… portraitiert Menschen aus Leipzig.
Es werden Leute in den verschiedenen Stadtvierteln interviewt und dazu Bildserien erstellt. Viertelrausch ist das ehrenamtliche Projekt von Effektrausch – einem Büro für Employer Branding und Storytelling.

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Lisa

Inszeniert Ibsens Gespenster im Neuen Schauspiel Leipzig

Lisa | Heilerziehungspflegerin, Theaterregisseurin "Neues Schauspiel Leipzig" | 25 Jahre | aus Potsdam | wohnt seit 6 Jahren in Plagwitz

Wie gestaltet sich Dein Beruf als Heilerziehungspflegerin?

Ich arbeite mit einem 8-jährigen Jungen zusammen, den ich in der Förderschule in Gohlis betreue. Dieses Kind hat leichten Autismus mit Angststörungen gepaart. Man darf sich das so vorstellen: Ich gehe jeden Morgen zur Schule in eine erste Klasse. Hauptsächlich besteht meine Rolle darin, ihm den Unterrichtsstoff nahezubringen und ihn, soweit es möglich ist, beschulter zu machen. Was sehr interessant an diesem Kind ist, ist, dass er sehr kreativ ist. Er hat eine unfassbare Fantasie und erzählt viel von den Dingen, die in seinem Kopf stattfinden und ich bin zeitweise echt neidisch.

Und wie kamst Du zum Theater?

Ich würde sagen mit vier Jahren. Meine Eltern sind unglaubliche Kulturfreaks, vor allem die Familie von meinem Vater. Was Kunst, Lesen, Musik und Theater angeht, waren sie sehr erpicht darauf, dass ihre kommende Generation nicht ganz so verblödet. Ich bin auf eine künstlerische Grundschule gegangen. Diese Schule förderte hauptsächlich den künstlerisch-kreativen Teil der Kinder, demzufolge habe ich im Chor gesungen, getanzt, usw. Das mit dem Klavierspielen lernen hat auch nicht so funktioniert wie es sollte. Ich war viel zu ungeduldig und ab dem Punkt der Notenlehre hörte es dann ganz auf. Durch diverse Schulaufführungen habe ich sehr viel mitgegeben bekommen. Dinge, wie richtig sprechen, auf den Takt hören, Sprache mit dem Körper gemeinsam einsetzen – quasi das Stehen und Gehen auf öffentlichen Bühnen. In Leipzig begann nach einer längeren Pause von Kunst und Kultur das Spielen in der Baumwollspinnerei. Nach einigen Produktionen, in denen ich als Laienschauspielerin tätig war, kam mir der Gedanke etwas anderes machen zu wollen. Das Ziel war, meinen eigenen Kopf zu benutzen, weniger auf andere zu hören und es dann so gut wie möglich umzusetzen, sondern selbst diejenige zu sein, die Ansagen macht. Gedacht, getan. Ich bewarb mich blind mit einer Freundin zusammen im Neuen Schauspiel Leipzig mit unserem gemeinsam konzipierten Stück Die Hochzeit. Mittlerweile läuft meine dritte Produktion im Neuen Schauspiel Leipzig und das ist Ibsens Gespenster, die Mitte und Ende März noch einmal zu sehen ist.

Welcher Platz in Leipzig hat für Dich die größte Bedeutung?

Was den Bewegungsradius meiner inneren und äußeren Kräfte angeht, würde ich sagen, das Neue Schauspiel.

Wie hast Du Leipzig lieben gelernt?

Ich komme aus der wohl spießigsten Stadt in Ostdeutschland. Wenn jemand aus Potsdam kommt, ist es wirklich nicht schwer Leipzig zu lieben. Die Potsdamer sind auf ihre Weise sehr kühl und reserviert. Man hat zeitweise das Gefühl, man wäre auf Dauergast und hat sich auch so zu benehmen. Ich bin in einer Stadt aufgewachsen, in der das Geld und der Wohlstand allgegenwärtig sind. Es gibt kaum politische Bewegungen. Zu meiner Zeit war diese Stadt recht meinungslos. Das ändert sich allerdings mittlerweile. Ich muss aber sagen, dass ich schon zu lange weg bin und mein Interesse an dieser Stadt sich ausschließlich um Familie und Freunde dreht.

