… portraitiert Menschen aus Leipzig.
Es werden Leute in den verschiedenen Stadtvierteln interviewt und dazu Bildserien erstellt. Viertelrausch ist das ehrenamtliche Projekt von Effektrausch – einem Büro für Employer Branding und Storytelling.

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Regina

Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur

Regina Schild | Leiterin der Stasi-Unterlagen-Behörde für die Außenstelle Leipzig, Mitglied des Vereins Bürgerkomitee Leipzig e. V. | 62 Jahre | aus Leipzig | wohnt in Taucha

Dieses Interview ist in Kooperation mit dem Leipziger Lichtfest im Lichtstudio im Museum der bildenden Künste entstanden. Das Lichtfest erinnert jedes Jahr am 9. Oktober an die Friedliche Revolution von 1989.

 

Wie war Ihre Situation zur Zeit des Mauerfalls?

Ich war verheiratet und Mutter von drei Kindern. Für mich waren die Verhältnisse der DDR im Jahr 1989 kaum noch auszuhalten. Ich habe für mich und meine Kinder in der damaligen diktatorischen DDR keine Zukunft mehr gesehen, daher habe ich mich engagiert.

 

Wie sah dieses Engagement aus?

Ich möchte es an zwei Beispielen fest machen.

Meine Kinder, darunter ein Zwillingspaar, waren 1989 neun und zehn Jahre alt. Wir haben unsere Kinder nicht in die Pionierorganisation gegeben. Das war eine Organisation, wo die Kinder sozialistisch erzogen werden sollten. Wir wollten das nicht, sondern wollten unseren Kindern einen Freiraum bieten. Wir sind kirchlich und wollten nicht, dass die Schule sie mit ihren Doktrinen komplett vereinnahmt. Da sie nicht  in der Pionierorganisation waren, wurden sie vorerst zu Außenseitern. Normalerweise war man stolz darauf, in der ersten Klasse in die Pionierorganisation zu gehen. Wir wollten natürlich, dass unsere Kinder integriert sind und Freunde finden, aber viele Veranstaltungen, wie zum Beispiel der Fasching, fanden im Rahmen der Pionierorganisation statt und die Lehrer haben dann entschieden, ob unsere Kinder daran teilnehmen durften oder nicht, weil sie keine Pioniere waren. Wir mussten uns daher sehr engagieren, dass die Lehrer unsere Kinder nicht als Außenseiter behandeln. Aus diesem Grund waren wir Mitglieder des Elternaktivs. Als unsere Zwillinge in die Schule kamen haben wir uns für das Elternaktiv dieser Klasse gemeldet. Die Lehrerin kam im Auftrag der Direktorin zu uns und sagte, dass sie nicht wollte, dass wir dort aktiv sind, da sie befürchtet, wir würden die Zwillinge auch nicht in die Pionierorganisation geben. Wir haben uns aber durchgesetzt und konnten weiterhin Mitglied bleiben. Das war eine  Situationen, in denen man gemerkt hat, dass wir viel mehr für die Rechte unserer Kinder kämpfen mussten als andere.

Ich habe zu der Zeit in Stötteritz im Fernmeldewerk Leipzig gearbeitet, was damals noch Nachrichtenelektronik Leipzig hieß, und auch dort bekam ich Probleme. Ich war in einer Entwicklungsabteilung tätig und es hieß Anfang 1989, wir bekommen einen Rechner aus dem Westen und unterliegen daher dem Sicherheitsbereich mit strengeren Auflagen. Wir mussten deshalb unterschreiben, dass wir jeglichen Westkontakt zu meiden bzw. zu melden haben Ich hatte allerdings durch die Kirche viele Freunde im Westen, mit denen ich mich regelmäßig zur Messe getroffen habe. Es kam mir wie ein Verrat an meinen Freunden vor. Ich war in unserer Abteilung, die aus über 100 Leuten bestand, die Einzige, die nicht unterschrieben hat. Mein Abteilungsleiter holte mich wöchentlich zum Gespräch und drohte mit einer Versetzung in irgendeinen anderen Bereich des Betriebes. Ich weigerte mich trotzdem zu unterschreiben. Letztendlich durfte ich weiterhin in meiner Abteilung arbeiten, musste allerdings den Raum meiden, in dem der Rechner stand. Für mich war es schwierig zu entscheiden, wie weit man gehen konnte. Ich wollte nicht ins Gefängnis kommen insbesondere da ich an meine drei Kinder dachte. Die DDR war für mich kein Staat, in dem es lebenswert war, weil ich meine Freiheiten nicht hatte und nicht glaubte, dass meine Kinder sich frei entwickeln könnten.

 

Wie ging es für Sie 1989 weiter?

