… portraitiert Menschen aus Leipzig.
Es werden Leute in den verschiedenen Stadtvierteln interviewt und dazu Bildserien erstellt. Viertelrausch ist das ehrenamtliche Projekt von Effektrausch – einem Büro für Employer Branding und Storytelling.

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Leo

Seit zweieinhalb Jahren auf Wanderschaft

Leo | Zimmermann und Wandergeselle | 22 Jahre | aus Neukirchen beim Heiligen Blut (Bayerischer Wald, direkt an der tschechischen Grenze) | auf Wanderschaft

Seit wann bist Du in Leipzig?

Ich bin heute, am 2. März, gegen Mittag hier angekommen und bleibe wahrscheinlich über das Wochenende in Leipzig.

 

Was ist Dir an Leipzig aufgefallen?

Im Gegensatz zu Berlin ist es hier um einiges ruhiger. Obwohl ich noch nicht so lange hier bin, kann ich bisher sagen, dass die Leute mir auf der Straße alle sehr freundlich begegnet sind. Ich weiß nicht, ob das nur an dem krassen Kontrast zu Berlin liegt, wo es drunter und drüber geht, aber viele Leute lächeln einen hier auf der Straße an. Das gibt mir ein gutes Gefühl und es ist schön hier zu sein.

 

Du bist als Reisender mit einem kleinen Bündel unterwegs. Was befindet sich darin?

Meine Arbeitskluft, bestehend aus einer Hose, einer zweiten Weste, einem Hemd und ein einem zweiten Hut. Außerdem habe ich in dem Bündel eine kleine Säge, eine kleine Hausapotheke und Socken und Unterhosen sowie eine Schuhcreme – alles, was man so braucht.

 

Woher hast Du Deine wunderschöne Kluft?

Wir haben in der Schweiz eine Kluftschneiderin, die mit einem einheimischen Wandergesellen verheiratet ist. Ursprünglich ist sie Damenschneiderin, aber seit ein paar Jahren schneidert sie auch Klüfte für Wandergesellen. Sie hat sich intensiv mit den Materialien auseinandergesetzt, damit wir bspw. möglichst stabile Reißverschlüsse haben. Wir tragen unsere Kluft schließlich jeden Tag, deshalb muss sie viel aushalten. 

 

Welche Bedeutung hat der Ohrring, den Du trägst?

Der Ohrring gehört zum Wandergesellen. Er wird mit Hammer und Nagel geschlagen und du wirst so auf dein Wort festgenagelt, zünftig zu reisen und die Pflichten eines Wandergesellen zu erfüllen. Früher war der Ohrring aus Gold, da man das Begräbnis mit dem Ohrring bezahlen konnte, wenn ein Geselle auf der Straße gestorben ist. Wenn du früher deine Pflichten gebrochen hast und unehrenhaft entlassen wurdest, dann hat man dir den Ohrring herausgerissen. Daher kommt auch die Redewendung ‚ein Schlitzohr sein‘, was bedeutet, dass man demjenigen nicht trauen kann.

 

Was befindet sich alles in Deiner Jacke?

Darin befindet sich das Nötigste: mein Adressbuch und meine Reisebücher. In meinem offiziellen Reisebuch ist mein Ausweis, mit dem ich mich als Wandergeselle ausweisen kann. Außerdem gibt es in dem Buch Erklärungen in verschiedenen Sprachen und die Siegel der Städte, in denen ich bereits war, sowie Arbeitszeugnisse. Ich habe noch ein privates Reisebuch, in das sich Leute eintragen können, die mir begegnen. Darin ist ein Bild von meiner Abschiedsparty vor dem Tag, als ich losgezogen bin – das ist zweieinhalb Jahre her. Das private Reisebuch ist für mich wie eine Art Tagebuch. In meiner Jacke habe ich außerdem mein Liederbuch und wenn ich andere Gesellen treffe, dann singen wir die Lieder nach alter Tradition zusammen.

 

Wann entstand die Tradition der Gesellen?

Die älteste Zunft, die es gibt, gründete sich um das Jahr 1100. Um 1900 herum haben sich die Schächte entwickelt, bspw. der Schacht Freier Vogtländer Deutschlands, in dem ich reise. Diesen gibt es seit circa 1910. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Mitglieder verfolgt, weil es nicht geduldet war, in andere Länder zu reisen. Zu der Zeit wurden viele Wandergesellen in Konzentrationslager gebracht oder verfolgt. Nach dem Ende des Krieges haben die Gesellen den Schacht aber wieder aufleben lassen, sodass uns die Tradition bis heute erhalten blieb.

 

Handelt es sich dabei um eine deutsche Tradition?

Es ist eine Tradition des deutschsprachigen Raums. In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es das, in Dänemark findet man eine ähnliche Tradition – die der Naver. Die Tradition der Naver ist allerdings fast ausgestorben. Zurzeit ist von denen nur einer unterwegs und versucht wieder Leute zu gewinnen.

 

Wie viele Wandergesellen seid Ihr in Deutschland?

