… portraitiert Menschen aus Leipzig.
Es werden Leute in den verschiedenen Stadtvierteln interviewt und dazu Bildserien erstellt. Viertelrausch ist das ehrenamtliche Projekt von Effektrausch – einem Büro für Employer Branding und Storytelling.

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Manuela

Das Label Queer ist fast schon chic geworden

Manuela | Psychosoziale Beraterin | 40 Jahre | aus Hünfeld (Hessen) | wohnt in Leutzsch

Was ist deine aktuelle Tätigkeit?

Ich arbeite als Berater*in im Rosalinde Leipzig e.V. – dort bin ich für ein Projekt zuständig, dass „Que(e)r durch Sachsen.  Mobile Beratung im ländlichen Raum“ heißt. Ich fahre also raus in die Landkreise und biete vor Ort psychosoziale Beratung an. Leipzig, Nord- und Mittelsachsen sind meine Regionen. Im Prinzip sind es die gleichen Beratungen, die mein Kollege Tammo Wende in Leipzig anbietet. Unsere Zielgruppe sind LSBTIQA*-Personen, also lesbische, schwule, trans* und intergeschlechtliche Menschen, queere Menschen und asexuell/aromantische Personen. Außerdem Angehörige, Zugehörige und Multiplikator*innen. Ein ziemliches breites Feld von Personen und Bedürfnissen also. Meist kreisen die Themen zwischen sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität und queerer Lebensweise. 

 

Was versteht man unter Multiplikator*innen?

Das sind Schulsozialarbeiter*innen, Lehrkräfte, Fachkräfte z.B. von Unterbringungseinrichtungen, aber auch Mitarbeitende von Behörden. Alle die, die über LSBTIAQ* bezogene Themen stolpern und dann zu uns kommen, um ein- oder weiterführende Informationen zu erhalten. Entweder geht es dann um konkrete Rat suchende Personen oder wir sind im Landkreis aktiv und wollen in Kooperation kommen.

 

Salopp gefragt – Warum braucht Leipzig den RosaLinde Leipzig e.V. immer noch? 

Es hat sich in den letzten Jahren gesellschaftlich sehr viel verändert. Einerseits gibt es eine zunehmende Offenheit und Diversität. Das Label Queer ist fast schon chic geworden. Trotzdem fehlt es quasi an flächendeckenden Strukturen, die sich um die Belange von LSBTIQA*-Personen kümmern. Andererseits leben wir auch noch immer in einer sehr heteronormativ geprägten Gesellschaft. Binäre Geschlechtervorstellungen, die gesetzte Annahme das Gegengeschlecht begehren zu müssen und tradierte Vorstellungen von Familie sind in den Köpfen stark verankert. Analog dazu sind viele Angebote und Infomaterialen eben gestrickt. Und solange das der Fall ist, fehlt es an Sichtbarkeit für andere diverse Lebensweisen und Themen.

 

Vor welcher Herausforderung steht ihr gerade?

Wir sind als Verein in den letzten Jahren stark gewachsen. Es gibt eine große Nachfrage für unsere Angebote. Wir könnten dauerhaft expandieren und sind ein ziemlich umfassendes Team von Hauptverantwortlichen geworden. Trotz des großen Bedarfs gibt es jedoch Finanzierungsschwierigkeiten. Die meisten Förderungen sind Projektförderungen und somit auf ein  Kalenderjahr begrenzt. Wir stehen also alle 12 Monate vor der Frage, ob es im nächsten Jahr weitergeht. Wir müssen aktuell nicht darum bangen, aber eine grundlegende Planungssicherheit für die nächsten Jahre gibt es eben nicht. Das kennen leider viele soziale Projekte. Alternative Fördermöglichkeiten oder auch institutionalisierte dauerhafte finanzielle Absicherungen sind also auf jeden Fall ein Thema. Es ist jedoch nicht unser Ziel, über das Werben von Mitgliedern und den entstehenden Mitgliedsbeiträgen vom Staat unabhängig zu werden. Eine solche Mitglieds-Kampagne hat jedoch z.B. den Vorteil,  der Community einen Raum zu geben und Angebote zu schaffen, um sich zu verwirklichen, zu vernetzen und Sichtbarkeit herzustellen. Dabei muss es nicht immer um Geld gehen. 