In unserem Freundeskreis waren die Reaktionen sehr gespalten. Einige haben einen Ausreiseantrag gestellt, andere wollten bleiben. Man hatte fast das Gefühl, dass alle gehen würden und für mich war die DDR kein Ort, in dem ich bleiben wollte. Mein Freundeskreis aus Köln, der immer zur Messe nach Leipzig kam, meinte, dass sie uns mit dem Segelboot über Polen aus der DDR holen würden. Das haben sie damals vorbereitet und sie haben Pässe für uns angefertigt. Polen war ein Land, in das man nicht mehr einfach einreisen konnte, weshalb ein polnischer Freund uns eine Einladung besorgen wollte. Zwischendurch wurde in Ungarn die Grenze geöffnet. Dann war mein Schwiegervater ist gestorben. Wir haben daraufhin beschlossen, zu bleiben, weil wir die Schwiegermutter nicht allein lassen konnten. Ich wollte mich von da an mehr einbringen und bin deshalb mit zu den Friedensgebeten gegangen. Für mich war der 9. Oktober ein Tag der Entscheidung. Wir sind an dem Tag nicht in die Nikolaikirche gekommen, weil sie schon überfüllt war. Wir sind dann in die Reformierte Kirche gegangen. Als wir mit der Straßenbahn in die Innenstadt fuhren erinnere ich mich, dass eine gespenstische Stille herrschte und man sah die LKWs mit Polizisten. Das war alles sehr angespannt. Nach dem Friedensgebet gingen wir durch die Innenstadt zum Karl-Marx-Platz – so hieß der Augustusplatz früher. Und da waren die Massen Menschen auf dem Karl-Marx-Platz, dem heutigen Augustusplatz, das war  irre und wir hatten das Gefühl, wir haben es geschafft . Und alles blieb ja dann auch friedlich.

Die Stasi-Besetzung am 4. Dezember habe ich von außen erlebt. Für mich war die Stasi ein enormes Machtinstrument und ich dachte, wenn wir die besiegt haben, haben wir eine realistische Chance auf eine Veränderung. Das Bürgerkomitee, das sich an diesem Tag gegründet hatte, suchte noch Leute und als wir dort aufgenommen wurden, waren wir direkt an der Auflösung der Stasi beteiligt. Joachim Gauck wurde nach der Wiedervereinigung der erste Sonderbeauftragte für die Behörde und ließ in den Bürgerkomitees nachfragen, wer sich dort gern einbringen würde. Der Betrieb, in dem ich zuvor gearbeitet hatte, war mittlerweile aufgelöst und von Siemens übernommen worden. Aus diesem Grund habe ich mich für die Arbeit in der Behörde entschieden, weil diese Aufgabe mir wichtig geworden war.

 

Wie vielfältig ist Ihre Mitarbeit im Bürgerkomitee und in der Behörde?

Das Bürgerkomitee ist mittlerweile ein eingetragener Verein und ich bin Mitglied. Die Stasi-Unterlagen-Behörde hingegen ist eine staatliche Institution, die an das Stasi-Unterlagen-Gesetz gebunden ist. Als Bürgerkomitee fanden wir die Einrichtung einer solchen Behörde wichtig, da die Stasi-Unterlagen rechtswidrig entstanden sind und sie intime Lebensdaten der Menschen beinhalten. Diese Daten sollten nicht wieder missbraucht werden und das ging nur, wenn die Akten von einer Behörde verwaltet werden. Wir forderten daher explizit einen rechtsstaatlichen Umgang mit den Unterlagen. Es sollte eine persönliche, gesellschaftliche und juristische Aufarbeitung mit den  Akten geben. Persönliche Aufarbeitung bedeutet, dass jeder das Recht hat, seine Akte einzusehen, gesellschaftliche Aufarbeitung meint, dass es einen Teil der Akten gibt, der unter datenschutzrechtlichen Bedingungen öffentlich einsehbar ist, sodass jeder forschen kann und die Behörde kann die Akten für die politische Bildungsarbeit nutzen kann.

Wir wollten trotzdem neben dieser Arbeit als Bürgerkomitee bestehen bleiben, da man sich als Verein teilweise noch anders agieren kann als eine staatliche Einrichtung. Als Bürgerkomitee haben wir bspw. eine Ausstellung gemacht und so entstand letztendlich das Museum. In der Runden Ecke finden sich daher heute zwei Institutionen – die Stasi-Unterlagen-Behörde und das Bürgerkomitee, das als Verein das Museum betreibt. Durch die Behörde können wir mit Hilfe der Unterlagen ziemlich gut wiedergeben, was es bedeutete, in einer Diktatur zu leben. Und besonders in der heutigen Zeit ist es wichtig, das zu zeigen, da man schnell vergisst, wie eine Diktatur ausgesehen hat und wie schnell es passieren kann, dass sich demokratische Staaten wieder in eine solche Richtung entwickeln. Mir ist die Botschaft wichtig, dass es wichtig ist, sich in die Gesellschaft und die Demokratie einzubringen.

 

Wie kann ich mir die Behörde vorstellen? Gibt es dort zig Aktenschränke?