Mit 19 kam ich dann nach Sachsen und war etwas mürrisch und spätpubertär-aggressiv. Ich begann mein FSJ am Theater der jungen Welt. Dort lernte ich ein Mädchen kennen, das heute noch zu meinem engsten Kreis gehört. Bis zu diesem Moment habe ich noch nie so viele verschiedene Farben an einem Menschen gesehen. Sie war mir sehr aufgeschlossen und fragte mich prompt, was ich hier mache und ob ich denn für diesen Abend schon etwas vor hätte. Nun sagen wir es so, die Leipziger haben mir beigebracht auch mal zu lächeln, Dinge auch einfach mal ohne Grund und Verstand zu tun.

Typisch Leipzig – Was ist Dir aufgefallen?

Die Freundlichkeit. Wenn man hier irgendjemanden fragt, ob er einem helfen kann, sagt kaum jemand: „Nein, mach ich nicht.“ Ich hatte auch nie ein Problem, Anschluss zu finden. „Kommste vorbei, kommste mit! Scheiß drauf, wer ist Lisa? Bring’se mit!“ Man hat weniger das Gefühl, dass man die Fremde ist und dann interessieren sie sich auch noch für dich. Verrückt.

Was macht Plagwitz aus?

Ich wohne schon immer in Plagwitz. Ich bin schon viel hin- und hergezogen, aber immer innerhalb von Plagwitz. Ich kann nicht so genau sagen, warum und wieso, ich denke es hat was mit Nostalgie zu tun. Ich habe hier viel erlebt. Ich mag die Karl-Heine-Straße unglaublich gerne, im Sommer gibt einem dieser Stadtteil immer das Gefühl von ein bisschen Urlaub. Ich fühle mich hier zuhause.

 

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Stell Dir vor, du hättest alle Möglichkeiten der Welt und Du müsstest keine Konsequenzen für Dein Handeln tragen. Was würde dann für Dich das größte Glück bedeuten?

Ich würde mich auf einer Insel in der Karibik einnisten und eine Festival- und Theaterwelt eröffnen. Den ganzen Tag am Strand liegen, bekloppte Stücke schreiben. Abends tanzen gehen und morgens mit Rum wieder anfangen.

Woraus schöpfst Du neue Kraft?

Theater, Sex, Bücher, Musik, gute Partys, Schokolade. Vielleicht auch das zwischenmenschliche Drama. Ich schreibe auch viel, um mit meinem Kopf klarzukommen, aber Inszenieren ist wichtiger. In jedem Stück ist eine Vergangenheitsbewältigung von mir drin. Die einen sehen es, die anderen weniger. Das Schöne ist, wenn ich das Bearbeitete und Verarbeitete dann auf die Bühne gebracht habe, ist in den meisten Fällen auch das ,Problem‘ abgespielt.

Wenn Du eine Sache in unserer Gesellschaft ändern könntest, was wäre das?

Eine? [lacht] Finanzierung von Kultur und Bildung, immer mehr Kürzungen, immer weniger gute Schulen. Vom deutschen Bildungssystem brauchen wir erst gar nicht anfangen. Punkt Nummer zwei: Wir haben immer noch zu wenig Toleranz gegenüber den Flüchtlingen und dem Thema Asylrecht. Siehe den Legida-Mist. Punkt Nummer drei: Die Eheschließung als Homosexueller. Versteht kein Mensch, warum diese Menschen nicht heiraten dürfen. Und damit komm ich zum letzten und dann ist er einmal gut. Die Institution Kirche. Damit meine ich nicht den Glauben oder die Religion. Ich denke bei dem letzten Punkt sind Erklärungen hinfällig. Das erschließt sich von selbst.

Vervollständige bitte folgende Sätze:

  1. In meinem letzten Theaterstück, in dem ich Regie geführt habe, … habe ich, glaube, nicht ganz genau gewusst, was ich da tue.
  2. Letztes Jahr … möchte ich gerne vergessen.
  3. Meine Schauspieler … sind eben Schauspieler.
  4. Wenn ich zu Hause bin, … möchte ich oft sehr schnell wieder weg.
  5. In Leipzig … habe ich angefangen, möchte es hier aber nicht zu Ende bringen.
  6. Mein Leben … ist eine absurde Mischung aus Selbsthass und Größenwahn.