… portraitiert Menschen aus Leipzig.
Es werden Leute in den verschiedenen Stadtvierteln interviewt und dazu Bildserien erstellt. Viertelrausch ist das ehrenamtliche Projekt von Effektrausch – einem Büro für Employer Branding und Storytelling.

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Tammo

Über Transgender, Individuum und Gesellschaft

Tammo | Sozialberater in der Rosalinde | 32 Jahre | aus Lutherstadt-Wittenberg | wohnt im Osten

Wir haben mit Tammo über Transgeschlechtlichkeit und die RosaLinde in Leipzig gesprochen. Das hört ihr im Podcast. Im Interview könnt ihr Tammos persönliche Erfahrungen dazu nachlesen.

Du berätst Leute zum Thema Transgeschlechtlichkeit in der RosaLinde. Wie bist Du in diese Position gekommen?

Ich habe Soziologie und Erziehungswissenschaften in Magdeburg studiert und bin im Anschluss nach Halle gezogen, um dort zu leben. Ich habe zu dem Thema dann eine Promotion angefangen. Ich wollte Biografien dahingehend untersuchen, ob die Menschen ankommen, ob es das Ankommen im Wunschgeschlecht gibt und wie das biografisch bearbeitet wird. Dafür habe ich Menschen gesucht, die Trans* sind und habe dann mit jemandem ein Interview geführt, der mir von der Stellenausschreibung erzählt hat. Da habe ich mich darauf beworben und zack war ich hier. Das war Zufall, dass das so schnell ging. Das alles war 2009 und seitdem sitze ich hier.

Du bist auch gerade dabei, Dein Geschlecht anzupassen. Wie kam es dazu?

Das ist etwas, was mich schon sehr lange begleitet und eine Sache, die mal mehr oder weniger präsent war. Es gab auch Phasen in meinem Leben, in denen ich mich gut in einem lesbisch identifizierten Rahmen einfinden konnte und mich theoretisch sehr viel mit Geschlecht auseinandergesetzt habe. Dann konnte ich das für mich alles ganz wunderbar auflösen. Aber die Theorie ist die eine Sache, es bleibt etwas Leibliches. Man hat Körperwissen und Leiberfahrung. Dann wurde der Bedarf konkreter.

Tammo

Gab es da einen konkreten Auslöser?

Das war ungefähr vor drei Jahren  vom Gefühl her war das aber schon wesentlich früher. Ich hatte auch früher in meiner Familie die Option als Junge durchzugehen. Ich hatte mit meiner Mutter keine Kämpfe zu führen. Sie war immer mit dabei und hat sich dem mitverschrieben und mich unterstützt. Mich beeinflusst natürlich auch meine Arbeit. Wenn man die Menschen sieht und dann merkt: „Okay, das macht auch was mit mir.“ Darin steckt die grundlegende Frage: Individuum und Gesellschaft  Was beeinflusst wen? Das kann man nicht trennen. Das geht ineinander über. Da stellt sich auch die Frage, ob man das wissen muss.

Was war auf Deinem Weg die größte Herausforderung und wie bist Du damit umgegangen?

Es gab zwei wichtige Momente. Das eine war das Coming Out in der eigenen Familie. Ich hatte eigentlich keine großen Befürchtungen, da sie ja wussten, als was ich arbeite und wie ich lebe. Aber auf einmal ist doch ein Restrisiko da, was einen schon verunsichert. Das hat sich im Nachhinein als unbegründet herausgestellt . Da habe ich schon selbst gemerkt: „Oh, da muss ich jetzt mutig sein.“ Auf der anderen Seite war es die Kommunikation innerhalb einer damaligen Beziehung. Das war schwierig und das muss man den Menschen dann auch zugestehen, das dann bestimmte Sachen nicht gehen. Das war auf jeden Fall eine Herausforderung und nicht leicht.

Wie bist Du dann damit umgegangen?

Für mich war bei beiden Szenarien klar, egal welchen Ausgang ich mir überlegt hatte, dass ich an der Sache nichts ändern kann. Ich bin hier auch in einer privilegierten Situation, in meinem Arbeitskontext und mit meinem sozialen Umfeld. Da hatte ich die Sicherheit, dass dort Menschen sind, die mich unterstützen. Das ist am Ende das Wichtigste, auch für den Fall, dass die Partnerschaft oder Familie wegbricht.

Tammo

Wie fühlt sich die Angleichung genau an? Gibt es die klassische Vorstellung am Ende irgendwo anzukommen?

Ich habe jetzt nicht die Idee, dass ich am Ende irgendwo ankomme und dort bin ich dann ich selbst. Mir würde das eher Angst machen, weil das Stillstand bedeutet. Was passiert dann? Mich macht ja auch mehr aus. Ich bin jetzt nicht nur Trans*, sondern ich bin noch viel mehr. Deshalb denke ich, dass bis ich tot umfalle immer irgendwas passieren wird. Natürlich ist es aber jetzt im Moment eine besondere Situation. Ich nehme jetzt seit einem halben Jahr Hormone und das macht natürlich was mit mir, also körperlich. Es wachsen zum Beispiel Haare, wo früher keine Haare gewachsen sind. Die Stimme wird tiefer. Es wird sichtbar und ich werde darauf angesprochen. Das fühlt sich auch gut an. Das waren auch Marker, die ich mir gesetzt hatte, weil ich mir noch unsicher war, was ich alles machen möchte oder ausschließe. Da kann man auch viel ausprobieren. Wenn man einmal angefangen hat Hormone zu nehmen, kann man sie auch wieder absetzen, wenn es sich nicht gut anfühlt. Das würde für mich auch das Trans* sein einer anderen Person nicht in Frage stellen.