Das ist schwer zu sagen, aber vielleicht um die 400 bis 500 Leute. In dem Schacht der Freien Vogtländer, in dem ich reise, sind wir im Moment 40 Leute.

 

Du bist gelernter Zimmermann. Was fasziniert Dich am Handwerk des Zimmermanns?

Ich habe davor eine Lehre zum Metallbauer begonnen, aber Holz ist ein viel schönerer Werkstoff als Metall. Ich habe das Zimmermannshandwerk im Bayerischen Wald gelernt und das bei Leuten, die das mit Herzblut gemacht haben. Das habe ich immer sehr bewundert und mittlerweile mache ich das selbst mit viel Herzblut, weil es etwas sehr Schönes ist. Und obwohl es ein so altes Handwerk ist, ist es ständig im Wandel.

 

Aus welchem Grund hast Du Dich dazu entschlossen, Wandergeselle zu werden?

Ich habe im ersten Lehrjahr einen Wandergesellen kennengelernt, der bei mir in der Region war und bei meinem Stiefbruder in der Zimmerei gearbeitet hat. Für ihn habe ich mich sehr interessiert und dementsprechend viel Zeit mit ihm verbracht. Er hat mich ziemlich heiß darauf gemacht, loszugehen. Und so stand der Entschluss für mich fest, nach meiner Ausbildung auf Wanderschaft zu gehen. Das war der erste Plan, der mal länger hielt als nur ein oder zwei Monate. Das habe ich für zwei, drei Jahre verfolgt und war regelmäßig bei Gesellentreffen, um neue Gesellen kennenzulernen. Das ist wichtig, weil man sich nicht einfach eine Kluft anziehen und losgehen kann, sondern man braucht jemanden, der einen abholt. Ich habe ziemlich schnell jemanden gefunden, der bereit war, mich nach Ende meiner Lehre abzuholen.

 

Und wie geht das vonstatten, wenn man abgeholt wird?

Der Altreisende holt dich von Zuhause ab und du kannst noch eine Abschiedsparty machen, wenn du willst. Und dann geht ihr los. Du darfst fünf Euro mitnehmen und er packt dir dein Bündel zusammen, weil du ja noch nicht weißt, wie das geht. Am Anfang packen sie auch schwachsinnige Dinge hinein, die man dann einfach schleppen muss in der ersten Woche. Man hat um seinen Ort herum einen Radius von 15km, den man nicht betreten darf, und am ersten Tag verlässt man diesen Bannkreis seines Ortes. Das heißt, in meinen Jahren als Wandergeselle darf ich mich meinem Heimatort nicht auf weniger als 15km Entfernung nähern. Und so tauscht man den Fleck gegen den Rest der Welt, wie man so schön sagt.

 

Ab wann bist Du allein gereist?

Zuerst war ich drei Monate mit meinem Altreisenden unterwegs. Wir sind anderthalb Monate gereist und haben danach sechs Wochen gearbeitet. Er hat mir in der Zeit alles gezeigt, sodass ich im Anschluss allein weiterreisen konnte. 

 

Hast Du auch schon einmal jemanden abgeholt?

Ja, letztes Jahr im März. Das war ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe, aber schön. Es war ein gutes Gefühl, die Erfahrungen, die man gemacht hat, weitergeben zu können.

 

Wie sieht Dein Tag aus, wenn Du reist?

Ich stehe auf, packe mein Zeug zusammen und trampe los. Das kommt aber immer darauf an, welches Tagesziel man hat. Wenn es nur die nächste Stadt ist, hat man keine Eile, aber teilweise geht man auch weitere Strecken. Letztes Jahr bin ich am Weihnachtsabend von Basel nach Hannover getrampt, also einmal quer durch Deutschland. Da muss man dann schon früh raus, wenn man den ganzen Tag unterwegs ist. Im Endeffekt bist du aber in deiner Tagesgestaltung völlig frei, denn du hast alle Zeit und alle Freiheit.

 

Wie findest Du Deine Unterkünfte?

Meist gehe ich abends in eine Kneipe, wenn ich in eine Stadt komme und da ergibt sich eigentlich immer etwas. Am Anfang macht man sich darüber mehr Gedanken, aber mittlerweile weiß man, dass sich etwas finden wird. Im Sommer habe ich auch öfters draußen geschlafen. Und wenn man im Winter mal gar nichts findet, gibt es sicher irgendeine Kneipe, die noch bis in den Morgen geöffnet hat. Ich habe auch schon ein paar Mal im Vorraum der Sparkasse gepennt, weil es dort wenigstens warm ist, aber da wurde ich um 5 Uhr morgens meist rausgeschmissen. Das ist dann schon blöd, weil um diese Uhrzeit noch kein Bäcker geöffnet hat und man etwas verloren in der Stadt steht. Aber das ist mir schon lange nicht mehr passiert, da ich gelernt habe, auf Leute zuzugehen. Durch die Kluft kommt man schnell ins Gespräch mit anderen und man hat immer etwas zu erzählen.

