… portraitiert Menschen aus Leipzig.
Es werden Leute in den verschiedenen Stadtvierteln interviewt und dazu Bildserien erstellt. Viertelrausch ist das ehrenamtliche Projekt von Effektrausch – einem Büro für Employer Branding und Storytelling.

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Wolfgang

Möchte die Stadtqualität bewahren

Dr. Wolfgang Hocquél | freiberuflich tätig (erstellt Konzepte und Gutachten für die Denkmalpflege und publiziert zur Leipziger Baugeschichte & arbeitet ehrenamtlich für die Kulturstiftung Leipzig) | 71 Jahre | aus Osterfeld | wohnhaft im Zentrum

Dieses Interview ist in Kooperation mit dem Leipziger Lichtfest im Lichtstudio im Museum der bildenden Künste entstanden. Das Lichtfest erinnert jedes Jahr am 9. Oktober an die Friedliche Revolution von 1989.

 

In welcher Situation haben Sie sich zur Zeit der Montagsdemonstrationen 1989 und des Mauerfalls befunden?

Ich habe zu der Zeit in Leipzig gewohnt und einfach ganz normal gearbeitet. Ich gehörte nicht zur Opposition – im Gegensatz zu meinem Sohn Falk. Er wurde schon bei der Montagsdemo am 2. Oktober verhaftet. Das habe ich allerdings erst zwei Wochen später erfahren. Interessant waren die Umstände seiner Festnahme. Zu dem Zeitpunkt war mein Sohn 18 Jahre jung und sportlich.  Aber auf die vermeintlichen Rädelsführer wurden Sportler angesetzt. Er hatte also bei seinem Versuch davonzulaufen keine Chance. Mein Sohn war in der Beethovenstraße inhaftiert und erst drei Wochen nach der Festnahme, als die DDR schon fast Geschichte war, hat man ihn entlassen. Noch kurz zuvor hatte ich mir noch nicht vorstellen können, dass es zu einem Ereignis wie am 9. Oktober kommen würde, daraus wurde dann schnell eine Massenbewegung. Das System der DDR brach daraufhin ziemlich schnell zusammen, denn die Macht war der Obrigkeit entglitten. Und trotzdem entstand unter den Menschen kein Chaos. Im Gegenteil: Es herrschte eine unglaubliche Aufbruchstimmung. Warum der Staat am 9. Oktober nicht mit Polizeigewalt einschritt, ist bis heute nicht völlig klar, aber dieser Umstand ermutigte die Demonstranten.

Ich persönlich habe erst die zweite Demo miterlebt. Die Demos waren derart friedlich, dass weder ein Verkehrsschild gekippt noch ein Blumenbeet zertrampelt wurde. Ich habe zu der Zeit beim Rat des Bezirkes in der Denkmalpflege gearbeitet. Viele meinen ja, es hätte damals nur eine Trennung zwischen ‚oben und unten‘ gegeben, aber das war m.E. nicht so. Der Riss ging auch vertikal durch die Gesellschaft und auch die Leute in höheren Positionen haben gesehen, dass das Schiff langsam sinkt. Oberbürgermeister Dr. Lehmann-Grube hat mal gesagt, Denkmalpfleger seien von Natur aus Oppositionelle. Zu der Zeit glich die Stadt einer Ruinenlandschaft. Der Bezirk Leipzig war pleite. Abgesehen von der nicht vorhandenen Reise-, Presse- und Informationsfreiheit und dem teils geringen Wohlstand, denke ich, dass der ruinöse Zustand der meisten Wohngebäude ebenfalls zu den Ereignissen am 9. Oktober beigetragen hat. Manche Altbauten hatten seit 60 Jahren keinen Handwerker mehr gesehen. Den Menschen brachen buchstäblich die Dächer über den Köpfen zusammen. Man konnte gar nicht so viele Wohnungen neu bauen, wie durch den Verfall verloren gingen. Daher war die Wohnungsnot 1989 so groß wie nie zuvor.

 

 

Sie haben daraufhin recht schnell Initiative ergriffen, mit der Volksbaukonferenz.