 

Was kann – im besten Fall – durch eure Arbeit in Leipzig entstehen? 

Eine große, queere Familie, in der alle sich kennen und es Anlaufstellen gibt, die sich ganz klar als queerfreundlich positionieren. In der Rosalinde gibt es die Möglichkeit, Gruppen zu gründen – das können politische Projekte, aber auch Selbsthilfegruppen sein oder andere Ideen umgesetzt werden. Wir sind dabei als Verein die Anlaufstelle, über die man sich organisieren kann und beispielsweise Veranstaltungen oder regelmäßige Treffen plant. So bespielen wir die Stadt in Sphären, die kulturell oder inhaltlich Bedarf haben. Das können zum Beispiel auch queere Partys oder Filmvorführungen sein. Im besten Fall agieren Leipziger*innen über unseren Verein und bekommen dabei eine Sicherheit und Bestärkung für das eigene Schaffen. Insgesamt geht es auch darum, noch viel, viel mehr Selbstverständlichkeit zu schaffen, sich zu vernetzen und miteinander in Austausch zu treten, einen Raum zu schaffen, der Schutz und Sicherheit bietet, wie z.B. in unseren Jugendgruppen.

 

Jede Person kann sich also genau so einbringen, wie sie Bock hat?

Im Moment ist es durch Corona natürlich schwierig. Aber wir sind auf jeden Fall immer offen für neue Konzepte und Ideen. 

 

Wenn ich als neues Mitglied zu euch komme, was passiert dann als erstes?

Du könntest uns eine Mail schreiben und an der sogenannten Vorstandssprechstunde teilnehmen. Da laden wir dich dann persönlich ein, stellen die Struktur der Rosalinde vor und erklären, wie und wo du partizipieren kannst. Wir erfahren so aber auch, was du zu uns mitbringst. So kannst du gucken, wo du bei uns andocken möchtest. Momentan findet diese Sprechstunde digital statt. Externe Anfragen und Ideen besprechen wir im Plenum und erörtern, wie wir sie einbinden können. 

 

Wie verortest du dich denn?

Keine leichte Frage. Ich glaube, eigentlich sage ich immer „queer“. Aber das ist auch ein Begriff, hinter dem man sich gut verstecken kann. Viele Leute denken, dass sie schon wüssten, was ich damit meine und fragen nicht weiter nach. Anders sieht es aus, wenn ich mich als bi- oder pansexuell bezeichne. Ich mag „bi“ als Wort tatsächlich nicht so sehr. Ich weiß nicht, ob das eine internalisierte Bi-Feindlichkeit ist. Aber die Leute fangen dann auf jeden Fall an zu fragen: „Ach, heißt das dann das und das?“ Bisexualität wird oft missverstanden und missinterpretiert. Da gibt es viele Vorurteile. Meine Antwort hängt auch immer davon ab, wie viel Lust ich auf Erklären und das Aushalten der großen Fragezeichen habe. Manchmal sage ich auch „nicht monosexuell“.

 

Kannst du die Begriffe „queer“, „pansexuell“ und „nicht monosexuell“ bitte einmal erklären?

Bisexuell bedeutet, dass Menschen mehr als ein Geschlecht begehren. Und pansexuell ist die Erweiterung zu sagen, dass das Begehren unabhängig vom Geschlecht ist: „Ich finde Leute cool. Ich finde Leute attraktiv. Das liegt aber an mehr Faktoren als nur dem Geschlecht.“ Ich bin zum Beispiel ein Mensch, der stark darauf reagiert, wie sich Personen bewegen, sprechen, agieren. Onlinedating ist darum nicht so mein Ding, weil ich mit Fotos allein nicht viel anfangen kann. Die Silbe „bi“, die auf ein binäres Geschlechtssystem hinweist, kann zu Missverständnissen führen – sind Trans*personen mitgemeint? Ist das trans*feindlich? Heterosexuellen wird das zum Beispiel nie explizit vorgeworfen. Monosexuell ist ein Begriff, der nicht viel verwendet wird. Man spricht davon, wenn man entweder homosexuell oder heterosexuell ist. Man hat sich also klar entschieden.
Queer ist ein ziemlich politischer Begriff. Das gefällt mir ganz gut daran. Es umfasst das Brechen von bestehenden Strukturen und Kategorien – Heterosexismus, Geschlechterkategorien und so weiter. Sich aus der politisch-aktivistischen Perspektive mit Sexualität und Geschlecht auseinanderzusetzen und widerständig zu sein – das wäre meine Interpretation. Sicherlich ist queer aber auch ein Sammelbegriff und dadurch wiederum unkonkret. Von meiner Arbeit in den Landkreisen weiß ich auch, dass viele Menschen die Bezeichnung überhaupt nicht kennen. Je jünger die Leute sind, desto eher können sie damit was anfangen, würde ich sagen.

