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Lesben in der DDR

Maria Bühner | wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig, forscht zum Thema "Lesbische Subjektwerdung in der DDR"

Dieses Interview ist in Kooperation mit dem Leipziger Lichtfest im Lichtstudio im Museum der bildenden Künste entstanden. Das Lichtfest erinnert jedes Jahr am 9. Oktober an die Friedliche Revolution von 1989.

 

Gab es Lesben in der DDR?

Natürlich gab es Lesben in der DDR. Das ist eine Frage, die mir besonders am Anfang meiner Forschung vor rund fünf Jahren öfter gestellt wurde. Die Problematik dieser Frage liegt vor allem darin, dass die Lesben eben nicht wirklich sichtbar waren. Die Sichtbarkeit von Lesben ist auch heute noch nicht an einem Status quo angelangt, der erstrebenswert wäre. In der DDR war das nochmal besonders schwierig, da es faktisch keine Versammlungs-, Vereinigungs- oder Veröffentlichungsfreiheit gab. Bis die evangelische Kirche sich in den 1980er Jahren für die lesbischen und homosexuellen Arbeitskreise geöffnet hat, gab es keine Orte für diese Gruppen. Und auch die Medien öffneten sich erst zögerlich in den 80ern für dieses Thema. Viele lesbisch lebende Frauen sprechen davon, dass sie nicht einmal ein Wort für ihr Begehren hatten und sie ein Gefühl von Isolation empfunden haben.

 

Haben sich die Lesben letztendlich trotzdem irgendwie zusammengefunden?

Queers und Feminist*innen waren und sind noch heute sehr gut darin, Netzwerke – besonders informeller Natur – herzustellen. Das hängt natürlich stark mit gesellschaftlicher Diskriminierung und ihren Erfahrungen damit zusammen, da sie durch die Netzwerke der Isolation entgegenwirken konnten. Besonders in den 50er und 60er Jahren waren das meist Kreise von Freund*innen, die sich getroffen haben, zu denen wir allerdings in den Archiven leider nur sehr wenige Dokumente haben. In den 70er Jahren gab es dann in Berlin eine Gruppe mit dem Namen Homosexuelle Interessengemeinschaft Berlin. In den 1980er Jahren gab es dann vermehrt Homosexuellengruppen und auch eigenständige Lesbengruppen.

Damals ist man eher durch Zufall auf andere gestoßen, durch Aushänge in den Kirchen oder man hat von jemandem davon gehört. Ein wichtiges Medium zur Kontaktaufnahme generell waren verschlüsselte Kontaktanzeigen, die jedoch zeitweise verboten waren. In der Wochenpost gab es zum Beispiel Heiratsinserate und dann noch eine Sektion für Brieffreundschaften. Und das haben homo- oder bisexuelle Menschen für sich genutzt. Dabei gab es bestimmte Codewörter, jedoch war nicht immer klar, ob der oder die Lesende auch wusste, wie diese zu entschlüsseln waren. Ab einem bestimmten Punkt war das nicht mehr erlaubt. 

 

War es in der DDR verboten, lesbisch zu sein?

