… portraitiert Menschen aus Leipzig.
Es werden Leute in den verschiedenen Stadtvierteln interviewt und dazu Bildserien erstellt. Viertelrausch ist das ehrenamtliche Projekt von Effektrausch – einem Büro für Employer Branding und Storytelling.

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Pavel

Herz auf, Kopf an

Pavel | Altenpfleger | 27 Jahre | aus Altenburg | wohnt in Lindenau

Mit welchem Ort verbindest Du ganz viel in Leipzig?

Mit der Karl-Heine-Straße – mit der Mentalität und den Bars hier. Auch der Tattoowierladen, an dem wir uns getroffen haben – der gehört einem Freund. Mit dem mache ich ganz viel, sitze mit ihm im Noch Besser Leben und wir trinken ein Bier zusammen und quatschen. Auch die Sachsenbrücke finde ich klasse. Da gibt es viele nette Leute und musikalisch ist dort viel los. Dort habe ich meine erste Band gesehen, die Hardcore akustisch gespielt hat.

Spielst Du selber in einer Band?

Ich spiele in zwei Bands. Einmal bei Direct Threat. Das ist mein Hauptprojekt. Da bin ich Sänger. Nebenbei spiele ich bei einer anderen Band ein bisschen Bass. Da helfe ich aber nur ein bisschen aus, weil deren Bassist in Australien im Outback spazieren geht und Work and Travel feiert.

Pavel

Du hast uns geschrieben, dass Du gern etwas über die Leipziger Hardcore-Szene erzählen möchtest. Worum geht es denn dabei?

Hardcore ist ein breit gefächertes Spektrum und jeder interpretiert und lebt es für sich selbst. Das fängt schon bei dem Einstieg an. Bei mir kam das durch den Punkrock. Da war ich 12 oder 13 und fand das cool, dass die Jungs da so rumgeschrien haben. Dann habe ich mich weiterentwickelt und angefangen über diverse Sachen nachzudenken. Die Hardcore-Szene ist Ende der 80er in New York entstanden. Man schreit ziemlich viel, die Gitarren sind sehr stumpf und laut. Ein Auftritt einer Band dauert meistens nur 20 Minuten, weil es so anstrengend ist. Das hat mit der Ausdauer zu tun, man feuert in einer Tour die Lieder durch ohne viele Ansagen. Man ist eins mit dem Publikum. Man macht gemeinsam etwas. Meine Interpretation von Punkrock ist Toleranz und Leben. Sie soll Menschen neue Möglichkeiten eröffnen.

Du hast gesagt, dass die Szene für Toleranz steht. Wie kann das aussehen?

Es gibt verschiedene Projekte. Zum Beispiel die Hardcore Help Foundation, die zur Zeit während der Flüchtlingsdebatte helfen und Spenden und Sachspenden sammeln. Es wird auf Leute geschaut, denen es nicht so gut geht. Der Gedanke hinter Hardcore ist nonkommerziell.

Wo findet man die Hardcore-Szene in Leipzig?

Sie ist weit gefächert. Der größte Anlaufpunkt ist das Conne Island. Es gibt auch viele kleine Clubs hier in Plagwitz. Es gibt zum Beispiel in der Gießerstraße Konzerte. Es gibt diverse Orte – im Manfred, im Stö oder im Schuppen. Das sind alles ganz, ganz kleine Locations. Man sieht zum Beispiel manchmal Flyer rumliegen oder erfährt von den Konzerten durch Mundpropaganda.

Kennt man sich innerhalb der Hardcore-Szene?

Die Szene ist in den letzten Jahren stetig gewachsen. Es gibt auch große Firmen, die Hardcore kommerzieller betreiben. Aber der kleine Hardcore von nebenan, der nur nebenbei Shirts hinlegt, der gefällt mir am besten.

Gibt es demnach einen Unterschied z.B. zwischen dem Impericon Festival und der Szene, die Du beschrieben hast?

