… portraitiert Menschen aus Leipzig.
Es werden Leute in den verschiedenen Stadtvierteln interviewt und dazu Bildserien erstellt. Viertelrausch ist das ehrenamtliche Projekt von Effektrausch – einem Büro für Employer Branding und Storytelling.

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Jasin

Vom alten und vom neuen Leipzig

Jasin | arbeitssuchend | 55 Jahre | aus Erbil, Irak | wohnt in Volkmarsdorf

Jasin, was machst du in Leipzig?

Leider bin ich zurzeit ohne Job. Ich habe vorher als Security gearbeitet, doch mein Vertrag endete und dann kam Covid-19 dazu. Schlecht. Ich bin 1995 nach Leipzig gekommen. Mein Schicksal hat hier in Sachsen begonnen. Ich kenne also noch das alte Leipzig, nicht das neue. Ich und ein paar Freunde haben im Pflasterbau gearbeitet und Straßen neu gemacht. Leipzig ist für mich eine schöne und eine ruhige Stadt. Ich habe im Fernsehen einen Bericht gesehen, dass Leipzig weltweit auf Platz 8 der gemütlichsten Städte zum Leben ist. Ich habe Städte im Norden, Süden, Osten, Westen gesehen – ich habe überall Verwandte und Freunde. Aber Leipzig hat mir gefallen und darum bin ich hiergeblieben.

Du sprichst vom alten und vom neuen Leipzig. Wo liegt der Unterschied?

Das neue Leipzig ist ein neues Volk, neue Menschen. Das alte Leipzig war auch schön, aber die Leute waren anders. Ich bin sechs Jahre nach der Wende gekommen und da gab es hier noch viele Radikale. Ich habe viele Sachen gesehen, die will ich euch aber lieber nicht näher erzählen – das war nicht schön. Heute haben sich die Leute geändert, nicht so doll, aber ein bisschen. Die junge Generation ist anders. Ich habe drei Kinder, an ihnen sehe ich es. Außerdem sieht Leipzig anders aus. Die Straßen und Häuser sind neu und schöner als früher.

Du bist seit 1995 in Deutschland und hast dich bewusst entschieden in Leipzig zu bleiben. Was ist hier so besonders?

Das ist eine schwierige Frage. Ich habe Berlin, München, Bonn, Kiel, Frankfurt versucht, aber es hat mir nicht gefallen. Wenn du irgendwo neu startest, musst du erstmal alles kennenlernen, was links und rechts von dir ist. Aber hier bin ich einfach geblieben. Es gab viele Möglichkeiten, ich konnte arbeiten und war beschäftigt. Bis meine Familie sich eingewöhnt hat, dauerte es. Aber hier hatte ich viele Freunde aus Deutschland und überall. Diese Probe nochmal zu machen, ist schwer und darum blieb ich.

Du sagst, dass du hier auch viele traurige Sachen erlebt hast. Momentan bekommen die rechten Parteien wieder Aufwind, letzte Woche gab es Proteste der Black Lives Matter-Bewegung. Siehst du Parallelen zu heute, wenn es um Rassismus geht?

Ja. Die Alten sind in der Idee geblieben. Aber die neue Generation, die meiner Kinder, ist anders. Ausländer sind Menschen. Am Anfang war ich viel in Eilenburg, 30 km von Leipzig. Ich lief auf der Straße und die Leute schauten uns aus dem Auto schief an. Die fragten sich, was wir da machen. Ich habe sie gegrüßt oder mal nach dem Weg gefragt, aber es kam keine Reaktion. Die neue Generation denkt nicht mehr so. Der Osten braucht da noch ein bisschen mehr Zeit, die Menschen hier sind kälter, wenn sie dich nicht kennen. Meiner Erfahrung nach wollen die Deutschen keine Kopfschmerzen haben. Wenn es Probleme gibt, schauen sie lieber weg. Ausländer sind für sie erstmal alle gleich. Bis sie sie besser kennen. Wenn du ein guter Mensch bist, sind die Deutschen hilfsbereit und warm. Aber sie kommen oft gar nicht zu dem Punkt entscheiden zu können, ob du gut oder schlecht bist. ´95, ´96 habe ich in einem Laden gearbeitet. Da kamen viele Junkies und es wurde oft geklaut. Glaube mir, das waren meistens die Deutschen. Schlechte Menschen gibt es unter den Deutschen genauso wie unter den Ausländern. Aber das kann ich nicht ändern. Ich habe gelebt und das war bisher eine schöne Erfahrung, ich bin froh hier in Deutschland.