Ich denke, man kann die Geschichte der Lesben der DDR nicht losgelöst von dem erzählen, was vorher passiert ist. In den 1920er Jahren entwickelte sich in Berlin und anderen großen Städten eine blühende queere Subkultur mit einer Vielzahl an Bars und eigenen Zeitschriften. Das Institut für Sexualwissenschaften und der  Bund für Menschenrecht setzen sich für eine Anerkennung und Entkriminalisierung lesbisch-schwul-transgeschlechtlichen Lebens ein. Das alles wurde allerdings von den Nazis zwischen 1933 und 1945 sehr effektiv zerstört. Tausende schwule Männer wurden beispielsweise durch den Paragrafen 175 zu Gefängnisaufenthalten und KZ-Haft verurteilt. Das hat die Frauen nicht in einem solche Maße betroffen, aber trotzdem ist zu dieser Zeit etwas zerstört worden, was vorher da war. Der 8. Mai 1945 war für queere Menschen kein Tag der Befreiung. Ganz im Gegenteil, dieser verschärfte Paragraf 175 blieb bestehen in der BRD. In der DDR wurde er 1950 entschärft, aber trotzdem gab es auch bis in die 1950er Jahre hinein noch Verfolgungen von vermeintlich schwulen Männern – in der BRD noch mehr als in der DDR. 1968 wurde der Paragraf 175 in der DDR dann im Zuge der Strafrechtsreform abgeschafft. Dafür gab es aber den 151, mit dem “sexuelle Handlungen” zwischen einer minder- und einer volljährigen Person gleichen Geschlechts unter Strafe gestellt wurden. Das betraf dann potentiell auch Lesben und wirkte stark stigmatisierend. Neben der strafrechtlichen Verfolgung gab es aber noch andere Wege, Menschen zu isolieren, indem beispielsweise nicht zugelassen wurde, dass sie sich organisieren und es keine mediale Repräsentation gab. In den 50er und 60er Jahren kam es definitiv zu Disziplinierungsmaßnahmen bei Bekanntwerden des Lesbisch-Seins. Sie wurden zum Beispiel gezwungen, ihr Studium abzubrechen. Mal ganz abgesehen von der Homosexuellenfeindlichkeit, an der man nichts ändert, wenn man so tut, als wären Homosexuelle nicht da. 

 

Welche Gruppen gab es in der DDR?

Es gab in den 1980ern die schon erwähnten Arbeitskreise Homosexualität, in denen Männer und Frauen zusammengearbeitet haben. Es entwickelten sich daneben eigenständige Lesbengruppen. Die erste davon, die Lesben in der Kirche schon 1982/83. Hauptziel solcher Gruppen war die Verbesserung der Lebenssituation und Sichtbarkeit von Lesben und Schwulen. Das reichte von der Forderung nach Kontaktanzeigen bis hin zur Thematisierung in den Ehe- und Sexualberatungen und der Anerkennung homosexueller Opfer des Faschismus. Aber es gab auch noch weitere Themen wie die Forderungen, dass Homosexuelle bei der Wohnungsvergabe nicht mehr benachteiligt werden sollten und nach der Abschaffung des Paragrafen 151. Jenseits dieser Forderungen ging es den Gruppen aber vor allem darum, das Thema überhaupt sichtbar zu machen. Der große Vorteil daran, sich in der evangelischen Kirche zu treffen war, dass diese Gruppen dort nicht alleine waren, sondern es gab Friedenswerkstätten, Netzwerke und vor allem andere politisch aktive Gruppen. Die Homosexuellen- und Lesbengruppen müssen als ein Teil der Oppositions- und Bürgerrechtsbewegung begriffen werden. Zum Teil wird ihr Aktivismus in historischen Darstellungen abgetan als vermeintlich unpolitische Selbsthilfe, aber an der Regulation und der Einschränkung von Menschen in Bezug auf ihre Sexualität ist nichts privat oder persönlich, sondern das sind hochbrisante, zutiefst politische Themen. Die Lesbengruppen waren auch ein wichtiger und aktiver Teil der staatsunabhängigen Frauenbewegung der DDR. Die Solidarität unter den Gruppen zeigte sich besonders in der Wendezeit, wo es zwar einzelne Frauengruppen mit eigenständigen Zielen gab, die sich aber zusammenschlossen, unter anderem in der Fraueninitiative Leipzig und DDR-weit im Unabhängigen Frauenverband.

In Leipzig gab es außerdem noch eine Minderheiten-Komission am Runden Tisch, die auch lesbenpolitische Themen mit auf die Agenda setzte. Die Gruppen waren wichtige Vorreiter für die rechtliche Gleichstellung von hetero- und homosexuellen Partner*innenschaften, die wir ja leider aber noch heute nicht gänzlich erreicht haben, und forderten Sichtbarkeit in den Medien.