 

Wann hast du gemerkt, dass du nicht heterosexuell bist?

Spät. Ich glaube, ich war über 20. Es ist nicht so, dass ich mir über die Möglichkeit nicht bewusst gewesen wäre. Aber ich hatte einfach kein queerfreundliches Umfeld, das die Überlegung angeregt hätte. So kommt es mir zumindest in der Retrospektive vor. Menschen, die anders begehren, gab es in meiner Umgebung sicherlich. Aber damals war die Atmosphäre so, dass niemand darüber gesprochen hat. Später in der Schule hatte ich Freund*innen, die sich als lesbisch oder schwul geoutet hatten. Und obwohl ich Frauen schon immer attraktiv fand, war das für mich zu dem Zeitpunkt einfach noch kein Thema. Und bis ich das erste Mal sexuell und amourös mit Nicht-Cis-Männern Kontakt hatte, ist noch viel Zeit vergangen. Das liegt vielleicht aber auch daran, dass ich eine sehr lange Beziehung mit einem Cis-Mann führe und somit auch vornehmlich als Hetera gelesen und adressiert werde. Darum habe ich lange gebraucht, es mir „einzugestehen“ bzw. so aufzutreten, weil es nie diesen Coming-Out-Moment bzw. Prozess gab.

 

Wie verlief dein Weg damals – wie kam es zum ersten Kontakt mit einem „Nicht-Cis-Mann“?

Es lief schleichend. Auf Partys habe ich nicht mehr Ausschau nach Cis-Männern gehalten, trotz meiner Beziehung zu einem. Und dann habe ich gemerkt, dass ich gar nicht groß darüber sprechen muss, weil mein Umfeld mittlerweile recht queer ist und ich da nichts „erklären“ muss. Vereinsstrukturen habe ich da nie so genutzt, bzw. hat es sie in meiner Jugend nicht gegeben. Es kam sicher nicht zufällig, aber mein Freund*innenkreis wurde immer queerer. Ich würde sogar sagen, dass ein Großteil meiner Freund*innen queer sind. Über feministischen Aktivismus, Sport und Musik kam es dann beispielsweise zu Kontakten. 

 

Was waren für dich Herausforderungen in diesem Prozess?

Ich glaube, es ist immer noch ein Thema für mich, warum ich meine Sexualität nie aktiv nach außen getragen habe. Vielleicht hatte ich Angst, dass ich dann automatisch die Beziehung verleugne, in der ich aktuell lebe. Diese  ambivalenten Gefühle und die Suche nach einer klaren Haltung, wenn man kein „herkömmliches“ Coming-Out hatte, ist wohl etwas ganz Klassisches bei Personen, die bisexuell sind – Sich permanent zu fragen, ob man nun eigentlich wirklich queer oder queer genug ist. Und das fällt mir auch heute immer noch schwer und ist sehr kontextabhängig. Meinen Eltern zum Beispiel habe ich nie etwas gesagt. Wir haben auch nicht so einen engen Kontakt. Aber wenn man in deren Augen immer als Hetera auftritt, kommt man auch nicht in die Situation, sich erklären zu müssen oder sich selbst zu behaupten. Wenn ich sehr streng mit mir bin, denke ich, ich bin in diesem Punkt zu bequem und feige. Wenn ich milde mit mir bin, weiß ich, ich bin niemandem eine Erklärung schuldig und darf auch ambivalente Gefühle haben und auch mal den einfacheren Weg gehen, solange ich mir und den Menschen, mit denen ich in Beziehung bin, transparent und integer gegenüber bin…Es ist komplex.
Und nun bin ich in Kreisen unterwegs, in denen queeres Begehren sowieso akzeptiert wird und der Bedarf, sich klar zu verorten, nicht besteht. Leute, die ich jetzt kennenlerne, nehmen mich sicherlich als queer wahr und heute würde ich es auch einfach sagen. Da tappe ich nicht mehr in diese Falle.