Was würdest du dir wünschen, wenn du alle Ressourcen hättest etwas zu verändern?

Ich würde mir für die Welt Frieden wünschen. In Leipzig würde ich den Menschen helfen wollen, die nicht so viel haben. Denen, die unbedingt Hilfe brauchen. Und ich würde zurück in meine Heimat wollen mit meiner Familie. Aber die wollen nicht. Sie sagen „Papa, unsere Heimat ist hier. Deine Heimat ist dort.“. Ich habe es ein paar Mal versucht. Aber dann habe ich Sehnsucht nach meiner Familie und möchte wieder zurück. Dann habe ich hier wieder Probleme und möchte wieder weg. Lange Geschichte.

Wo ist deine Heimat?

Ich bin Kurde aus dem Irak. Hier habe ich bis heute keinen Deutschkurs bekommen. Alles, was ihr hört, habe ich mir selbst beigebracht. Ich weiß, dass meine Grammatik Fehler hat, aber die Leute können mich verstehen. Ich spreche vier Sprachen: Englisch, Türkisch, meine Muttersprache Arabisch und ein bisschen Deutsch. Ich wollte als Dolmetscher arbeiten, aber man lässt mich nicht, weil ich kein Zertifikat habe. Ich bin eingebürgert, aber den Kurs bekomme ich trotzdem nicht. Es kommen so viele Leute aus Syrien und anderen Ländern. Ich könnte helfen. Aber vielleicht möchte man diese Chance jemand jüngeres geben, ich weiß es nicht. 

Du schwankst hin und her, hier zu bleiben oder zurück in den Irak zu gehen. Was vermisst du an deiner Heimat?

Es ist ein Gefühl, das schwer zu verstehen ist. Ich weiß nicht, wie oft ihr im Ausland wart. Wenn es nur ein oder zwei Wochen Tourismus ist, vermisst du deine Heimat nicht. Aber wenn du länger weg bist, vermisst du die Straße, in der du aufgewachsen bist, deine Schulfreunde, deine Verwandten – bei uns gibt es eine ganz andere Kultur. Wir vermischen uns und sind füreinander da. Dieses Gefühl der Sehnsucht hatte ich früher nicht. Ich war beschäftigt mit Arbeiten, Reisen und vielen anderen Dingen. Je älter ich werde, desto mehr vermisse ich das Gefühl von zu Hause. Ich brauche zwar mehr Ruhe, aber das Gefühl der Heimat finde ich hier nicht. Das fehlt mir. Vielleicht kennt ihr dieses Gefühl nicht, aber wenn ihr älter werdet und Kinder bekommt, dann lernt ihr auch dieses Gefühl kennen. Für die Kinder ist es schön – Hotel Papa und Mama. Sie essen und sind weg. „Hallo Papa“, essen und „Tschüß“. Ich brauche mehr. Ich möchte mit ihnen zusammensitzen, aber sie leben ihr Leben und denken wie die Deutschen.

Möchtest du selbst noch etwas ansprechen, das dir wichtig ist?

Ich fühle mich unterstützt von Deutschland. Mir wurde viel geholfen und Deutschland hat in der Welt einen großen Namen. Vielleicht merkt ihr das nicht, aber ich höre und lese viele Nachrichten von internationalen Sendern und die sind anders als das, was man hier so mitbekommt. Ich möchte Deutschland keine Schuld geben. Leider habe ich nur drei Kinder und die wollen arbeiten, in Frieden leben und Steuern bezahlen – letzteres kann ich momentan am wenigsten, aber wenn ich die Möglichkeit habe, tue ich etwas für die ärmeren Menschen hier. Die Reichen brauche meine Hilfe nicht, aber die Armen. Ich habe ein oder zwei Mal etwas Gutes getan, das möchte ich aber nicht verraten. Aber ich bin froh, dass ich es getan habe.

Vervollständige bitte folgende Sätze:

  1. Heute Abend werde ich … meine Tablette nehmen und schlafen.
  2. Vor zehn Jahren … war das Leben noch schöner.
  3. In Leipzig … gibt’s schöne Mädels (lacht), kleiner Spaß. In Leipzig gibt es immer Ruhe und Grün.
  4. Mein Leben … wird ein schöner, dramatischer Film, wenn es zu Ende geschrieben ist.