… portraitiert Menschen aus Leipzig.
Es werden Leute in den verschiedenen Stadtvierteln interviewt und dazu Bildserien erstellt. Viertelrausch ist das ehrenamtliche Projekt von Effektrausch – einem Büro für Employer Branding und Storytelling.

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Lindenau Plagwitz

Max

St. Eilen Brillen aus Meisterhand

Max Steilen | Optikermeister, baut die einzige komplett 100% in Deutschland gefertigte Brille | 33 Jahre | ist mit 12 nach Leipzig gezogen | wohnt in Lindenau

Wie bist Du auf die Idee gekommen, diese besondere Brille zu bauen?

Ich bin mit meinem kleinen Koffer während meiner Meister-Ausbildung in Norddeutschland immer wieder nach Leipzig gekommen und habe dann gemerkt: „Wow – zuhause“. Und anfängliche Pläne einen Brillenladen aufzumachen, fühlten sich nicht gut an. Alle Ideen und Ideale zum Thema Brille habe ich auf das Beste eingedampft und habe mich entschieden, eine ideale Brille zu fertigen – die perfekte Brille. Entweder sind Brillen schön und schlecht produziert oder gut produziert, aber etwas zu extrovertiert.

Was ist besonders an Deiner Brille?

Die klare Linie und das schnörkellose Design unterstützen die Persönlichkeit des Trägers, ohne ihm ein Markenimage aufzudiktieren. Die nachaltigen Brillen von St. Eilen sind alle matt und auf das Wesentliche reduziert. Ich verkaufe die Brille nur an entspannte Menschen, die schöne Sachen mögen und den Made-in-Germany-Gedanken verstehen. Ich verkaufe die Brillen nicht an Optiker wie das üblich wäre, weil ich Sorge habe, dass diese chinesische Gläser einbauen, um ihren Profit zu optimieren und damit den nachhaltigen Gedanken verwässern. Alle Arbeitsschritte von St. Eilen sollen von Menschen in der Nachbarschaft gemacht werden.

Welcher Platz in Leipzig hat für Dich die größte Bedeutung?

Mir ist jetzt sofort die Karl-Heine-Straße eingefallen. Da bin ich total gerne und die beeindruckt mich auch. Hätte ich einen Brillenladen aufgemacht, hätte ich ihn auch gern dort aufgemacht. Leute, die zu Besuch sind, führe ich gern zum Wackelturm im Rosental. Das ist ein super Spot, um einfach einen Ausflug dorthin zu machen. Ich habe sonst keinen weiteren konkreten Spot.

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24  Leipzig – Was darf man auf keinen Fall verpassen?

Ich selber habe einen alten Ford Granada, so eine olle Karre, 30 Jahre ist der gerade geworden, und ich habe das schon oft spontan gemacht – habe mir aber auch vorgenommen das mal offiziell zu machen –: Stadtrundfahrten anbieten. Die wird dann individualisiert auf die Person, die gerade zu Besuch ist. Da wäre der Wackelturm auch immer noch eine gute Sache und ich würde auf jeden Fall einen Kaffee im Cantona trinken. Cospudener See ist auch eine tolle Sache. Außerdem finde ich es super, mit dem Rad zwischen der Innenstadt durch den Clara-Zetkin-Park zum Wasser zu fahren. Als Tipp: über Nextbike Fahrräder borgen und rumfahren!

Typisch Leipzig – Was ist Dir aufgefallen?

In meiner Vergangenheit habe ich in verschiedenen Städten gelebt und habe auch so eine Achse: Hamburg – Berlin – Leipzig, die ich als wichtige Städte erachte. Ich würde sagen, objektiv betrachtet ist Hamburg die geilste Stadt in Deutschland, aber man muss unheimlich ins Hamsterrad, um da ein normales schönes Leben zu haben. In Berlin geht man schnell verloren und in Leipzig ist alles sehr, sehr ausgewogen. Ich würde sagen, der Hamburger findet sich selber toll und ist mit sich zufrieden und Understatement ist da auch eine wichtige Sache. Wenn er denkt, dass er cool ist, geht er zum Feiern nach Berlin. Der Berliner findet selber alles supergeil und weiß gar nicht, dass es andere Städte gibt, und feiert nur sich selber. Der Leipziger ist mit seiner Stadt im Einklang. Leipzig steht für bescheidene und zufriedene Menschen.