 

Wie kommuniziert Du mit den anderen Gesellen?

Wir haben Treffpunkte im gesamten deutschsprachigen Raum und heute Abend treffen wir uns hier in Leipzig. Dorthin kommen die Gesellen, die schon wieder zurück sind von ihrer Reise und im Umkreis wohnen. Wir erscheinen alle in Kluft und haben dort einen Aufklopf. Das ist eine Art Sitzung, an der nur Wandergesellen teilnehmen dürfen. Auf diese Weise kommunizieren wir, indem wir uns auf diesen Treffen austauschen und erfahren, wer als nächstes seine Reise beginnt oder an welchen Orten es neue Interessenten gibt.

 

Wie oft triffst du außerhalb der regelmäßigen Treffen bei deiner Wanderschaft auf andere Gesellen?

Das passiert tatsächlich relativ häufig. Zum Beispiel der Amigo ist hier in Leipzig ein Anlaufpunkt für Gesellen. Hier ist also die Wahrscheinlichkeit, auf einen Reisenden zu treffen, eher hoch. Aber auch auf der Straße passiert das und die Freude ist umso größer, wenn man sich so zufällig trifft. Dadurch, dass wir nicht in ständiger Kommunikation zueinander stehen, ist das schon etwas Besonderes.

 

Woran erkennst Du Deine Leute?

Unser Kennzeichen ist die goldene Ehrbarkeit, eine Anstecknadel, am eingeschlagenen Hemdkragen, worauf alle Werkzeuge der Gewerke, die bei uns reisen, zu erkennen sind. Wir tragen die Knöpfe am Schlag und am Revers. Das sind unsere Erkennungszeichen. Die anderen Schächte haben Schlipse in verschiedenen Farben – rot, grün, schwarz, grau und blau.

 

Stehen die Schächte in Konkurrenz zueinander?

Nein. Früher war das anders, denn um 1900 herrschte ein ziemlicher Arbeitsmangel. Zu der Zeit gab es eher Rivalitäten zwischen den Gesellen. Heutzutage ist das aber Schnee von gestern, da es heute genug Arbeit für uns alle gibt. Deshalb gibt es heute auch den Gesellenzusammenschluss der europäischen Zünfte. Durch solche Zusammenschlüsse versucht man einerseits das Kriegsbeil von damals zu begraben und andererseits diese Tradition, die leider teilweise schon ausstirbt, weiterhin zu erhalten.

 

Läuft es bei Euch nach dem Motto ‚Einmal Wandergeselle, immer Wandergeselle‘?

Ja, wenn du dich entscheidest, Wandergeselle zu werden, trittst du in unsere Gesellschaft ein und bist lebenslanges Mitglied. Du reist drei oder vier Jahre und wenn du wieder in der Heimat bist, bist du einheimischer Wandergeselle. Durch unser gutes Netzwerk gibt es quer durch ganz Deutschland Treffpunkte, wo wir einmal im Monat zusammenkommen. Wenn du Lust darauf hast, kannst du also auch nach deiner Reisezeit mal wieder die Kluft anziehen und die ganzen Banausen wiedersehen.

 

Gibt es eine Geschichte, die Dich besonders berührt hat in den letzten zweieinhalb Jahren?

Das sind weniger Geschichten, sondern eher kleine Begegnungen. Meistens trifft man genau im Richtigen Moment auf jemanden. Wenn du mal schlecht drauf bist, hält jemand an und du hast einfach ein super Gespräch mit demjenigen. Jeder schüttet dem anderen sein Herz aus und wenn du danach aussteigst, geht es dir viel besser. Das sind einmalige Begegnungen, die beiden helfen und diese Reise besonders machen.

 

Gab es einen Moment, in dem Du Dein Vorhaben abbrechen wolltest?

Ich habe mich schon ab und zu mal verloren gefühlt, aber meistens passiert in dem Moment dann so eine Begegnung oder etwas anderes Gutes. Aber an dem Punkt, dass ich gesagt hätte, ich gehe nach Hause, war ich noch nicht. Da müsste schon einiges schieflaufen. Bisher überwiegen bei mir die schönen Tage, die ich unterwegs habe.

 

Kannst Du von Deinen Reise etwas für Dein weiteres Leben mitnehmen?

Ja, es ist eine gute Lebensschule. Man lernt handwerklich sehr viel, aber man nimmt vor allem Erfahrungen mit. Ich denke, alle Wandergesellen sehen sich zu einer bestimmten Zeit mit den gleichen Problemen konfrontiert. Das macht dich stark und gibt gleichzeitig ein Gefühl der Verbundenheit, weil man weiß, dass man nicht allein mit seinen Sorgen ist.

 

Vervollständige bitte folgende Sätze:

  1. Mein Zuhause … ist ziemlich schön.
  2. In meiner Kluft … fühle ich mich wohl unter Leuten.
  3. In einem halben Jahr … bin ich Gott weiß wo.
  4. In Leipzig … werde ich heute Abend ein paar Bier trinken gehen.
  5. Mein Leben … ist schön.