 

Ich bin auf ein Zitat aus der Lesbenpost gestoßen: ‚Wir müssen darauf aufmerksam machen, dass es Lesben gibt, dass es viele Lesben gibt und dass es selbstverständlich sein sollte, dass es uns gibt.‘ Das klingt fast wie ein Satz, der aus diesem Jahr stammen könnte. Wie steht es heute um die lesbische Sichtbarkeit?

Es gibt eine unglaubliche Geschichtsvergessenheit, weshalb man manchmal das Gefühl hat, einige Debatten werden immer wieder geführt. Kurz etwas zu der Zeit, aus der dieser Satz stammt. Gruppen wie die Lila Pause und Buntes Archiv, eine andere Lesbengruppe, die in Leipzig in der Wendezeit aktiv war, wurden nicht als eingetragene Vereine anerkannt und konnten deshalb selbst keine Gelder beantragen. Auch die Stelle einer Lesbenbeauftragten wurde nur in Leipzig gegen große Widerstände geschaffen. Sichtbarkeit musste also erkämpft und hart erarbeitet werden. Einerseits war also der politische Wille da, aber es gab gleichzeitig viele Blockaden und Hürden, die überwunden werden mussten. Das Thema der Sichtbarkeit von Lesben ist zur Zeit wieder besonders aktuell, was vor allem an dem Buch Lesben raus! Für mehr lesbische Sichtbarkeit, herausgegeben von Stephanie Kuhnen, liegt. Ich finde solche Debatten enorm wichtig, aber ich frage mich in Bezug auf Sichtbarkeit auch immer, wer soll da sichtbar sein? Über wessen Sichtbarkeit sprechen wir, wenn wir von lesbischer Sichtbarkeit sprechen? Es gibt so viele Menschen, die bisexuell, queer, transgeschlechtlich, intersexuell und/oder nicht-binär sind. Und auch diese Identitäten können mit Lesbisch-Sein verknüpft sein. Wenn diese Menschen oder beispielsweise auch Lesben of Colour nicht mit sichtbar gemacht werden, läuft das wieder in eine falsche Richtung, denn Menschen, ihre Identitäten und Erfahrungen lassen sich nicht auf eine bestimmte Kategorie herunterbrechen.

 

Was haben die Gruppen damals unter ‚lesbisch‘ verstanden und was bedeutet es heute?

In den Gruppen gab es eine Politisierung von Homosexualität. Das hängt auch eng mit der Idee von einem Coming Out zusammen, die für uns heute ganz normal ist. Aber auch diese Praxis hat ihre Geschichte. Die Gruppen haben Lesben als Frauen verstanden, die Frauen begehren. Heute reden wir darüber zum Teil anders und Menschen identifizieren sich viel diverser. Das liegt unter anderem daran, dass wir heute viel mehr Wörter für diese Diversität haben. Natürlich gab es damals schon mehr als Hetero- und Homosexuelle, aber es fehlten die Wörter dafür. Ich denke, dass ‚lesbisch‘ heute viel queerer aufgefasst wird als damals. Ein Beispiel: Nicht alle Menschen, die sich heute als lesbisch identifizieren, verstehen sich auch als Frau.

 

Wie schätzt Du heute im Vergleich zu damals die Sicherheit von Lesben im öffentlichen Raum ein?

Die Neonazi-Gewalt der 90er Jahre richtete sich besonders gegen Schwarze Menschen, People of Colour und Migrant*innen, aber auch explizit gegen Lesben und Schwule. Letztendlich hat aber auch da nur Solidarität geholfen, indem sich Gruppen zusammengeschlossen, Schutzkonzepte ausgearbeitet haben und lautstark antifaschistisch demonstrierten. Tendenziell gab es eine Entwicklung hin zu mehr Akzeptanz und damit wurde auch der öffentliche Raum sicherer. Mit der Einführung der ‚Ehe für alle‘ kam es aber laut einer Studie, die ich letztens gelesen habe, wieder zu einer Zunahme von Homofeindlichkeit. Es gibt auch für Sachsen Studien, die zeigen, dass mehr als jeder Dritte denkt, Homosexualität sei unnatürlich und ekelhaft. Eine ganz aktuelle Studie zu Gewalterfahrungen von der LAG Queeres Netzwerk Sachsen hat deutlich gezeigt, dass sehr viele Queers in Sachsen Gewalt erlebt haben. Insofern wäre es falsch zu behaupten, dass es hier nur ein Klima der Akzeptanz und Sicherheit gibt. In den letzten Jahren gibt es laut den Beratungsstellen wieder Zunahmen an gewalttätigen Übergriffen gegenüber Queers, was viel mit der Hetze von Rechts zu tun hat. So kann Sichtbarkeit auch schnell gefährlich werden.

