostiziert, also vor gut zweieinhalb Jahren. Ich habe mich eineinhalb Jahre in Akutbehandlung befunden. Von März bis September 2013 hatte ich sechs sehr starke Chemotherapien. Ich musste jeweils drei Wochen im Krankenhaus bleiben und eine Woche durfte ich nach Hause und das sechs Mal hintereinander. In dieser Zeit habe ich körperlich extrem abgebaut. Danach hatte ich eine Radionuklidtherapie und im Februar 2014 das eigentlich wichtigste Ereignis für mich – meine Stammzelltransplantation. Für mich definitiv eine lebensrettende Behandlung. Im August 2014 folgte eine einmonatige Bestrahlung und im Anschluss eine einjährige Retinsäuretherapie. Seit Oktober diesen Jahres bin ich therapiefrei. Endlich!

Claudia

Wie wurde die Krankheit diagnostiziert? Kannst Du Dich an den Moment erinnern, als es Du erfahren hast, dass Du an Krebs leidest?

Ich habe schon gemerkt, dass irgendetwas mit meinem Körper nicht stimmen kann, da ich mich sehr schlapp fühlte und starke Schmerzen im Becken im Rückenbereich bekam. Irgendwann zogen die Schmerzen die komplette Wirbelsäule hoch. Es hat wirklich lange gedauert, bis die Erkrankung diagnostiziert wurde – bestimmt zwei bis drei Monate. Es hat keiner geahnt. Alle dachten, dass ich mir irgendetwas eingeklemmt hätte. Dann kam heraus, dass der Primärtumor von circa 13 cm links im Becken liegt und es Metastasen an den Knochen und im Knochenmark gab. Krebs in Stadium 4. Den Moment als mir gesagt wurde, dass ich so schwer erkrankt sei, kann ich nur schwer in Worte fassen. Ich meinte zum Arzt – ich bin 20 Jahre alt, sie sagen mir hier, dass ich Krebs habe. Werde ich wieder gesund? Meine Welt ist zusammengebrochen. In dem Moment habe ich mich so gefühlt, als würde mir die Leichtigkeit im Leben genommen werden. Meine Unbeschwertheit war plötzlich verschwunden. Ich konnte nicht begreifen, warum mir so etwas angetan wird. Ich hatte das Gefühl, die Last der ganzen Welt auf meinen Schultern zu tragen. Es war erdrückend. Ich hatte plötzlich keine Perspektive mehr im Leben, weil ich absolut nicht wusste, ob ich das nächste Jahr um die Zeit noch da sein würde. Für mich schien es keine Zukunft mehr zu geben. Das war der tragischste Moment meines Lebens.

Auf einmal hat sich Dein Leben schlagartig verändert. Du musstest neue Wege finden, um Kraft zu schöpfen. Hast Du dabei einen neuen Lieblingsort gefunden?

Ich war gerne im Friedenspark, weil ich auch gleich in der Nähe gewohnt habe und in der Woche, in der ich nach Hause durfte, bin ich hier ganz oft spazieren gegangen, einfach um Menschen zu sehen und Natur zu erleben, atmen zu können. Das war plötzlich so wertvoll, weil ich das im Krankenhaus auf diese Weise einfach nicht konnte. Es war einfach wundervoll, das Leben wieder spüren zu können. Es waren vor allem die ganz kleinen Dinge, die mir viel Kraft gaben – vor allem Menschen zu sehen, die Spaß am Leben haben.

Gibt es einen großen Wunsch, den Du Dir erfüllen würdest, wenn Du könntest?

Ich wünsche mir in erster Linie für mich und zwei Mädchen, die ich im Krankenhaus kennengelernt habe und wirklich unglaublich schätze – Gesundheit und noch ganz viel Zeit im Leben, um die kleinen Momente genießen zu können. Das ist für mich das allerwichtigste. Alles andere steht hinten an. Ich habe keine großen Wünsche. Ich will nicht viel Geld verdienen in meinem Leben. Ich brauche auch keinen Partner. Ich wurde von meiner ersten großen Liebe verlassen als ich todkrank war. Da bin ich einfach ein gebranntes Kind und seitdem sage ich mir – Hauptsache ich bleibe gesund, mir und meiner Seele geht’s gut. Ich belaste mich nicht mit Dingen, die mich runterziehen können. Das ist wirklich mein einziger Wunsch – Gesundheit und Zeit. Einfach viel Zeit.

Konntest Du Dir noch ein paar Wünsche erfüllen nachdem Du erfahren hast, dass Du diese Krankheit hast und Du noch nicht wusstest wie alles ausgeht. Oder ist man dann schon zu schwach?

Ich wäre unglaublich gerne gereist, aber das war nicht möglich, weil meine Blutwerte stark gefallen sind und ich daher sehr anfällig für Infektionen war. Es ging einfach nicht, weil ich ein halbes Jahr fast nur im Krankenhaus lag. Das ist das Schlimme daran – die Lebenszeit rennt einem während der Therapie weg und man kann nicht das machen worauf man Lust hätte. Ich habe mich trotzdem in der Zeit, in der ich nach Hause durfte, ganz oft mit Freunden getroffen und einfach das gemacht, was mir gut tat – gutes Essen, gute Gesellschaft. Viele kleine Dinge haben mich diese Zeit durchstehen lassen.