Wie hat es sich angefühlt, als sich das Erste verändert hat?

Ich selbst bekomme das schlecht mit, weil ich so drinstecke. Irgendwann häufen sich die Kommentare von außen. Das ist schon schön, wenn man das mitbekommt, dass man dem Bild, was man von sich selbst hat, ein Stück weit mehr entspricht. Das ist schon alles ein bisschen wie Pubertät, wenn man an seinem Körper die Veränderungen wahrnimmt.

Kannst Du Dich an eine Situation erinnern, als Du Dich richtig über einen bestimmten Kommentar gefreut hast?

Ein Kommentar den ich ganz cool fand: Die Würfel fallen komplett neu. Es ist dann nicht mehr so ganz klar, wen man im Moment begehrt. Da habe ich Erfahrungen gemacht, die ich vorher für mich nicht in Anspruch genommen hätte, da ich als Frau gelesen wurde, jetzt aber als schwuler Mann gelesen werde. Das finde ich eine sehr interessante Erfahrung. Und ein schwuler Freund von mir hat einen Kommentar gebracht: Ach, da bist du ja jetzt Konkurrenz. Das hat mich gefreut, weil es etwas Anerkennendes hatte. Wir empfinden uns nicht als Konkurrenten, da wir völlig unterschiedliche Typen sind, aber das fand ich echt gut. Auch solche Sachen wie: Das wurde aber auch mal Zeit. Das impliziert, dass die Leute es als offensichtlich erachten. Man hat natürlich viele Fragen und zweifelt auch manchmal und da waren solche Kommentare schön.

Wie tust Du Dir generell etwas Gutes?

Ich mache gute Musik an. Ich bin immer auf der Suche nach Musik, die mich inspiriert und fasziniert. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Ich kann mir keinen Tag vorstellen, an dem ich mir nicht ganz bewusst irgendetwas auflege.

Tammo

Was denkst Du, wie Dein Leben in fünf Jahren aussieht?

Ich hoffe, dass wir hier den Laden noch weiter aufbauen und noch weitere Leute anstellen können. Das ist ein großes Bedürfnis, aus den noch sehr prekären Arbeitsbedingungen rauszukommen. Das ist eine Hoffnung und ein Wunsch. Ich weiß nicht wie realistisch der ist. Die bürokratischen Anforderungen werden immer größer und man kommt nicht mehr richtig zu der Arbeit, die man eigentlich machen will. Wenn ich mir aber die Wahlprognosen anschaue, dann wird mir da eher mulmig. Wahrscheinlich muss ich umorientieren und etwas ganz anderes machen. Sollte die AfD in einem Gremium sitzen, in dem sie was entscheiden kann, sind solche Sachen hier schnellstmöglich angeschlossen. Aber ich wäre in fünf Jahren gerne noch in der RosaLinde.

Wie hat die RosaLinde Leipzig beeinflusst?

Die RosaLinde gibt es bereits seit 25 Jahren. Die Institution war in den 90ern super präsent, dann ist sie etwas von der Bildfläche verschwunden und seit 2006 tritt sie kontinuierlich wieder auf den Plan. Mehr Leute als man vermutet kennen die Linde, auch durch die lange Zeit. Wir sind nach wie vor der einzige Ort für die Zielgruppe und alles, was mit sexuellen Orientierungen und/oder geschlechtlichen Identitäten zu tun hat, AnsprechpartnerIn. Wir erweitern auch unser Spektrum. In diesem Punkt haben wir auf jeden Fall Einfluss. Wir bieten etwas für Ältere an, für Trans* Personen, für Refugees und vieles andere. Es zeichnen sich einfach Bedarfe ab. Wir werden zum Beispiel bald viele Alte sein. Hier stellen wir uns die Frage, wie wir später leben möchten. Die Strukturen bisher sind grausig.

Wer ist bei Euch alles willkommen?

Alle, die sich im weitesten Sinne dafür interessieren, Angehörige oder Menschen, die es direkt betrifft. Auch generell Interessierte sind willkommen. Bei uns engagieren sich ebenfalls Menschen, die sich als hetero definieren, weil es auch ein Abbild der Gesellschaft ist und es ist sehr spannend in den Outingrunden des Schulprojketes, wenn sich eine heterosexuell definierte Person outet. Auch Freunde und Freundinnen des Vereins sind willkommen. Es gibt aber genauso Abende, die geschlossen sind, weil es Schutzräume braucht. Generell haben wir aber genug Platz für viele .

Vervollständige bitte folgende Sätze:

  1. Als ich zur RosaLinde gekommen bin, … dachte ich: „Was für ein Sauhaufen.“
  2. Und mittlerweile … liebe ich den Laden sehr.
  3. In zehn Jahren ist die RosaLindeum mindestens 15 Mitarbeiter größer und hat ein eigenes Haus.
  4. In Leipzig … fühle ich mich sehr wohl.
  5. Mein Leben … kann noch sehr lange in Leipzig stattfinden.