 

Warum ist es für Dich als Person und für die Wissenschaft generell wichtig, dass solche Themen aufbereitet werden?

Geschichte sollte immer im Plural und nicht für bestimmte Gruppen erzählt und erforscht werden, denn es gibt nicht die eine Geschichte. Und nur weil eine Gruppe nicht die Mehrheit ist, heißt das nicht, dass sie es nicht wert ist, ihre Geschichte zu erforschen und zu erinnern. Queere Menschen haben es verdient, dass ihre Geschichte sichtbar ist. Bis in den 70er Jahren in Westdeutschland die feministische Bewegung kam, hat die Geschichtswissenschaft es geschafft circa 50 Prozent der Menschheit nahezu komplett zu ignorieren — nämlich Frauen*. Und auch damit man nicht immer wieder die gleichen Kämpfe und Debatten führen muss, ist es wichtig, diese zu dokumentieren und daraus zu lernen. Dann liegt mir da auch noch etwas anders am Herzen: Wir wissen, dass Jugendliche, die homo-, bisexuell oder trans sind, ein ungleich höheres Suizid-Risiko als ihre Altersgenoss*innen haben, weshalb es besonders für junge Menschen auch von Bedeutung ist, zu sehen, dass es auch zu früheren Zeiten schon Menschen gab, die wie sie waren und sich mutig für gesellschaftliche Veränderungen eingesetzt haben. Solche Vorbilder sind enorm wichtig. 

 

Was wäre Dein Wunsch für das Lichtfest aus der Perspektive der Sichtbarkeit?

Ich würde mir wünschen, dass der Arbeitskreis Homosexualität Leipzig, der als einer der ersten Arbeitskreise Homosexualität in der DDR 1982 entstanden ist, mehr gesehen wird. Und auch die explizit lesbischen Gruppen Lila Pause und Buntes Archiv sowie die Fraueninitiative Leipzig sollten ein sichtbarer Teil der Erinnerungskultur um 89/90 in Leipzig werden. Der Leipziger Verein Rosa-Linde ist auch schon in der DDR entstanden und leistet bis heute wichtige Arbeit, sei es mit dem Schulprojekt, das über sexuelle Vielfalt aufklärt, oder als Beratungsstelle und Begegnungsort für queere Menschen. Zu erinnern, dass dieses Engagement Geschichte hat und dauerhafter finanzieller Förderung bedarf, damit es das alles auch noch in der Zukunft gibt, ist sehr wichtig. Das Lichtfest ist eine tolle Möglichkeit, uns durch das Erinnern an den Aktivismus und Engagement von damals für die Zukunft inspirieren zu lassen und miteinander in den Austausch zu treten. Dafür braucht es eine diverse Erinnerungskultur, welche die Vielfalt von Gruppen und Menschen, die sich damals beteiligten, sichtbar macht. 

 

Vervollständige bitte folgende Sätze:

  1. Die Lesben von damals … waren mutig.
  2. Meine wissenschaftliche Arbeit … regt hoffentlich die eine oder den anderen zum nachdenken an.
  3. In Leipzig … gibt es viele Menschen, die sich politisch gegen den Rechtsruck engagieren, das finde ich wichtig und toll.
  4. Mein Leben … verbringe ich zur Zeit zwischen Bibliotheken, Archiven und Seen.