Die Akuttherapie umfasst einen langen Zeitraum. Wie bleibt man am Ball immer weiterzukämpfen? Woraus hast Du neue Kraft geschöpft?

Im Nachhinein frage ich mich selber, wie ich das ausgehalten habe. Der Tiefpunkt war dann wirklich erreicht, als es mit meinem Partner vorbei war. Er war meine erste große Liebe. Für mich war er der Mann, mit dem ich hätte zusammen sein wollen und wenn man in so einer Phase verlassen wird, hinterlässt das Spuren. Aber für mich kam es trotzdem nicht in Frage aufzugeben. Ich habe in der Phase gemerkt, wer meine wahren Freude sind, wer immer hinter mir steht – egal wie ich aussehe, egal wie schlecht es mir geht. Einfach dieser Gedanke, dass ich irgendwann wieder ein relativ normales Leben haben werde, dass ich wieder studieren kann, dass ich wieder einen Alltag haben kann. Das hat mich am Leben erhalten. Das hat mich unglaublich angespornt, alles zu geben. Mir meine Zukunft wieder zu erkämpfen – das hat mir enorme Kraft verschafft.

Claudia

Gibt es Leute, die die Kraft nicht mehr erbringen konnten und sich fallen lassen haben?

Ich glaube so etwas gibt es, aber ich kann das nicht nachvollziehen. Das Leben ist das höchste Gut und wenn man darum nicht kämpft, dann lohnt es sich für nichts zu kämpfen. Man lässt sein Leben nicht einfach so verkommen und gerade in so einer Situation, wenn man sein Leben verlieren könnte, dann gibt man alles, dass das nicht so kommt. Man lässt sämtliche Torturren über sich ergehen. Ich habe meinem Partner bei der Diagnose versprochen, dass ich wirklich alles über mich ergehen lasse, um wieder normal leben zu können und wieder glücklich zu sein. Ich bin echt stolz auf mich, dass ich das geschafft habe und jetzt wieder im Leben stehe.

Hast Du dann jetzt eine Lebensweisheit?

Es gibt so viele schöne Weisheiten. Auf jeden Fall habe ich aus der ganzen Geschichte rausgezogen, dass in meinem Leben alles aus einem Grund passiert. Auch die Krankheit ist aus einem Grund gekommen. Vielleicht mussten mir die Augen geöffnet werden. Vielleicht musste mir auf radikale Art und Weise gezeigt werden, dass das Leben hier unten nur endlich ist. Ich denke, ich weiß mein Leben jetzt unglaublich zu schätzen. Ich kann ganz alltägliche Dinge unendlich genießen. Die Frage ist natürlich, um welchen Preis man das Genießen lernen muss. Meine Lebensweisheit ist, das im Leben zu tun, was meinem Körper und meiner Seele gut tut, auf mein Herz zu hören, mich selbst glücklich zu machen und mich selbst auch ruhig mal an erste Stelle zu stellen.

Ist Dir während der Behandlungszeit etwas an unserer Gesellschaft aufgefallen, worüber Du Dich geärgert hast und Du gern ändern würdest?

Natürlich haben mich viele Leute regelrecht angegafft, als ich mit Kopftuch unterwegs war. Wahrscheinlich war es einfach nur ihre Ohnmacht, eine krebskranke junge Frau mit so viel Lebensfreude zu sehen. Trotzdem war das oftmals sehr unangenehm. Auch wenn ich da oft drüber gestanden habe, würde ich mir dahingehend mehr Toleranz wünschen. Aber das allerwichtigste ist, dass die Menschen da draußen sich jeden Tag vor Augen halten sollten, dass das Leben auch ohne Krebs begrenzt ist. Deshalb sollte man jeden Tag zu schätzen wissen, jeden Augenblick genießen und vor allem den Menschen, die man von ganzen Herzen liebt, dies auch regelmäßig zeigen. Vielleicht ist das eines Tages nicht mehr möglich. Vielleicht ist die Zeit dann abgelaufen. Ich würde mir auch sehr wünschen, dass viele Menschen sorgsamer mit ihrer Gesundheit umgehen. Gesundheit ist der essentiellste Part unseres Lebens. Wenn sie weg ist, wird man nie wieder vollkommen glücklich sein. Das vergessen leider sehr viele. Man sollte sich immer klarmachen, dass andere Menschen alles geben würden, um ihre Gesundheit wiederzuerlangen. Gesund zu sein, ist der größte Reichtum überhaupt und wird einfach als gegeben hingenommen. Das ist sehr schade.

Vervollständige bitte die Satzanfänge.

  1. Vor zwei Jahren musste ich plötzlich mein eigener Held werden.
  2. Nächstes Jahr wird hoffentlich alles super in meinem Leben sein.
  3. Wenn ich früh aufstehe freue ich mich, dass ich da bin.
  4. In Leipzig ist es schön.
  5. Mein Leben ist wundervoll, ich würde es niemals tauschen wollen.