Bei unseren Konzerten gibt es viel Kiezaufmarsch. Es ist wie ein ganz großes Freundetreffen. Beim Impericon ist es kommerzieller. Da kostet die Karte 43 Euro und ein T-Shirt 20 Euro. Bei uns kosten die Konzerte 3 Euro und man hat einen cooleren Abend, weil es einfach familiärer ist.

Pavel

Wir haben vor dem Interview über die Stockartstraße geredet. Was macht die Stockartstraße aus?

Das ist ein multikultureller Treffpunkt. Es gibt dort HipHop-Konzerte oder auch im Manfred Hardcore-Konzerte. Es gibt dort auch einfach die tollsten Sachen, bei denen man sich mal miteinander hinsetzt und über Weltgeschehnisse oder politische Sachen redet. Das ist auch ein wichtiger Bestandteil der Szene, der viele Texte ausmacht. Es geht ja nicht nur darum, dass alle Bier trinken und ins Mikrofon schreien. Da steckt ganz viel mehr dahinter. Der politische Kampf gegen rechts. Es gibt auch Irrläufer, die in die Richtung laufen, aber mit denen machen wir keine Veranstaltungen zusammen. Auch der Veganismus und Vegetarismus ist ein ganz wichtiger Bestandteil der Szene.

Stell Dir vor, Du hättest alle Möglichkeiten der Welt und Du müsstest keine Konsequenzen für Dein Handeln tragen. Was würde dann für Dich das größte Glück bedeuten?

Ich würde meiner Band einen Wunsch erfüllen und einen Proberaum kaufen. Dann hätten wir das Proberaumgesuche nicht mehr. Ein Probehaus wäre schön, weil dann gleich mehrere Bands proben könnten. Ansonsten würde ich die Karl-Heine mieten und einfach alle zu einem großen Essen einladen. Daneben würde ich gern noch ganz viele Hilfsprojekte unterstützen, wie zum Beispiel die Hardcore Help Foundation.

Kannst Du Dich an einen Moment erinnern, wo Du so richtig glücklich warst?

Am 24. Juli. 2006. Die ganzen sechs Jahre waren die schönste Zeit, die ich je hatte.

Pavel

Wenn Du eine Sache in unserer Gesellschaft ändern könntest, was wäre das?

Ich würde ein Land bauen, wo man alle möglichen Extremisten vereinen könnte und sich gegenseitig wegbasteln könnte. Ich wünsche mir, dass die Leute mit offeneren Augen durch die Welt gehen und ihren Kopf einschalten. Auch hinter Aussagen stehen und nicht nur auf Facebook posten, dass man zur NoLegida-Demo geht und dann doch nicht hingeht. Sondern wieder hinter einer Sache stehen.

Gibt es eine Sache, die Du noch ansprechen möchtest?

Eine kleine Danksagung. Ich danke meiner Mutter, dass sie mich seit 28 Jahren so unterstützt und immer hinter mir steht, und auch in schwierigen Zeiten hinter mir stand. Einen großen Dank geht auch an meinen Bruder, der mich vor Schlimmeren bewahrt hat und mir gezeigt hat, wie alles enden kann. Er hat mir gezeigt, dass es auch noch etwas anderes im Leben außer Biertrinken und Spaß haben gibt. Dann geht ein großer Dank an meine Herzensmenschen, an meine besten Freunde. Die sind der Hammer!

Herz auf – Kopf an! Setzt euch mal wieder mit Leuten zusammen und redet in einem normalen Ton miteinander.

Vervollständige bitte folgende Sätze:

  1. Als ich das erste Mal Hardcore geschrien habe, … war das für mich eine Befreiung von negativen Gefühlen und vom Alltag.
  2. Neue Mitglieder in der Szene, … achtet auf euch selbst und findet euren eigenen Weg rein.
  3. Nächstes Jahr … werde ich wieder viel Zeit mit meinen Freunden verbringen und mit meinen alten Menschen auf Arbeit und ganz, ganz, ganz viel Zeit mit Reisen verbringen.
  4. In Leipzig … sollte man Stadtteile anschauen und die Schönheit der Nebenstraßen genießen und auch die nicht so angesagten Stadtviertel wie die Südvorstadt genießen.
  5. Mein Leben … ist bunt, dreckig und laut.