 

Was bedeutet dir dein Job?

Schon viel, aber ich möchte mir auch immer bewusst machen, dass es auch meine Lohnarbeit ist und Lohnarbeit nicht den höchsten Stellenwert in meinem Leben einnehmen soll. Aber es ist auch nicht einfach nur ein Job. Ich wollte gerne queere Arbeit machen und bin superfroh, dass mir das möglich ist und ich so viel freien Gestaltungsspielraum in der RosaLinde habe, das nehme ich nicht als selbstverständlich hin. Die Arbeit ist politisch und das mag ich sehr. Nichtsdestotrotz ist es auch Lohnarbeit und ich kenne meine Grenzen – zum Beispiel, was Überstunden angeht. Dennoch identifiziere ich mich sehr mit dem, was ich dort tue und finde es wichtig, etwas zu machen, was auch mit mir zu tun hat. Ich möchte mit meinen Überzeugungen hinter meiner Arbeit stehen und etwas tun, das Einfluss ausübt.

 

Kannst du dich an eine Geschichte erinnern, die dich berührt hat und bei der du gemerkt hast, dass deine Arbeit regional oder individuell etwas verändert? 

Ich wohne erst seit vier Jahren in Leipzig, darum kann ich aus der Rosalinde-Perspektive nur Vermutungen anstellen, in welchem Maße unsere Arbeit auf Leipzig und das Umland innerhalb der letzten 30 Jahre gewirkt hat. Aber es gibt schon immer wieder Einzelpersonen, die uns positive und wertschätzende Rückmeldung geben. Konkret im Bereich der Beratung gibt es oft Menschen, die keinen Rückhalt in der Familie haben. Und für die ist es total wichtig, dass jemand da ist und sagt „Was du fühlst ist richtig und gut. Du bist nicht falsch und du bist nicht alleine. Wir können dich dabei unterstützen, deinen Weg zu gehen.“ Oft ist es bei transgeschlechtlichen Jugendlichen so, dass wir ihnen helfen Unterstützung von ihrem Elternhaus zu bekommen, dass sie ein gutes Coming-Out in der Schule haben und dass es einen möglichst barrierearmen Zugang z.B. zu wichtigen Strukturen der Gesundheitsversorgung gibt. 

 

Warum bist du nach Leipzig gekommen?

Ich habe in Merseburg Angewandte Sexualwissenschaften studiert und habe darüber ein paar Leute in Leipzig kennengelernt, mit denen ich mich angefreundet habe. Vorher habe ich sehr lange in Köln gelebt, da fiel mir irgendwann die Decke auf den Kopf. Ich habe dann überlegt, welche Städte ich mir vorstellen könnte. Berlin war mir zu groß und ging einfach nicht mehr für mich. Hier in Leipzig kannte ich auch über den Musikkontext bereits Leute, bei denen ich mir vorstellen konnte, die Freund*innenschaft zu intensivieren. Dann habe ich eine Stelle hier bekommen und es haben sich noch viele andere Dinge ergeben. So kam eins zum Anderen. Mittlerweile lebe ich in einem Hausprojekt und arbeite inzwischen beim Rosalinde Leipzig e.V..

 

Vervollständige bitte folgende Sätze:

  1. In zehn Jahren ist die Rosalinde… ein Verein, der sehr vielfältig den Wünschen und Bedürfnissen der queeren Szene in Leipzig (und Umland) entspricht und sich selbst trägt.
  2. Heute Abend… werde ich mir eine coronakonforme Sportalternative suchen müssen.
  3. Vor zehn Jahren… sah die Welt noch ganz anders aus. 
  4. In Leipzig… fühle ich mich immer mehr zu Hause.
  5. Mein Leben… bringt immer wieder neue Herausforderungen und Überraschungen.