Was macht Lindenau / Plagwitz aus?

Plagwitz / Lindenau ist ein Gärteich für alles. Da leben alle buntgemischt und dadurch gibt es keinen Überhang – es gibt keinen Stärkeren. Da gibts Hippies, da gibts ein paar Snobs, da gibts ein paar Punker, da gibts ein paar Nazis. Das ist alles total kunterbunt. Es muss sich kein Neuankömmling doof fühlen. Das hat Potenzial für alles. Ich würde sagen, dass es ein toleranter Stadtteil ist.

Wie hat sich Leipzig in den letzten Jahren verändert?

Es hat auf jeden Fall seine Stärken ausgebaut und damit werden die Schwächen übertüncht. Ich würde sagen, es ist für jeden jeder Altersklasse eine reizvolle Stadt – was man natürlich nicht immer jedem sagen soll. Aber es ist ein Fakt, dass es schön ist, hier zu leben und je nachdem, welchen Anspruch man hat, findet man hier eine passende Ecke.

Stell Dir vor, du hättest alle Möglichkeiten der Welt und du müsstest keine Konsequenzen für dein Handeln tragen. Was würde dann für Dich das größte Glück bedeuten?

Ich hätte gerne eine Lebenssituation oder eine Wohnsituation inklusive nicht weit entfernter Arbeitssituation, wo mehr Platz ist. Ein Atelier, wo man auch im Hof einen Bus parken kann oder so etwas. Das fände ich gut. Aber das geht auch in Leipzig. Das war der egoistische Teil. Auf die Welt bezogen wünsche ich mir, dass alle eine weltoffene Ausbildung genießen können.

Woraus schöpfst Du neue Kraft?

Um es geschäftlich laufen zu lassen, ist es generell nicht verkehrt, mal seinen Kopf aus dem Fuchsbau rauszustrecken und eine Bahnreise zu machen und im Zug mit Leuten zu sprechen, die man trifft. Freunde sind auch eine gute Sache, um persönlich einfach gut drauf zu kommen. Ich denke jetzt an Existenzängste. Da kann man sich ja in Leipzig auf einem bescheidenen Weg, ohne dass das eine Geldsache oder eine Statussache ist, unter Leute setzen, von denen man Support erwarten kann. Der Austausch ist der Nährboden für alles.

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Hast Du ein Lebensmotto?

Ich hätte beinahe #yolo gesagt, weil ich großer McFitti-Fan bin, aber das wäre nur ironisch. Balance ist wichtig, megawichtig. Meinem Umfeld möchte ich nichts Unangenehmes tun, gebe da gern Positives, freue mich auch, wenn ich Positives bekomme und tausche das dann auch, aber ich habe kein Motto. Oder vielleicht Wenn was gehen soll, geht immer was.

Wenn Du eine Sache in unserer Gesellschaft ändern könntest, was wäre das?

Ich glaube ein bedingungsloses Grundeinkommen. Ich denke jetzt so an 1.000 Euro für jeden Erwachsenen. Es ist nicht einfach das umzusetzen, aber erstrebenswert – hat mehr Vorteile als Nachteile. Ja, das würde ich einführen.

Vervollständige bitte folgende Sätze:

  1. Letztes Jahr … habe ich überraschend viele Brillen gemacht.
  2. Als die erste Brille entstanden ist, … war ich total stolz darauf, dass derjenige, der sie bekommen hat auch glücklich damit ist.
  3. Meine Familie … ist gut drauf, aber je bewusster man lebt, desto klarer wird einem auch, dass man sie nicht außer Acht lassen darf.
  4. In Leipzig … fühle ich mich sehr, sehr wohl.
  5. Mein Leben … setze ich nicht über das Leben von anderen und es fühlt sich gut an.