Das Haus ist vom Boden bis zum Keller mit Akten gefüllt. Wenn man die Mikroverfilmungen und die zerrissenen Unterlagen mitzählt, sind es etwa 10 Kilometer Akten. 1990 waren nur 2,4 Kilometer der Akten erschlossen. Es stand also ein großer Berg Arbeit vor uns, als die Behörde gründet wurde. Wenn jemand heute einen Antrag auf Einsicht der Akten stellt, gibt man diesen bei uns ab und man bekommt ein Schreiben, dass der Antrag registriert ist. Wir fangen an zu recherchieren in dem Leipziger Archiv mit  2,8 Millionen Karteikarten und allein zu einer Person müssen wir meist allein in unserer Außenstelle in über 400 Karteien suchen. Inzwischen geschieht das durch ein Computersystem. Wenn die Personen auf den Karteikarten erfasst sind – findet man auf diesen Signaturen und damit die Akten. In den Akten kann man dann zum Beispiel Zersetzungsmaßnahmen der Stasi finden. Oder man findet  Bewertungen und Einschätzungen von Personen, die bis in die Intimsphäre gehen. Wenn Sie Ihre Unterlagen anfordern, haben Sie nur ein Recht auf Ihre Daten oder sogenannte Zusammenhandsdaten. Sie dürfen also zum Beispiel nicht die Einschätzungen ihrer Freunde sehen. Das ist eine akribische Arbeit für uns ist. Alles was den Antragsteller nicht betrifft, sondern eine andere Person darf nicht vorgelegt werden. Einige Passagen der Akte können daher geschwärzt werden in der Kopie oder es werden Seiten abgedeckt bei den Kopien. Das betrifft aber nicht die Täter. Selbst die Decknamen der Innoffiziellen Mitarbeiter werden für die Antragsteller entschlüsselt. Wenn man in den Akten forschen möchten, werden die in den Akten genannten Betroffenen – Personen geschützt und daher werden die Namen anonymisiert. Außer die Betroffenen willigen ein. Täternamen bleiben offen. Für  politisch Inhaftierte ist die Einsicht ihrer Akten besonders wichtig, da sie mit diesen belegen können, dass das Urteil zu Unrecht gesprochen wurde. 

 

Hatten Sie einmal einen Schockmoment bei der Einsicht der Akten?

Ja, das war ziemlich zu Beginn der Einsicht der Akten. Eine Frau hat gemeinsam mit ihrem Kind einen Fluchtversuch geplant, der jedoch verraten worden ist. Sie wurde daraufhin inhaftiert und das Kind kam in ein Heim. Sie wandte sich an eine Hilfsorganisation im Westen und wollte in den Westen entlassen werden mit ihrem Kind. In der Zwischenzeit hatte man das Kind allerdings zur Zwangsadoption freigegeben. Die Frau wurde in die DDR entlassen und sie scheiterte beim Versuch, in den Westen zu kommen und ihren Sohn zurückzubekommen. Weil sie sich mit dem Thema an die Öffentlichkeit in Westdeutschland gewandt hatte, warf man ihr Hetze gegen den Staat vor, woraufhin sie erneut inhaftiert wurde. Letztendlich sind Mutter und Sohn erst wieder zusammengekommen, als das Kind schon im Jugendalter war. Die Frau hatte bei uns Akteneinsicht beantragt und in ihren Unterlagen waren unter anderem Kassetten enthalten, die sie in der Haft für ihr Kind besprochen hatte. Man hatte ihr versprochen sie an ihr Kind weiterzugeben. Dort sind diese Kassetten nicht gelandet. Dieses Schicksal berührt mich bis heute.

 

Vervollständigen Sie bitte folgende Sätze:

  1. Meine Arbeit … ist mir wichtig, weil sie auf die Unterschiede zwischen Diktatur und Demokratie aufmerksam macht und somit zeigt wieviel Möglichkeiten und Freiheiten man in einer Demokratie hat und man den Leuten mit der Einsicht ihrer Akten ein Stück gestohlener Biografie zurückgeben kann.
  2. Als ich meine eigene Stasi-Akte in der Hand hielt, … war ich froh, dass ich aus meinem ganz engen Freundeskreis keine inoffiziellen Mitarbeiter entdeckt habe.
  3. In zehn Jahren … bin ich schon längst in Rente und freue mich darauf, mich dann noch anders einbringen zu können, da mein Berufsleben im Moment einen großen Raum einnimmt.
  4. Vom Lichtfest 2019 wünsche ich mir, … dass ganz viele Menschen kommen, um mit uns die Freiheit zu feiern, die wir damals gemeinsam erkämpft haben.
  5. In Leipzig … lebe ich furchtbar gern, weil es eine lebendige Stadt mit vielen kreativen Menschen ist. Die Stadt hat sich von 1989 bis heute von einer grauen in eine pulsierende Stadt mit vielfältigen kulturellen Angeboten gewandelt. 
  6. Mein Leben … und den Weg, den ich mit Familie und Freunden gegangen bin, möchte ich vor allem im Hinblick auf die damals gemeinsam erkämpfte Freiheit nicht missen.