… portraitiert Menschen aus Leipzig.
Es werden Leute in den verschiedenen Stadtvierteln interviewt und dazu Bildserien erstellt. Viertelrausch ist das ehrenamtliche Projekt von Effektrausch – einem Büro für Employer Branding und Storytelling.

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Rasha

Mein Sohn ist meine Sonne

Rasha | arbeitssuchende Grafikdesignerin | 40 Jahre | aus Kairo | wohnt in Plagwitz

Warum bist Du nach Leipzig gekommen?

Ich bin wegen der Liebe nach Deutschland gekommen. Ich bin mit einem Deutschen verheiratet.

 

Wie lange lebst Du schon hier?

Seit mittlerweile 3,5 Jahren.

 

Was ist für Dich der größte Unterschied zwischen Kairo und Leipzig?

Da gibt es sehr viele Unterschiede. Hier ist alles organisiert, systematisch und es gibt saubere Luft. Das haben wir in Ägypten nicht. Dort herrscht Chaos und Smog. In Ägypten ist es immer laut. Hier ist es besser als in meiner Heimat.

 

Gibt es jemanden, der Dich jeden Tag glücklich macht?

Ja, mein dreijähriger Sohn. Er macht mich immer glücklich. Sein Lächeln ist für mich alles.

 

Du sagtest mir, dass Du damals bei den Demonstrationen in Kairo dabei warst. Kannst Du mir beschreiben, was Du dort gemacht hast? Wofür genau bist Du auf die Straße gegangen?

Ich habe dafür demonstriert, dass die Menschen ihre Rechte bekommen und jeder gleich behandelt wird. Und Geld sollte dabei keine Rolle spielen. Ich wollte ein demokratisches Leben. Ich wollte, dass wir unsere Meinung frei sagen können und wir für unser Land einen Schritt nach vorne machen. Doch das passiert leider nicht. Hier in Deutschland finde ich, dass die Menschen alle gleichgestellt sind. Man kann hier auch ohne Geld Papiere und offizielle Sachen bekommen. Mein Traum war es, dass mein Land für alle Menschen, ob arm oder reich, gleich ist.

 

Kannst Du eine konkrete Forderung nennen, die Du damals hattest?

Bei Menschen in offiziellen Berufen kann man nur mit Geld etwas erreichen und das wollte ich ändern. Ich wollte, dass alle Menschen gleich sind und ihre Arbeit richtig machen und nicht mit Geld.

 

Warum hast Du mitgemacht?

Weil ich an die Demokratie geglaubt habe. Wir wollten unser Land dahingehend verändern, demokratischer zu sein. Aber leider passiert das nicht.

 

Hast Du Hoffnung, dass das noch passieren wird?

Ja, ich habe immer noch die Hoffnung, dass das passieren wird. Aber die Frage ist, wie das geschehen soll.

 

Wie geht es Dir, wenn Du liest oder hörst, dass es in Ägypten wieder Unruhen gibt?

Ich habe Angst, was dann passieren wird. Ich bin hier allein in einem fremden Land. Wenn ich höre, dass es Demonstrationen gegen Muslime oder den Islam gibt, macht mir das Angst.

 

Wirst Du auf der Straße manchmal angesprochen oder diskriminiert?

Mir persönlich ist das noch nicht passiert. Ich bleibe die meiste Zeit zuhause.

 

Was bedeutet für Dich Heimat?

Heimat ist alles. Egal, ob deine Heimat schlechter oder besser ist als dort, wo du gerade bist. Die Heimat bleibt im Herzen der Menschen. Dazu zählen Freunde, Familie, die erste Liebe – all das ist Teil deiner Heimat und die Momente mit ihnen vergisst du nie.

 

Was vermisst Du von Deiner Heimat am meisten?

Ich habe immer Heimweh. Ich vermisse das Gefühl von Ägypten: die Geschäfte sind den ganzen Tag offen bzw. schließen erst abends um zwölf. Ich vermisse eigentlich alles. Ich vermisse die Straßen, die Menschen, das Rote Meer, die Sonne, die dort immer scheint. Ich vermisse viel von meiner Heimat.

 

Was gibt es dafür hier, das Du umso mehr genießen kannst?

Die Natur und die Ruhe. Aber wenn es zu viel Ruhe gibt, braucht man auch mal ein bisschen Lärm. Ich komme aus einem Land, wo immer Lärm ist. Das ist hier total anders. Auch das System hier, dass alles geplant und pünktlich ist, ist schön.

 

Wenn Du alle Ressourcen unserer Welt, also Geld, Zeit und Macht, hättest, was würdest Du sofort ändern, wenn Du könntest?

Ich würde meine Heimat gern etwas besser machen. Die Diktatur wäre nicht mehr an der Macht. Ich würde versuchen mit den Menschen zu sprechen, damit sie etwas ändern können. Es ist sehr schlecht, was in meiner Heimat gerade passiert. Ägypten ist nicht stabil im Moment. Der Präsident ist ein Diktator. Das hatte niemand gewollt. Nach der Revolution wollten wir eine Demokratie. Das haben wir jetzt nicht.

 

Was würdest Du Dir noch von unserer Gesellschaft wünschen?

Dass ich einen Job in meinem Fach finde.

 

Denkst Du, dass Du irgendwann wieder in Ägypten wohnen wirst?

Das ist mein Traum, wieder zurück in die Heimat zu gehen. Aber wegen meinem Sohn kann ich das leider nicht. Sein Vater will das nicht.

 

Woraus schöpfst Du Kraft, wenn Du mal traurig bist?

Ich mache dann für meinen Sohn und dessen Zukunft hier weiter. Für meinen Sohn muss ich immer stark sein.

 

Hast Du hier in Leipzig Freunde und Anschluss gefunden?

Ich kenne ein paar Menschen und treffe mich auch mit meiner Freundin, aber nicht so oft. Sich hier zu treffen ist schwer, weil alle sehr beschäftigt sind und wenig Zeit haben.

 

Hast Du in Leipzig schon einen Platz gefunden, der Dir viel bedeutet?

Ich mag es in der Natur zu sitzen. Das bringt mich zur Ruhe.

 

Besuchst Du Deine Freunde in Ägypten?

Ich fahre jedes Jahr einmal dorthin um meine Familie zu besuchen.

 

Vervollständige bitte folgende Sätze: 

  1. In fünf Jahren … würde ich gern einen Job finden, meinen Sohn aufwachsen sehen und das Leben miteinander genießen.
  2. In 20 Jahren … wird mein Sohn ein Mann sein und ich alt. Ich hoffe, dass ich bis dahin bleibe.
  3. Mein Sohn … ist meine Sonne, mein alles. Er gibt mir die Kraft immer weiterzumachen und weiter zu leben.
  4. Meine Erinnerung an Ägypten … bleibt für immer in meinem Herzen und lässt mich immer daran denken, wann ich zurück in die Heimat gehe.
  5. In Leipzig … kann man gut leben. Ich hoffe, dass die Menschen, die in Leipzig wohnen, die Ausländer genauso wie die Deutschen akzeptieren.
  6. Mein Leben … außerhalb meiner Heimat ist nicht einfach.

 

 

* Dieses Portrait ist in Kooperation mit dem interaction Leipzig e. V. auf dem Women* In Action-Day 2017 entstanden.