Im Kulturbund der DDR gab es eine Gesellschaft für Denkmalpflege, in der ich ehrenamtlich tätig war. Wir haben damals ausgesprochen, dass die Baupolitik der DDR für Leipzig verheerender war als der Zweite Weltkrieg. Das ließ sich durch Zahlen belegen: Im Zweiten Weltkrieg sind etwa 25% der Stadt Leipzig zerstört worden und 1989 waren 90% der Altbausubstanz schwer geschädigt und viele Gebäude scheinbar nicht mehr zu retten. Wir haben im November 1989 die Notwendigkeit gesehen, etwas tun zu müssen. Wir taten uns mit dem Verband bildender Künstler und dem Bund der Architekten zusammen. Wir hatten die Idee, eine große Konferenz – die „1. Leipziger Volksbaukonferenz“ – zu veranstalten, da wir wussten, dass der bauliche Verfall und die Wohnungsnot ein zentrales Thema der Leipziger waren. Wir haben mit einem Plakat von Heinz-Jürgen Böhme und Detlef Lieffertz geworben, auf dem symbolträchtig die „Glockenmänner“ abgebildet waren und so zur Konferenz am 6./7. Januar 1990 in eine der großen Messehallen auf der Agra eingeladen. Unser Ziel war es, dass einmal alle Fakten ungeschönt auf den Tisch kommen und man ehrlich miteinander spricht.  Jeder durfte seine Meinung sagen. Der Bauminister selbst ist aus Berlin gekommen und hat eine Rede gehalten. Das muss schon etwas heißen, wenn der Staat seine höchsten Funktionäre schickt. Dennoch wurde er ausgebuht, weil er die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt hatte. Sogar die Aktuelle Kamera hat mehrmals über die Konferenz berichtet. 

Nach der Wiedervereinigung kamen viele Investoren nach Leipzig, die glänzende Augen bekamen, als sie sahen, was für schöne alte Häuser hier stehen, die man nur zu reparieren brauchte. So kam eine Sanierungskampagne in Gang und schon nach 10 oder 15 Jahren sah die Stadt wieder wesentlich schöner aus.

 

Warum war es für Sie persönlich wichtig, das voranzutreiben?

Denkmalpflege und Baugeschichte waren meine Hobbys. Ich habe Bauwesen studiert und habe zunächst bei der Stadt gearbeitet. 1975 kamen die modernen Denkmalschutzgesetze heraus – sowohl in der DDR als auch im Westen. Ich hatte das Glück, dass ich im Stadtzentrum als Bauleiter tätig war und dadurch habe ich meine Sympathie für alte Häuser und historische Bausubstanz entdeckt. Das wurde zu meinem bestimmenden Lebensinhalt. Für mich war es 1990 eine Befreiung, da wir vorher zwar viel versucht, aber nur wenig erreicht hatten. Wir waren gut ausgebildet. Ich habe in Kunstgeschichte promoviert und eine Zusatzausbildung an der TU Dresden zum Fachingenieur für Denkmalpflege gemacht. Uns fehlte es folglich nicht an Kompetenz, sondern an materiellen und finanziellen Mitteln. Nach 1990 haben wir jährlich Fördermittel in Millionenhöhe bekommen, die wir an die Eigentümer für die Instandsetzung ihrer Denkmäler ausreichen konnten. Das Denkmalschutzgesetz bewirkte plötzlich etwas, weil man es durchsetzen konnte. Auf einmal waren Handwerker und Baumaterialien da und auch finanziell war vieles möglich. Das war für mich eine unglaubliche Erlösung. Man konnte von Tag zu Tag etwas erreichen und so hat das Arbeiten Spaß gemacht.

 

Vervollständigen Sie bitte folgende Sätze:

  1. Die Volksbaukonferenz … hat auf die riesigen Defizite in der Stadtentwicklung aufmerksam gemacht und hat allen Leipzigern die Möglichkeit gegeben, sich in die Neugestaltung der Baupolitik einzubringen.
  2. Das diesjährige Lichtfest … erwarte ich mit Spannung, weil ich von diesem Leipziger Lichtfest eine hohe Qualität erwarte.
  3. Denkmalpflege bedeutet für mich, … dass wir durch Baukultur die Stadtqualität bewahren. 
  4. In Leipzig … finde ich gut, dass wir jetzt wieder Bundesligafußball haben.
  5. Mein Leben … war bisher sehr erfolgreich und ich kann weiterhin mein Hobby, die Baugeschichte leben, was mich glücklich und zufrieden macht.